BYOP

Materialien zur Meinungsbildung

Früher amüsierte sich selbst der Spießbürger über den »Abkürzungsfimmel« der Bürokratie, wenn »Post vom Amt« in den Briefkasten flatterte. Heute hingegen ist es zeitgemäß, alles abzukürzen. Dabei ist die Bürokratie doch bei allen verhasst: von Atze und Pit, die mit ihren Hunden immer vor Trinkhalle Hirmsel herumsitzen (»Hundesteuer ist neo­liberale Scheiße, merkste selber, ne?«) bis hin zum Start-up-Sunnyboy, für den die Hölle ein Büro ist, in dem ein Faxgerät steht.

Abkürzungen sind beliebt, weil sie anzeigen, dass da einer so sehr ins gesellschaftliche und geschäftliche Leben eingebunden ist, dass keine Zeit mehr bleibt für Umständlichkeiten, die einen nur aufhalten zwischen all den Kick-offs, Keynotes, Come-togethers. Zum anderen funktionieren Abkürzungen wie ein Code, den nur Eingeweihte souverän beherrschen und der den anderen signalisiert, von einem tieferen Wissen ausgeschlossen zu sein — vom blasiert-bourgeoisen r.s.v.p. bis zum modischen Internetkürzel.

Nun haben Abkürzungen auch manchen Vorteil. Der Kurzatmige wird es begrüßen, in der Kneipe mit ein paar Bierchen hinter der Binde nicht auch noch 4-(2-Hydroxyethyl)-1-piperazinethansulfonsäure aussprechen zu müssen, sondern es lässig, jedoch von Fachleuten akzeptiert durch »Hepes« zu ersetzen. Nun gut. Aber die Grußformel »VG« unter einer Nachricht hat etwas Verstörendes. Zurecht fragt da der feinfühlige Mensch: Warum quetscht jemand seine angeblich ach so vielen Grüße in bloß zwei Buchstaben? Die Grüße sind dann doch ganz verknittert und unansehnlich! Und überhaupt, wenn jemand schon mit den Buchstaben so knausert, was ist das wohl für ein Mensch? Großzügigkeit und eine Schachtel Pralinen als Mitbringsel dann und wann, das darf man da ja wohl nicht erwarten!

Ich kannte mal einen feinfühligen Postboten, dem es Schmerzen bereitete, dass im Adressfeld der Briefe und Postkarten niemand mehr den Straßennamen ausschreibt, sondern diesen mit »str.« abkürzt — bloß, um drei Buchstaben zu sparen! Darunter das so ­grazile und mysteriöse Eszett, das ohnehin unter die Räder der Rechtschreibreform gekommen ist — man müsste das Eszett zum Weltkulturerbe deklarieren!

Jetzt stelle man sich bitte vor, da schriebe jemand an die Dame seines Herzens einen glühenden Brief mit den wunderbarsten Komplimenten — aber steckte diesen Brief in ein Kuvert, das völlig unbekümmert mit einer Adressanschrift versehen würde, deren Straßenname bürokratisch rasselnd auf »str.« endet! Da könnte der Brief noch so sehr den Hauch von Damaszener Rosen verströmen und die zärtlichen Worte erahnen lassen — ach! Die feinfühlige Dame würde mit einem Male schroff und gäbe dieses »Schriftstück« sogleich ungelesen ins Kaminfeuer! Denn wie töricht käme es ihr vor, sich von so einem Menschen, ach was: von so einer Person!, umgarnen zu lassen. Am Ende ständen gewiss nur Lug und Trug, Verrat und Täuschung und eine Herzenskälte, so frostig und klirrend wie es klingt, wenn man str. auszusprechen versuchte!

Aber auch ein Herr kann feinfühlig sein und zum schroffen Empfinden getrieben werden! Wenn Gesine Stabroth mich per Rund-E-Mail »einlädt« zu irgendwas, wo ich wieder nur doof rumstehe und hoffe, dass das Bier im Kühlschrank »nicht wirklich« das gesamte Sortiment für diesen Anlass ist, und wenn ich dieses digitale Schriftstück weiterlese und mir vor dem leider obligatorischen »VG Gesine« noch ein »BYOB« ins Auge springt — die Abkürzung elendster Knausrigkeit! — dann, ja dann wünsche ich mir, ich hätte ein Kaminfeuer lodern und dass man auch E-Mails dort hineingeben kann.