Tradwife-Neid
Das Etikett Tradwife-Roman klebt sich Hannah Lühmanns neues Buch selbst auf, die Autorin Daniela Dröscher verwendet es in einem Klappentext auf dem Buchumschlag. Protagonistin Jana, von der »Heimat« in der dritten Person erzählt, ist mit ihrer Familie ins Grüne gezogen und fasziniert von Karolin. Karolin, Anfang 30 und fünffache Mutter, zitiert Rilke und gibt ihren Kindern auf der Eigenheimterrasse Rohmilch vom Hof, »nicht gekocht, so bleiben die Nährstoffe drin.«
»Ich weiß, viele von euch folgen meinem Content, weil sie lernen wollen, wie man eine gute christliche Ehe führt«, schreibt sie auf Telegram, und von der Unterordnung der Frau unter den Ehemann. Vom Mama-Lesekreis, zu dem sie auch Jana eingeladen hat, postet sie ein Foto auf Instagram. »Smashing feminist ideology with the girls«, liest Jana später in der Caption, irritiert, aber auch angezogen, die beiden freunden sich an, und Janas Beziehung zu Noah gerät ernsthaft in Bedrängnis.
Vieles in »Heimat« kennt man aus den Kommentarspalten. Sollte nicht deshalb gerade ein Themen-Roman, der derart eng entlang von Gegenwartsdiskursen erzählt, sich selbst sprachliche Mittel zum Maßstab machen, mit denen sich die emotionalen und atmosphärischen Komplexitäten ausloten lassen, die solche Diskurse in Menschen auslösen? Hannah Lühmann gelingt das. Das Romanpersonal wird äußerst plastisch, manche wörtliche Reden sitzen wie Kinnhaken. »Die Großen hat der Staat geholt und in die Schule gesteckt«, antwortet Karolin, als Jana sie an einem Vormittag nach ihren älteren Kindern fragt. Plump wirkt Karolin trotzdem fast nie, denn aus der Luft gegriffen sind ihre Vorbehalte gegen Fremdbetreuung im Säuglingsalter und überfordernde Vollberufstätigkeit von Müttern nicht, vielmehr sind es die Widersprüche des linksliberalen Lebensentwurfs, den Jana noch vor kurzem für sich selbst reklamiert hat. Dass Karolins Leben sie anzieht, inszeniert der Roman sehr glaubwürdig.
Die Ambivalenz der Figurenzeichnung ist die große Leistung des Buchs, ein wenig mehr sprachlichen Ehrgeiz wünscht man ihm dennoch. Manches Bild bleibt flach, Stille etwa, die als »unverhofftes Geschenk« erscheint. »Was vielversprechend geklungen hatte, stellte sich mehr und mehr als ein Albtraum der Spießigkeit heraus«, heißt es in einem Satz, den der Roman nicht gebraucht hätte, weil die gruselige Spießigkeit von selbst aus »Heimat« spricht.
Hannah Lühmann: »Heimat«
Hanser, 176 Seiten, 22 Euro
Lesung
Fr 20.2., King Georg, 21 Uhr