Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs: Lee Byung-hun; © CJ ENM MOHO FILM

No Other Choice

Park Chan-wook nimmt die scheinbare Alternativlosigkeit des ­Kapitalismus aufs Korn

Man-su steht im Kreise seiner Liebsten im schönen Garten seines Eigen­heims. »Ich habe alles«, seufzt er glücklich. Wenn ein Film so beginnt, kann es von da an nur abwärts gehen. Man-sus Firma hat ihm für seine lang­jährigen Dienste Aale geschenkt — eine wertvolle Delikatesse in Asien. Noch hält er das für ein gutes Zeichen, und so steht dem gemeinsamen Grillen mit der Familie nichts im Weg.

Doch bald muss Man-su erfahren, dass der Aal keine Aner­kennung, sondern eine Art symbolische Abfindung war. Weil nach der Übernahme durch eine US-Firma bei seinem Arbeitgeber die KI Einzug hält, braucht man ihn nicht mehr. Man-su fällt aus allen Wolken. Der englische Begriff »feuern« sei im Koreanischen gleichbedeutend mit »Kopf ab«, ruft er den Entscheidungs­trägern halb verzweifelt, halb wütend hinter­her. Aber es hilft alles nichts.

Ein Motivationskurs für Arbeitslose verspricht einen neuen Job in schon drei Monaten, doch auch anderthalb Jahre später ist keine Anstellung für Man-su in Sicht, die finanzielle Abfindung aber aufgebraucht. Die Tenniskurse seiner Frau und die Cello­kurse seiner Tochter, das Netflix-Abo des Sohnes, das Zweitauto und sogar die beiden Hunde müssen eingespart werden. Und schließlich steht das Eigenheim zur Disposition.

Park arbeitet gerne in unterschiedlichen ­Genres und vermengt sie auch in einzelnen Filmen. In ›No Other Choice‹ treibt er dieses Spiel auf die Spitze, mitunter sogar in einer einzigen Szene

Man-sus Frau sieht das alles sehr pragmatisch, doch spätes­tens beim Haus ist für den Familien­vater eine rote Linie über­schritten. Er muss handeln. Die Inspiration kommt aus­gerechnet von einem sarkastischen Kommentar seiner Frau: »Warum trifft deine Mitbewerber nicht der Blitz?« Von nun an ist für Man-su klar: Das Problem sind nicht die Bosse, die KI oder der Kapi­ta­lis­mus, auch nicht die zu wenigen offenen Stellen. Nein, das Problem sind die zu vielen ­Bewerber, oder konkret: Man-sus Konkurrenten um einen poten­ziellen Job.

Der Südkoreaner Park Chan-wook, seit 25 Jahren einer der ­bedeutendsten Regisseure des Weltkinos, hat immer wieder mit bizarren Gewaltfantasien schockiert, etwa 2003 bei seinem internationalen Durchbruch, dem Rache­­­epos »Oldboy«. Dass er auch absurde Komödien realisieren kann, zeigte unter anderem seine bizarre RomCom »I’m a Cyborg, But That’s OK« aus dem Jahr 2006. Mit seinem letzten Film »Die Frau im Nebel« (2022) lieferte er wie­derum einen Thriller mit melo­dramatischem Grundton.

Park arbeitet gerne in unterschiedlichen Genres und vermengt sie auch in einzelnen Filmen. In »No Other Choice« treibt er dieses Spiel auf die Spitze, mitunter sogar in einer einzigen Szene. Atemberau­bend virtuos gestaltet er die Schlüs­selszene, in der Man-su den point of no return erreicht: Mit Gummi­stiefeln, Anglerhose und überdimensionalen Koch­hand­schuhen steht er bei ohrenbetäubendem Lärm aus einer Stereoanlage mit einer Waffe vor seinem ersten Opfer. Der bringt weinerlich, aber anrührend die ganze Tragik seines Lebens auf den Punkt, wäh­rend sich von hinten dessen Ehe­frau nähert, um Man-su eins überzubraten. Es folgt ein slapstick­haftes Gerangel um die Pistole, an dessen Ende das Publikum wei­tere unvor­hersehbare Wendungen erwarten.

Donald E. Westlakes Romanvorlage »The Ax« hat 2005 bereits Costa-Gavras auf Französisch verfilmt. Park wollte das Buch ein paar Jahre später als amerikanische Produktion auf Englisch realisieren, scheiterte aber. Nun haben Costa-Gavras Frau Michèle und Sohn Alexandre Park geholfen, »No Other Choice« in Südkorea zu realisieren. Hier kann sich Parks Regie der irritierend absurden ­Gegensätze voll entfalten — sie unter­scheidet seinen Film auch deutlich von »Parasite« (2019) seines Landsmanns Bong Joon-ho, trotz Parallelen in Bezug auf die schwarz­humorige Kapitalismuskritik. So entsteht in »No Other Choice« eine mitunter schwer zu erfassende und ertragende Dis­sonanz und Überlagerung von Tonlagen und Gefühlen. Was ziemlich passend ist, da sich der Täter während des Mordens in ­seinen Opfern wiedererkennt.

Doch Man-su sieht keine andere Wahl, wie schon der Titel ver­rät, und so bleibt er wie der Kapitalismus einer inneren Logik der Alternativlosigkeit verhaftet. »Ich werde alles tun, was nötig ist, um meine Familie ernähren zu können«, sagt Man-su. »Wir sind im Krieg.«

KOR 2025, R: Park Chan-wook
D: Lee Byung-hun, Son Yejin, Park Hee-soon
139 Min. Start: 5.2.