»Sehr bedrohlich«
Es gibt sie nur einmal in Deutschland, und das in Köln: eine Universitätsprofessur zu Disability Studies. Dabei handelt es sich nicht um einen Studiengang, sondern einen Arbeitsbereich, der den gesellschaftlichen Umgang mit Behinderung erforscht. Nun soll die Professur wegfallen. Das gab die Humanwissenschaftliche Fakultät der Uni Köln im vergangenen Dezember bekannt. Die NRW-Landesregierung will den Hochschulen in diesem Jahr wegen des Haushaltsdefizits insgesamt 120 Mio. Euro streichen. Die Uni Köln hat deshalb beschlossen, ihre Ausgaben um 10 Mio. Euro zu senken und teilt mit, die Fakultäten hätten »eigenen Handlungsspielraum« bei der Umsetzung der Kürzungen. Neben den Disability Studies wird der Master für Politikwissenschaften eingestellt; außerdem soll es weitere Arbeitsbereiche an der Humanwissenschaftlichen Fakultät treffen, an der die Disability Studies angesiedelt sind: etwa die Gerontologie, die sich mit dem Altern beschäftigt.
»Den größten Aufschrei gab es wegen der Disability Studies«, sagt Stefan Brackertz vom Bündnis Köln gegen Kürzungen, das Proteste gegen die Sparmaßnahmen organisiert. Für Angestellte und Studierende ist der Wegfall der Disability Studies nicht nachvollziehbar. Sarah Karim, die die Professur aktuell vertritt, sagt: »Es gab keine inhaltliche Begründung, die Kriterien für die Entscheidung waren insgesamt unklar.« Die Uni Köln äußerte sich gegenüber der Stadtrevue zwar zu den allgemein bevorstehenden Kürzungen, aber nicht zum Wegfall der Disability Studies. Insgesamt gebe es an der Humanwissenschaftlichen Fakultät keine klaren Ansagen zu den Kürzungen, berichten Studierende. Eine Anfrage zu weiteren bedrohten Bereichen ließ die Fakultät unbeantwortet.
Die Kürzungen betreffen eine Personengruppe, die sich sowieso nicht sicher ist, ob sie einen Platz an der Uni hatKathrin, Autonomes Referat studieren ohne Schranken
»Wir wünschen uns mehr Transparenz«, sagen die Studierenden Kathrin und Francis vom »Autonomen Referat Studieren ohne Schranken«. Ihre Nachnamen wollen sie nicht öffentlich nennen. Studierende mit Behinderung und die Angestellten der Disability Studies müssten »Teil der Entscheidung sein.« Die Mitglieder von Studieren ohne Schranken haben alle eine Behinderung oder Erkrankung. Für viele sei ein Wegfall der Disability Studies »sehr bedrohlich«, sagt Kathrin. Die Kürzung habe eine Personengruppe getroffen, die sich »sowieso oft nicht sicher ist, ob sie einen Platz an der Uni hat«. Zu viele Barrieren gebe es, angefangen bei »Banalitäten« wie der Frage, ob man wegen eines nicht funktionierenden Fahrstuhls noch bestimmte Lehrveranstaltungen besuchen könne.
Die Disability Studies stellen genau diese Perspektive in den Vordergrund. Anstatt auf die Frage, wie Menschen mit Behinderung therapiert oder pädagogisch begleitet werden können, konzentriert sich der Arbeitsbereich auf gesellschaftliche Hindernisse. »Es geht um einen emanzipatorischen Ansatz«, sagt Francis. »Im Arbeitsbereich Disability Studies forscht man nicht nur über behinderte Menschen, sondern auch mit uns. Deshalb fühlen wir uns dort repräsentiert.«
Die Disability Studies sind als Forschungsgegenstand und Lehrinhalt an der Uni Köln Teil verschiedener Studiengänge wie der Heilpädagogik. »Die Perspektive, dass die Gesellschaft eine andere werden soll, würde ohne die Disability Studies in vielen Studiengängen fehlen«, sagt Stefan Brackertz vom Bündnis Köln gegen Kürzungen. In den Augen der Universität könne die Sichtweise der Disability Studies zwar weiterhin in den entsprechenden Studiengängen »mitgedacht« werden, berichten Kathrin und Francis von Studieren ohne Schranken. »Aber Mitdenken ist etwas anderes als Im-Fokus-haben.« Wirklich etabliert seien die Disability Studies nur an ihrem eigenen Lehrstuhl.
Den gilt es also in den Augen von Professorin Sarah Karim zu erhalten: »Es muss institutionelle Orte geben, die gesellschaftskritische, analysierende Grundlagenforschung zu dem Thema betreiben können.« Solche Orte fallen derzeit auch andernorts weg: In Hamburg soll das Zentrum für Disability Studies an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie schließen. Der Verein Disability Studies Deutschland hat eine Petition gegen die Entwicklungen in Hamburg und Köln gestartet, die bei Redaktionsschluss von fast 6.000 Menschen unterschrieben wurde.
Der Protest an der Uni Köln bleibt für viele Studierende und Dozierende seitens der Verwaltung unzureichend beantwortet. Stefan Brackertz ist trotzdem optimistisch, dass sich die Kürzungen noch abmildern lassen: »Für uns ist die Debatte nicht abgeschlossen.«