»35 Tonnen« Kokain: Das nö theater über Drogenschmuggel und seine zersetzenden Gefahren; Foto: nö theater

Schnee von heute

Das nö theater räumt schon wieder den Kölner Theaterpreis ab — und ist eine der spannendsten und politischsten freien Gruppen von Köln

Am Ende stürzen die Performer:in­nen aus dem Garten des Orangerie Theaters mit einer Kettensäge auf uns zu. Verdient. Denn schließlich sind wir alle auf die eine oder andere Weise Teil eines Systems, das gigantische Kartelle des organisier­ten Verbrechens entstehen lässt und Gesellschafts­strukturen in ­lateinamerikanischen Staaten zerstört — und damit unsere Demokratien gefährdet. Dabei hatte der Abend über Drogen ziemlich launig begonnen.

Mit »35 Tonnen«, inszeniert von Regisseur Asim Odobašić, hat das Kölner nö theater den Theater­preis gewonnen. Mal wieder. Haupt­figur des Stücks ist der smarte, supercoole, aber auch ein wenig trottelige GenZ-Kumpel von nebenan, den Schauspieler Felix Höfner realistisch anlegt. Klar, dass ein bisschen Koksen zum Lifestyle gehört. Und irgendwie hat das Verbotene auch seinen Reiz, ist krank, aber auch geil.

Manchmal ist das, was auf der Welt passiert, so grotesk, dass der Humor von selbst dazu kommt und uns davor bewahrt, in die Depression zu rutschenLucia Schulz

Vom Reiz des Verbotenen kann auch die trockene Beamtin (Asta Nechajute) nicht ablassen, die aus einer Ecke des Raums ­lakonisch von realen Fahndungs­erfolgen berichtet: 35 Tonnen ­Kokain im Wert von mehreren Milliarden Euro wurden vom NRW-Justizministerium im letzten Jahr sicher­gestellt. Und dann wird das Publikum aus dem Foyer mitgenommen auf eine Reise in den kolumbianischen Dschungel ins Gewächshaus des Orangerie Theaters. Da wartet schon die sexy Drogenbaronin, grandios ­lässig und lustig gespielt von ­Lucia Schulz. Es staubt das weiße Pulver, flattern die Geldscheine, glitzert das süße Leben. Das bisschen Geldwäsche und Bandengewalt machen doch nichts — bis es dem gierigen Gringo Felix Höfner an den Kragen geht. 

Gleich mehrfach bleibt das ­Lachen im Halse stecken an diesem fantastischen Abend, werden die Konsequenzen des Drogenkreislaufs spürbar. Das nö theater hat ein komplexes Thema in relevantes politisches, doku­men­ta­risches Theater verwandelt. Mit ­irrwitzigen Einfällen, Brüchen der Ebenen, Klamauk und Ernst.

Das machen sie tatsächlich schon seit mehr als fünfzehn Jahren, mehrmals im Jahr, rund 30 Stücke sind so entstanden. Der kreative Ausstoß ist beträchtlich — allein im Jahr 2026 stehen zwei neue Premieren an. Die meisten Mitglieder des Kollektivs haben ihre Ausbildung an der Kölner Theaterakademie absolviert, zum festen Kern gehören noch Janosch Roloff oder Patric Welzbacher. Der war mit seiner letzten nö-Inszenierung »Kafka — in falschen Händen« übrigens auch auf der Nominierungsliste für den Theaterpreis, ein feiner, kluger Monolog über den Verrat von Max Brod an Franz Kafka, der dadurch dessen Werke für die Welt gerettet hat. Wo liegt die Grenze der Loyalität, fragt der Abend und zeigt: Nicht nur Politik spielt beim nö theater eine Rolle.

Aber Politik bleibt ihre Königsdisziplin. Aufgefallen sind sie mir schon 2010, als sie mit einer tiefgründigen Recherche den Fall des in sächsischer Haft möglicherweise ermordeten Asylbewerbers Oury Jalloh aufrollten und ganz neue Zusammenhänge zutage förderten. In der Kölner Theaterszene so richtig bekannt wurden sie mit ihrem Stück »V wie Verfassungsschutz«, das, ganz genau, 2012 den Theaterpreis gewann. »Es war eine wilde Zeit: Eigent­lich hatten wir uns bei den Proben gefragt, ob das Thema überhaupt noch jemanden interessiert — und dann enttarnte sich plötzlich der NSU«, erzählt Schauspielerin und nö-Gründungsmitglied Asta Necha­jute. Auf einmal hatten sich alle Recherchen gelohnt, die eine Kontinuität der Skandale seit den 1950er-Jahre aufdeckten: In ihrem furiosen Stück rollten sie das ganze Vertuschen und Versagen jener Behörde auf, die immer wieder im Verdacht steht, den Rechtsextremismus, den sie bekämpfen soll, durch ihr V-Leute-System selbst am Leben zu erhalten. Oft waren sie mit diesem Stück auf Tournee, spielten in Theatern, aber auch in antifaschistischen Zentren oder Bildungsstätten. Oft waren sie damit auch in Ostdeutschland, wo sie zuweilen Polizeischutz am Bühnenausgang bekamen.

Tiefe Recherchen und aktuelle Themen sind ihr Markenzeichen geblieben. Dabei arbeitet das Kollektiv gleichberechtigt: »Wenn wir uns auf ein Thema geeinigt haben und genug Fördergeld eingesammelt haben, klären wir, wer diesmal ­Regie führt, suchen Experten und verteilen die Rechercheaufträge«, erzählt Lucia Schulz. Nach dieser Vorbereitungsphase ziehen sie sich für ein paar Wochen zurück und entwickeln gemeinsam das Stück. Dann erst beginnen die eigentlichen Proben. »Uns ist wichtig, dass für jedes Thema eine eigene Form entsteht«, sagt sie. In der Gemeinschaft entwickelt sich auch der zynische und zugleich befreiende Humor am besten, der ein Markenzeichen des nö theaters ist: »Wir haben oft versucht, ernste Stücke zu machen. Aber manchmal ist das, was auf der Welt passiert, so grotesk, dass der Humor von selbst dazu kommt und uns davor bewahrt, in die Depression zu rutschen«, sagt Lucia Schulz.

Wichtig war das auch bei ihrer Arbeit »G wie Grüne Armeefrak­tion«: eine bitter-zynisch-komische Abrechnung mit den vermeintlich terroristischen Aktivi­täten der Klima-Aktivist:innen. Damit gewannen sie den Theaterpreis 2023. Bahnbrechend war das Stück »Inside AfD« von 2017, als die rechts­populistische Bedrohung der Demokratie in dieser Dimension noch nicht abzusehen war: Als Kulisse diente ein Banner mit Wald-Wiesen-Idyll, davor drei AfD-Funktionäre mit Schotten­röcken auf Barhockern, die an ­Alice Weidel, tumbe Mitläufer-Brutalos und Martin Sellner erinnerten. Sie warteten auf Björn ­Höcke und dessen »wichtigste Rede des Jahres«, dabei redeten sie sich um Kopf und Kragen. Auch zum geheimen »Hannibal-Netzwerk«, aufgedeckt durch die taz, haben sie ein Stück gemacht und bravourös die theatralische Dimension jenes rechten Atten­täters »Franco« herausgearbeitet, der sich absurderweise als syrischer Flüchtling ausgeben konnte.

Eine feste Spielstätte hat das nö theater nicht, sie spielen im Theater Tiefrot, der Stadthalle Mülheim, der Alten Feuerwache, im Klüngelpütz oder eben im Orangerie Theater. Das einzige, was man diesem Leuchtturm der Freien Theaterszene Kölns vorwerfen könnte, ist, dass sie mit ihren kreativen Talenten manchmal unter ihren eigenen Möglichkeiten bleiben. Mit ihrem Feuerwerk an künstlerischen Einfällen, der Fähigkeit zur satirischen Zuspitzung, der politischen Relevanz, die sie auszeichnet, könnten sie längst bundesweit bekannt sein. Um das voranzutreiben, dafür fehlt ihnen das Geld. Aber so — bleiben sie immerhin der hiesigen Theaterszene noch möglichst lange erhalten.