Draußen ist es kalt: Earth

In Würde arm

Earth spielen eine Anti-Musik aus Rockriffs. Am Montag spielen sie im Gebäude 9

Diese Musik ist sublimierter Schmerz. Sublimierung ist, wenn der Metzger Arzt werden will. Earth abstrahieren von Metal- und Rock-Formen in der denkbar einfachsten Art — durch konsequente Reduktion. Entschleu­nigung, Entsättigung, Ent­mytho­logisierung. Es bleibt nur das Dröhnen der immer­gleichen Power­riffs, strukturiert durch ­einen ­minimalistisch getrommelten 4/4-Rhythmus.

Nie klang Drone Music so karg, nackt, verarmt. Auch einsam. Es war anders geplant. »Earth 2« (1993), heute eines der Kultalben der 1990er, 15 Jahre später Referenzwerk für Sunn O))), Boris und jede Doom-Band, die ihre Gitarren runter­stimmt, sollte tatsächlich eine neue Rock-Ära einläuten, Rock entbunden von jeder Funktionalität — nicht dient der Ver­stärker der Gitarre, sondern die Gitarre dem Ver­stärker. Über­steuerung als Heilsprinzip. So war das gedacht. So kam es aber nicht. Das Album war ein kommerzieller Flop, wurde vom Label, immerhin Sub Pop, als Gag vermarktet. Erst nach der Jahrtausendwende wurde es kanonisiert (aber wird es auch wirklich gehört?).

Earth ist seit der Gründung 1989 im Wesentlichen Dylan Carlson, einer der Mitgründer der Band war Kurt Cobain. Ein anderer Band-Kollege soll Cobain schließlich die Waffe besorgt haben, mit der dieser seinem Leben ein Ende setzte. Die ganzen 90er Jahre sind für Carlson ein unhei­lvolles Jahrzehnt. Earth gelten bald als Musican’s Musicans, aber für einen Kompass durchs Musik­geschäft reicht dieser Status nicht. Die beiden Nachfolge­alben von »Earth 2« waren nicht gut, Carlson verfiel den Drogen, wurde vergessen. Vom Heroin kam er los, spärlich folgten ab 2002 erste Konzerte, jetzt mit Schlag­zeugerin Adrienne Davies an seiner Seite, die seitdem die zweite Konstante der Band ist. Und es ist eine Band, kein Solo- oder Duo-Projekt. Dieser aller­allgemeinste Band­name impliziert Anonymität, verweist auf einen Sound, der das Schwingen, Reiben und Knacksen im Inneren des Planeten symbolisiert. Nicht mehr, und vielleicht noch weniger.

Seit 2005 veröffent­lichten Carlson und Davies konstant, ein Album besser als das andere, wenn man dieser Musik über­haupt Entwicklung unter­stellen mag. Nun, auch Mono­tonie schillert, die Wüste lebt. Seit 2019 war von ­ihnen aber nichts mehr zu hören. Jetzt sind sie wieder auf Tour, die Gerüchte blubbern, ein neues Album solle folgen, sogar von einem Solo-Album Carlsons ist die Rede. Letztes Jahr erschien bereits ein Live-Album mit Material der 2016er-Tour. Es tut sich was. In angemessenem Tempo. Man kann auch Wasser beim Verdunsten zuschauen.

stadtrevue präsentiert:

Konzert

Mo 2.2., Gebäude 9, 20 Uhr