Offene Versuchsanordnung: Group­show; Foto: Rolf Arnold

Der Ort als Textur

Jan Jelinek, Hanno Leichtmann und Andrew Pekler haben nach eigener Aussage den »Lautstärke-Darwinismus« verinnerlicht — und daraus die spektakuläre Group­show geformt

Das Berliner Trio Groupshow, ­bestehend aus Jan Jelinek, Hanno Leichtmann und Andrew Pekler, erkundet die Schnittmengen von freier Improvisation, elektronischer Musik und Rock-Formen. Ihr Ansatz ist so minimalistisch wie transparent: Statt eines festen Repertoires entstehen Klanglandschaften in Echtzeit, deren Bruchstellen und Wiederholungen ­bewusst hörbar bleiben. Das ­Publikum erlebt den Prozess des Musikmachens unmittelbar mit. 

Jan Jelinek zählt seit den 1990er Jahren zu den prägenden Figuren der experimentellen Elektronik. Bekannt wurde er unter anderem mit dem Projekt Gramm sowie unter dem Alias Farben; sein Label Faitiche ist die Schnittstelle von Elektronik, Konzeptkunst und Improvisation. Hanno Leichtmann ist Schlagzeuger, Komponist und Produzent, dessen Arbeit sich zwischen elektronischen Strukturen und komposi­torischer Offenheit bewegt. Er ­arbeitet regelmäßig für Theater und Film, seine Musik ist geprägt von einer präzise, zugleich zurückhaltenden Handschrift. Andrew Pekler, kanadischer Gitarrist, bewegt sich zwischen abstrakter Elektronik, dekonstruierten Gitarren­klängen und imaginären Klangarchitekturen. Seine Ver­öffentlichungen — häufig ebenfalls auf Faitiche — verbinden konzep­tuelle Strenge mit sub­tilem Humor und einer großen Liebe zum Detail. 

Bei Groupshow treffen diese Haltungen aufeinander. Jede Performance ist ein Trialog zwischen Loops, Rhythmen und Gitarrenfiguren — ein sozio-musikalisches Zusammenspiel, das auf Geduld, Aufmerksamkeit und gegenseitigem Vertrauen beruht. Wer den Moment behutsam auskostet, wird belohnt. Oder, wie Jan Jelinek es formuliert: »Langeweile kann ihre eigene Schönheit entfalten.«

Zu Beginn möchte ich gerne wissen, was ihr an den jeweils anderen künstlerisch besonders spannend empfindet. 

Jan Jelinek: Groupshow ist eher wie ein altes Ehepaar — da gibt es nicht viel Spannung oder Aufregung. Entscheidend ist vielmehr, zu wissen, wie der andere tickt, denn das kann bei einer Gruppenimprovisation sehr hilfreich sein. Wir haben kein gemeinsames Repertoire, weil wir keine Zeit und keine Lust haben, zusammen zu proben — siehe altes Ehepaar —, müssen aber trotzdem irgendwie zusammen funktionieren. 

Hanno Leichtmann: Jan kann in jedem Aggregatzustand geniale, hypnotische Loops aus dem Hut zaubern. Andrew wiederum vermag es, nonchalant auf der Gitarre zwischen frühem Rock’n’Roll-ismus, Krautrock und eigenwilligsten, weirden Kreationen zu oszillieren. 

Andrew Pekler: Hanno hat Geduld, denn er kann über sehr lange Zeit ein rhythmisches Motiv fast unmerklich entwickeln. Jan hat diese Geduld eigentlich auch, allerdings eher in der Verdichtung melodischer und harmonischer Elemente innerhalb seiner Loops.

Was bedeutet das für Groupshow als Band? Wie empfindet ihr eure eigenen Rollen bei dem Projekt? 

Jan: Von Soundtechnikern werde ich oft als Keyboarder bezeichnet. Andrew ist für die Dance-Moves zuständig, und Hanno übernimmt den Rest. 

Hanno: Meine Rolle ist die des Mannes fürs rhythmisch Grobe. 
Andrew: Ich verstehe meine Rolle als Bindeglied zwischen Hannos Rhythmen und Jans Loop-Figuren.

Die Musik von Groupshow entsteht durch freie Improvisation und wird dann für die Veröffentlichungen verdichtet. Wie harmonisch habe ich mir diesen Verdichtungsprozess bei drei ausgeprägten Künstlerpersönlichkeiten vorzustellen? 

Jan: Im Grunde ist das ein Lautstärke-Darwinismus: Der Lauteste gewinnt und darf sein Thema durchsetzen. 

Hanno: Für die Veröffentlichungen haben wir uns die Stücke aufgeteilt, und jeder hat drei bis vier Tracks abgemischt. Wir sind recht ­un­willig darin, mehrere Stunden ­gemeinsam im Studio herum­zuhängen und zusammen zu ­mischen.

Vielleicht klingt das pathetisch, aber es geht um Momente, in denen man gemeinsam auf etwas kommt, worauf man alleine nie gekommen wäreAndrew Pekler

Könnt ihr in Worte fassen, nach welchen Momenten ihr beim ge­meinsamen Musikmachen sucht?  

Jan: Wir suchen einen Groove, zu dem jeder gleichberechtigt beiträgt, und wenn wir ihn gefunden haben, sollten wir bitte möglichst lange dabei bleiben.   

Andrew: Vielleicht klingt das etwas pathetisch, aber es geht um Momente, in denen man gemeinsam auf etwas kommt, worauf man alleine nie gekommen wäre.

Was bedeutet das für den nächsten Schritt — die Live-Performance vor Publikum?  

Jan: Es gibt keine Überführung, weil es kein Repertoire gibt. Texturen entstehen an Ort und Stelle. Im Idealfall ist das unterhaltend, und in der Realität kann das auch seine Längen haben. Langeweile kann aber ihre eigene Schönheit entfalten, wenn sich am Ende des Tunnels eine Logik verdichtet, die sagt: Das Warten hat sich gelohnt.  

Hanno: Mittlerweile spielen wir keine stundenlangen Sets mehr, sondern eher vierzig Minuten. Dadurch sind die Längen einfach kürzer geworden, obwohl diese alten »between pleasure and pain«-Sets auch ihren Reiz hatten. 

Andrew: Für mich bedeutet das vor allem, den anderen beiden genau zuzuhören und nicht einfach irgendetwas zu spielen, nur um beteiligt zu sein. Bei drei Personen wird es sehr schnell sehr dicht — das kann großartig sein, sollte aber gut dosiert werden.

Ihr beschreibt eure Vorgehensweise als eine Methode transparenter Verdichtung, bei der Scharniere und Bruchstellen hörbar bleiben. Woher kommt diese Offenheit? 

Jan: Ganz einfach: weil wir es nicht anders können. 

Hanno: Ein weiteres Bedürfnis ist ganz klar, dass wir nicht proben wollen. 

Andrew: Auch wenn beides stimmt, kann das hörbare Scheitern im besten Fall auf das Publikum ange­nehm entmystifizierend wirken.

Ihr habt Konzerte in der Mitte des Raums gespielt, umgeben vom Publikum. Ist das ein bewährtes Konzept für euch?   

Jan: Um ehrlich zu sein, praktizieren wir das nicht mehr. Nachdem wir einige Male den Live-Soundtrack zu Andy Warhols »Empire State Building« gemacht haben — eine achteinhalbstündige Performance —, hat uns die Idee der In­stallation als Performance-Alternative sehr gefallen. Das nahm die Erwartungshaltung, in einer kompakten Stunde abliefern zu müssen. Praktisch lässt sich das auf Festivals allerdings kaum realisieren. 

Hanno: Genau. Das hat funktioniert, wenn wir einen eigenen Raum auf einem Festival hatten, aber auf einer klassischen Festival­bühne mit festem Line-up ist das nicht umsetzbar.
Gibt es Role Models für euer Performance-Setting? 

Jan: So originell ist das Spielen im Publikum letztlich nicht. Ich erinnere mich aber, dass mir nach einer Performance von Institut für Feinmotorik ein Licht aufgegangen ist. 

Hanno: Früher hatten wir oft ein gleißendes, weißes Licht auf der Bühne. Ich musste dabei immer an einen Operationstisch oder ein Labor denken.

Zuletzt ist eine ironisch betitelte »Greatest Hits«-Compilation er­schienen. Was zeichnet für euch einen Hit aus? 

Jan: Bevor ein Groupshow-Stück auf einem Album landet, müssen zunächst stundenlange Liveaufnahmen angehört werden. Das kann für alle Beteiligten eine schmerzhafte Erfahrung sein. Wenn sich dann doch etwas findet, das eine Extraktion und Weiterbearbeitung legitimiert, können wir nicht anders, als von einem Hit zu sprechen. 

Wie wichtig ist Humor für euch als Künstler und für die gemeinsame Formation?     

Hanno: Fast sämtliche Groupshow-Titel haben wir während einer USA-Tour aus einem SkyMall-Katalog generiert. We love it.