Sorgen in der Rappelkiste
Barbara Burg macht sich Sorgen um ihre »Rappelfamilie«. So nennt die Leiterin der kleinen Ehrenfelder Kita Rappelkiste ihre Einrichtung. Die ist nach mehr als fünfzig Jahren bedroht — falls das neue Kinderbildungsgesetz (KiBiz) so verabschiedet wird, wie es der Entwurf der schwarz-grünen NRW-Landesregierung vorsieht. Demzufolge soll eingruppigen Kindertagesstätten, die vor 2007 gegründet wurden, eine jährliche Förderpauschale von 15.000 Euro gestrichen werden. Und zwar ab dem Kindergartenjahr 2028/2029. Eine Sprecherin des Familienministeriums begründet die Kürzungen auf Nachfrage mit einer angestrebten »Angleichung und Vereinheitlichung«: Die betroffenen Kitas sollen mit jüngeren Einrichtungen, die keine Pauschale bekommen, gleichgestellt werden.
Kitas wie Barbara Burgs Rappelkiste sind von den Kürzungen in ihrer Existenz bedroht. 242 Einrichtungen unter dem Dach des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW müssten nach dessen Berechnungen schließen. In Köln wären das 27 Kindergärten. Eingruppige Kitas haben oft finanzielle Schwierigkeiten, weil ihre Personal- und Betriebskosten höher sind als die größerer Kindergärten. Mechthild Thamm vom Paritätischen Wohlfahrtsverband sagt, die Pauschale von 15.000 Euro sei seit 15 Jahren nicht mehr an die gestiegenen Preise angepasst worden. »Anstatt die Pauschale zu streichen, müsste sie eigentlich verdoppelt werden«, so Thamm. Durch die Kürzungen seien viele Elterninitiativen gezwungen, ihren Kita-Betrieb aufzugeben. So gehe die Trägervielfalt verloren.
Auch die Rappelkiste ist eine Elterninitiative. Und als solche für Leiterin Burg pädagogisch besonders wertvoll, weil Kinder in einer kleinen, persönlichen Einrichtung besser betreut werden könnten. »Wir haben die Kinder gut im Blick und legen viel Wert auf Füreinander und Miteinander«, sagt Burg. Die Rappelkiste sei ein »Ort der Sicherheit und Geborgenheit«. Doch der steht nun laut Kassenführer Tim Doetsch vor dem Aus. Um die Kürzungen aufzufangen, sagt Doetsch, müsste die Rappelkiste ihre monatlichen Elternbeiträge nahezu verdoppeln. »Schon eine geringe Beitragserhöhung stellt für viele Familien ein Problem dar.« Die Einrichtung würde zu einer Kita, die sich nur Eltern mit einem gewissen Budget leisten könnten.
Auch die Kita Räuberhöhle in der Innenstadt wäre vom neuen KiBiz-Entwurf betroffen. Deren Leiterin Silke Eppinger macht dabei noch eine andere Änderung Sorgen: Die Förderung sogenannter Kita-Helfer:innen, die nicht-pädagogische Aufgaben übernehmen, soll künftig als neu berechnete Pauschale pro Kind anstatt wie bisher pro Einrichtung vergeben werden. Beherbergt eine Einrichtung weniger Kinder, bekäme sie also auch weniger Geld. Laut der Landesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen NRW könnten eingruppige Einrichtungen helfendes Personal dann nur noch fünf Stunden pro Woche bezahlen. Für Silke Eppinger ist das ein Problem: »Bei uns fehlt schon jetzt im Jahresdurchschnitt dreieinhalb Monate lang Personal wegen Krankheit und Urlaub.« Insgesamt entstünde der Kita Räuberhöhle nach deren Berechnungen ein jährliches Defizit von 25.000 Euro.
Anstatt die Pauschale zu streichen, müsste sie eigentlich verdoppelt werdenMechthild Thamm, Paritätischer Wohlfahrtsverband
Eigentlich soll die KiBiz-Reform Kitas nicht weniger, sondern mehr Geld zur Verfügung stellen. Die Sprecherin des Familienministeriums schreibt auf Nachfrage, dass die Landesregierung mit der Reform »trotz einer sehr schwierigen Haushaltslage« die Grundfinanzierung der Träger pro Jahr um 200 Mio. Euro erhöhen wolle.
Mechthild Thamm vom Paritätischen Wohlfahrtsverband sagt, das Geld werde kleine Kitas nicht retten können — zu groß sei deren finanzielles Defizit. Thamm sieht eingruppige Einrichtungen auch bei einer weiteren Fördermaßnahme durchs Raster fallen, die das Land NRW mit dem neuen KiBiz ergreifen möchte: 50 Mio. Euro sollen jährlich in die Ausbildung von Kita-Personal fließen. In der Theorie könne das auch kleinen Kitas zugute kommen, sagt Thamm — »wenn sie es wirtschaftlich schaffen, eine Auszubildende einzustellen«. Dafür müssten die Einrichtungen aber erst mehr Einnahmen generieren, und das sei meist nicht ausreichend möglich, so Thamm. »In der Realität profitieren kleine Kitas also nicht von der Personaloffensive.« Laut der Sprecherin des Familienministeriums bringt die Landesregierung durch die KiBiz-Reform »mehr Stabilität und Verlässlichkeit in die Einrichtungen«. Das dürften eingruppige Kitas anders sehen.