»Es hat sich was verändert«
Christoph Kuckelkorn hat 21 Jahre lang den organisierten kölschen Karneval geprägt — als Leiter des Rosenmontagszugs, dann als Präsident des Festkomitees, das rund 140 Gesellschaften vertritt. Mit Kuckelkorn ist der Karneval vielfältiger und auch politischer geworden, hinzu kamen zahlreiche soziale und karitative Projekte. In seine Amtszeit fallen ebenso die Corona-Pandemie und der russische Angriff auf die Ukraine wie Debatten um zu wenig Frauen im offiziellen Karneval, die Ausschreitungen im Straßenkarneval oder auch der Einsatz von Pferden bei den Umzügen. Nun zieht Kuckelkorn, von Beruf Bestattungsunternehmer, sich aus den offiziellen Ämtern zurück, um mehr Zeit für das Privatleben und seine Arbeit im bundesweiten Netzwerk der Bestatter zu haben.
Herr Kuckelkorn, was machen Sie ab Aschermittwoch, wenn alles vorbei ist?
Ich falle in kein Loch. Karnevalistisch bin ich Blauer Funk, jetzt darf ich in die Reihen meines Korps zurückkehren, wozu ich 21 Jahre kaum Zeit hatte. Ich glaube, die freuen sich auf mich. Und meine Familie auch.
Oft fehlt das Verständnis für den Karneval. Da gibt es Sitzungen im Advent oder man feiert Karneval-Events im Sommer...
Der rheinische Karneval ist offiziell immaterielles Kulturgut Deutschlands. Damit sind auch Regeln verbunden, etwa die zeitliche Begrenzung des Fests. Wir dürfen nicht müde werden, Bildungsarbeit in der Gesellschaft zu leisten und den Wert von Karneval darzustellen.
Welcher ist das?
Karneval ist ja mehr, als nur zu feiern. Gerade in Zeiten, wo die Gesellschaft sich spaltet, führt der Karneval zusammen. Das gemeinsame Erleben überbrückt alles, da ist Integration und Inklusion. Der Karneval ist nicht nur seelenreinigend, weil wir uns ausleben, sondern auch ein hohes Gut, um Gemeinschaft zu fördern. Wir gehen in die Schulen, auch in Brennpunkt-Schulen, und mischen sie mit unserer Aktion »Pänz große Pause« auf. Wir hoffen, mit solchen Konzepten unser Wertesystem, bei dem Ehrenamt ein ganz hohes Gut ist, auf eine jüngere Generation übertragen zu können, bei denen ein ganz großer Teil einen anderen kulturellen Hintergrund hat.
Wir müssen die Menschen, die zu uns kommen, um zu feiern, besser abholen. Ich prangere schon seit Jahren an, dass es nicht genug Angebote im Straßenkarneval gibtChristoph Kuckelkorn
Aber der Straßenkarneval ist auch geprägt von Suff, Krawall, Chaos...
Wenn man die Karnevalskultur nicht von Kind auf kennt, denkt man vielleicht, das ist wie Oktoberfest — also, dass da kein tieferer Sinn drin steckt, außer Biertrinken und Musik. Wir Kölsche haben da einen anderen Zugang. Wir müssen die Menschen, die zu uns kommen, um zu feiern, besser abholen. Ich prangere schon seit Jahren an, dass es nicht genügend Angebote im Straßenkarneval gibt. Damit wird der Magnet zwar noch stärker. Aber man kann das nicht zurückdrehen und den Karneval hässlich machen, damit weniger Menschen kommen.
Sie hatten durchaus Kontroversen mit der Stadtspitze.
Es muss eine Partnerschaft mit der Stadt geben für diese Angebote. Aber das Bekenntnis hat dort bislang gefehlt. Vielleicht ändert sich das jetzt, und die Tür öffnet sich für neue Ideen.
Es hatte mit OB Reker zu tun?
Ich glaube, es ist schwierig, wenn jemand in der Stadt regiert und nicht über politische Mehrheiten und Rückhalt in den Parteien verfügt. Der neue OB hat zumindest eine Vision von der Stadt und geht mit Energie und Hartnäckigkeit an die Themen. Etwa bei der Olympia-Bewerbung — die ist total wichtig für die Region, genauso wie der Karneval.
Der Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly ist vom Putin-Regime angeklagt, ihm wird in Abwesenheit der Prozess gemacht. Macht Ihnen das Sorge?
Ich habe überlegt, ob das eigentlich ein Fluch oder ein Adelstitel ist. Und wo wir hier so unter uns sind: Jacques Tilly ist ein Freund. Wir sind Brüder im Geiste, was den Rosenmontagszug und die Persiflage angeht. Jacques hat es nun erwischt. Das hätte uns auch passieren können. Aber da stehen wir als Bündnis zusammen.
Der Düsseldorfer Zug gilt als politisch bissiger.
Der Zug dort funktioniert anders. Die Wagen sind nicht mit den Gesellschaften verbunden wie in Köln, wo deren Präsident mit den Themen konform sein muss. Aber faktisch ist der Kölner Zug oft genau so scharf. Auch wir thematisieren etwa Missbrauch in der Kirche, aber wir machen es vielleicht mit weniger nackten Hintern.
Als Sie Zugleiter wurden, sagten manche, mit Ihnen beginne im organisierten Karneval eine Art Perestroika: der Umbau des verkrusteten Systems.
(lacht) Es hat sich was verändert. Viele kennen heute die alten Zeiten nicht mehr. Das war auch netter Karneval, aber eher für so eine geschlossene Benutzergruppe, sag ich mal. Der Zug war nicht richtig politisch. Der Große Senat, der das Unternehmertum in Köln repräsentiert, konnte ein Veto gegen Wagen einlegen — weil er einen Großteil des Zugs finanziert hat. Das haben wir geändert. Ich hab mit Amnesty International diskutiert, wir hatten die Klimathemen im Zug...
Als der Straßenkarneval 2022 unter Corona-Auflagen begann, waren in der Nacht zuvor russische Truppen in die Ukraine einmarschiert.
Morgens um sechs kamen die ersten Anrufe aus der Staatskanzlei, ich lag mit Corona zu Hause. Meine Vorstandskollegen und ich haben uns beraten. Es war klar, dass die Kölner sich nicht den Rosenmontagszug nehmen lassen. Aber er muss organisiert sein, sonst droht Chaos. Dann haben wir die größte Demo in der Geschichte von NRW erlebt. Das zeigt, wie toll diese Stadtgesellschaft ist und welche Energie der Karneval entfalten kann.
Wie steht es um den alternativen Karneval?
Früher waren Sie geradezu verfeindet. Gibt es den sogenannten alternativen Karneval überhaupt noch? Das ist ja längst ein etablierter und, bezogen auf die Stunksitzung, auch kommerzieller Karneval. Die verdienen doch Geld damit, während wir Ehrenamtler sind. Ob der Humor unterschiedlich ist? Ich weiß nicht. Und wenn auf deren Sitzungen von einem alten, verknöcherten Festkomitee die Rede ist, frage ich mich, wo die eigentlich leben. Im alternativen Karneval sind viele längst älter als wir. Trotzdem bin ich mit vielen befreundet. Die müssen halt nach außen das Bild wahren.
Die Formen des Karnevals ändern sich. Aber Karnevalspartys ohne Karnevalsmusik und ohne Kostümierung? Wo ist die Grenze?
Es gibt keine Grenze! Das Angebot im Karneval war noch nie zu vielfältig in zweihundert Jahren. Jeder findet, was er braucht. Es gibt Partys, Flüstersitzungen und mittlerweile auch Kneipensitzungen, total schön! Wir waren jetzt bei einer Sitzung, da wurde quasi der Saal zur Kneipe gemacht: wenig Programm, aber viel Miteinander und Awareness-Teams, die für das Publikum da waren. Das ist doch total cool!
Die Sensibilität in der Gesellschaft ist auch gestiegen. Wir hatten die Diskussion um diskriminierende Kostümierungen. Muss man Kindern sagen, dass sie sich nicht als Indianer verkleiden sollten?
(zu seinem Pressesprecher) Darf ich so reden, wie ich denke? (Pressesprecher: »Mach, wie Du meinst...«) Indianer waren in meiner Generation immer die Guten, die hatten unsere Sympathie, ihre Nähe zur Natur, all das. Wenn sich jemand als Indianer verkleidet, drückt das auch aus, dass man diesen Idealen nachfolgt. Aber wenn eine Verkleidung dazu dient, sich über eine Ethnie lustig zu machen, dann ist das zu verurteilen, und auch zu blackfacing habe ich eine klare Meinung. Im Gegensatz zu einem Indianerkostüm finde ich aber schlimm, als SWAT-Team zu gehen. Das macht manchmal Angst. Interessant, als was die Leute gehen. Man kann den Menschen immer in die Seele gucken.
Sie sind Bestattungsunternehmer und Karnevalist — für viele klingt das kurios.
Als Bestatter ist man Seelsorger, aber man richtet eben auch ein Event aus, eine Familienfeier. Gestaltung, Musik, Blumenarrangements, Bewirtung — bei einem Staatsakt ist es fast so komplex wie ein Rosenmontagszug. Bei einer Beerdigung darf nicht das Geringste schiefgehen. Diese Perfektion braucht es auch im Karneval. Karneval und Beerdigung — das ist nicht so unterschiedlich. Bis hin zum Liedgut. Freude und Trauer liegen auch im Karneval zusammen.
Wie sehr gehören für Sie der Glaube und Karneval zusammen?
Der Karneval ist an das Kirchenjahr gekoppelt, aber natürlich soll jeder mitfeiern. Der Elfte Elfte war früher der Beginn der vorweihnachtlichen Fastenzeit. Wir beginnen unsere Session mit einem ökumenischen Gottesdienst im Dom. Es muss nicht der institutionelle Glaube sein, aber ein gewisses Werteverständnis gehört dazu, auch an den Karnevalstagen.