Rohstoff-Abbau im menschlichen Körper: Deslocar Kollektiv; Foto: Alessandro De Matteis

Knochen und Metall

In »The New Silicon Valley« erfindet das Deslocar ­Kollektiv eine Dystopie des Bio-Mining

Dass Big-Tech-Konzerne sich mit Populist:innen verbündet haben und die Demo­kratie gefährden, dürfte sich herum­gesprochen haben. Das Deslocar-Kollektiv geht noch einen Dystopie-Schritt weiter, inspiriert von einer Erzählung des brasilianischen Autors Lima Barreto: Hier wird Rohstoff-Abbau direkt im mensch­lichen Körper be­trieben, Knochen in Metall umgewandelt. Endlich hat die Mensch­­heit nach­wachsende Rohstoffe. Wie umweltfreundlich und anti-fossil! Bio-Mining ist die Lösung. Aber natürlich spielt das auch ­darauf an, wie sehr mensch­liche Daten zum neuen Gold geworden sind. Per Video wird das Institut C.I.M.B. — Center for Bone Mining eingeblendet, per KI in die Jahr­hundert­halle Bochum platziert: dem einstigen Bergbau-Zentrum schlechthin.

In futuristischen schwarz-weißen Anzügen empfangen uns die Perfor­mer:innen schon im Foyer, führen uns zur Kellerbühne. 2035 — die Katastrophe hat Europa erreicht, spricht es vom Video. Es werden Massen­sterben, stei­gen­de Meeres­spiegel, Migrations­ströme gezeigt. Dann erfüllt oranges Licht die Szenerie, bewegen sich zwei Tänzer:innen-Schatten zu sphärischer Musik, schwenken seltsam leuchtende 3D-Drucker-Objekte. Die Mining-Werk­zeuge? Die komprimierten Daten­schätze? »Liebe Gäste, danke, dass Sie unserer Mission vertrauen«, werden wir wie Versuchs­kaninchen des neuen Menschheits­fortschritts auf Englisch begrüßt.

Jetzt wird es dunkel, Elektro-Klänge quietschen, schemen­haft sehen wir Tänzer:innen mit Stirn­lampen, die den Daten-Abbau in ihren Körpern performen — und anschließend lässig darüber plaudern, wie es sich anfühlt. Immer klarer wird hier, dass wir Zu­schauer:in­nen in einer mani­pula­ti­ven Werbeveranstaltung gelandet sind, gelockt mit Keksen, blau leuchtenden Getränken und Sinn­versprechen. »Daten sind Liebe«, spricht es — ehe bei den Pe­rfor­mer:innen etwas schief zu laufen scheint und sie sich tanzend in ­einen Streit verkeilen. Dann aber lesen sie doch wieder die real existierenden Knebel-Verträge von BigTech vor: »Accept all cookies«. Gefangen sind wir alle.

Spannend, wie das Deslocar-Kollektiv das Publikum mit einbezieht, effektvoll mit Bühne, Licht, Objekt­theater und Tanz agiert. Schade, dass die Erzählung in dieser »2Solarpunk-Sci-Fi-Performance« am Ende doch etwas kryptisch bleibt und die echten Gefahren der digitalen Daten-Monopoli­sierung nicht erwähnt werden.

»The New Silicon Valley«

Freies Werktstatt Theater
26. & 27.2., 20 Uhr