Knochen und Metall
Dass Big-Tech-Konzerne sich mit Populist:innen verbündet haben und die Demokratie gefährden, dürfte sich herumgesprochen haben. Das Deslocar-Kollektiv geht noch einen Dystopie-Schritt weiter, inspiriert von einer Erzählung des brasilianischen Autors Lima Barreto: Hier wird Rohstoff-Abbau direkt im menschlichen Körper betrieben, Knochen in Metall umgewandelt. Endlich hat die Menschheit nachwachsende Rohstoffe. Wie umweltfreundlich und anti-fossil! Bio-Mining ist die Lösung. Aber natürlich spielt das auch darauf an, wie sehr menschliche Daten zum neuen Gold geworden sind. Per Video wird das Institut C.I.M.B. — Center for Bone Mining eingeblendet, per KI in die Jahrhunderthalle Bochum platziert: dem einstigen Bergbau-Zentrum schlechthin.
In futuristischen schwarz-weißen Anzügen empfangen uns die Performer:innen schon im Foyer, führen uns zur Kellerbühne. 2035 — die Katastrophe hat Europa erreicht, spricht es vom Video. Es werden Massensterben, steigende Meeresspiegel, Migrationsströme gezeigt. Dann erfüllt oranges Licht die Szenerie, bewegen sich zwei Tänzer:innen-Schatten zu sphärischer Musik, schwenken seltsam leuchtende 3D-Drucker-Objekte. Die Mining-Werkzeuge? Die komprimierten Datenschätze? »Liebe Gäste, danke, dass Sie unserer Mission vertrauen«, werden wir wie Versuchskaninchen des neuen Menschheitsfortschritts auf Englisch begrüßt.
Jetzt wird es dunkel, Elektro-Klänge quietschen, schemenhaft sehen wir Tänzer:innen mit Stirnlampen, die den Daten-Abbau in ihren Körpern performen — und anschließend lässig darüber plaudern, wie es sich anfühlt. Immer klarer wird hier, dass wir Zuschauer:innen in einer manipulativen Werbeveranstaltung gelandet sind, gelockt mit Keksen, blau leuchtenden Getränken und Sinnversprechen. »Daten sind Liebe«, spricht es — ehe bei den Performer:innen etwas schief zu laufen scheint und sie sich tanzend in einen Streit verkeilen. Dann aber lesen sie doch wieder die real existierenden Knebel-Verträge von BigTech vor: »Accept all cookies«. Gefangen sind wir alle.
Spannend, wie das Deslocar-Kollektiv das Publikum mit einbezieht, effektvoll mit Bühne, Licht, Objekttheater und Tanz agiert. Schade, dass die Erzählung in dieser »2Solarpunk-Sci-Fi-Performance« am Ende doch etwas kryptisch bleibt und die echten Gefahren der digitalen Daten-Monopolisierung nicht erwähnt werden.
»The New Silicon Valley«
Freies Werktstatt Theater
26. & 27.2., 20 Uhr