Musik für die ganze Hipster-Familie: Grizzly Bear

Handgemachte Epik

Grizzly Bear sind zurück, aber leider noch nicht in Europa

Eine willkommene Reunion-Tour des Jahres 2025, die sich vom Hype um Comeback-Aufritte von Oasis und Radiohead abhob, war jene der Brooklyner Indie-Band Grizzly Bear. Ob ihre Tour 2026 nach Europa kommen wird, kann man nur hoffen. Doch sicher ist: Grizzly Bear altern besser als fast jede Indie-Band ihrer Ära. Platten wie »Veckamitest« und »Shields« klingen weiterhin großartig, ihr Einfluss auf jüngere Indie-Bands ist immens.

Die Karriere von Grizzly Bear erzählt uns einiges über den Indie-Rock des 21. Jahrhunderts. Im Jahr 2004, als der NYC-Coolness-Hype um Gruppen wie The Strokes und Interpol abebbte, bewegte sich der Indie-Zeitgeist zu einer — sagen wir — altertümlichen Folk-Ästhetik. Die handgemachte Epik von Arcade Fire stand beispielhaft dafür, es gab unkonventionelle Weirdo-Platten von Animal Collec­tive oder Joanna Newsom, die als Freak-Folk rubriziert wurden. In diese Kerbe schlug auch das Debüt­album »Horn of Plenty« (2004), das der Sänger/Songwriter Ed Droste noch alleine unter dem Namen Grizzly Bear veröffentlichte.

Später dann: Durch den Beitritt von Daniel Rossen, dessen dynamisches Gitarrenspiel und progressives Songwriting zum zweiten Hauptbestandteil von Grizzly Bear wurde, erweiterte sich das Projekt zu einer wirk­lichen Band. Ed Droste und Rossen — sowie Chris Taylor (Bass) und Christopher Bear (Drums) — standen fortan als Quartett und meist nebeneinander auf der Bühne, was an das demokratische Live-Bild der aktuellen Indie-Darlings Big Thief erinnert.

Die Ansätze von Droste und Rossen ergänzten sich perfekt, man hatte es bei Grizzly Bear mit einer überarbeiteten Version der ähnlich agierenden Sixites-Legende The Band zu tun: Deren Debüt »Music from Big Pink« (1968) fiel dadurch auf, dass es traditionelle Rückwärtsgewandtheit in etwas Außerweltliches verwandelte. Genauso funktionierte »Yellow House« (2006), das zweite Album von Grizzly Bear. Aus scheinbar verstaubten Instrumentierungen machte die Band etwas Mysteriöses, Dramatisches. Beim Hören muss ich ständig an die derzeit hochgelobte Barock/Folk-Mischung der jungen Briten von Black Country, New Road denken.

Aus scheinbar ­verstaubten Instrumen­tierungen machte die Band etwas ­Mysteriöses, Dramatisches

Grizzly Bear spielten Folk, filterten ihre feinfühligen Arrangements jedoch durch komplexere Einflüsse, allen voran Brian Wilson. Nachdem dessen Beach Boys in den letzten Jahren zu einem meiner meistgehörten Musikacts wurde, hab ich ein ganz neues Verständnis für Grizzly Bear ent­wickelt: Der mehrstimmige Gesang, dazu die glasklare Pro­duk­tion, die bauchige Bassführung von Chris Taylor — die Inspiration durch Wilson ist unüberhörbar. Auf ihrem 2009 veröffentlichten Drittwerk »Veckatimest« konnten Grizzly Bear ihre Mischung an Einflüssen perfekt balancieren und in einen griffigen, ja poppigen Rahmen blieben. Eigenwillig blieb ihre Musik weiterhin, doch perfekte Songs wie »Two Weeks« und »Ready, Able« gefielen damals meiner ganzen Familie; vom Neil Young hörenden Vater bis zur Hipster-Stiefschwester. Auch Jonny Greenwood (Radiohead) und sogar Jay-Z outeten sich als Fans.

2009 erreichte diese Art von zugänglichem Art-Rock ihren Höhepunkt; neben Grizzly Bear stachen auch Animal Collective und Dirty Projectors mit ähnlichen Indie/Pop/Avantgarde-Mischungen heraus. Aus heutiger Sicht ist es schier unglaublich, dass solch progressive Musik den Indie-Mainstream ausgemacht hat. 

Das wirklich Besondere an Grizzly Bear war jedoch, was bei ihre Wahrnehmung als Waldjungs oft vergessen wird: Live war die Band immer schon härter als auf Platte (ähnlich wie The National), was am dynamischen Drumming von Christopher Bear liegt. In ihren härtesten Momente klingen Grizzly Bear gar nicht so anders als ­Geese, die gefeiertste Band der Gegenwart. Vor allem auf ihrer vermutlich besten Platte, »Shields« (2012), wurde die muskulöse Seite der Band deutlich.

Nach einem weiteren Album, dem ebenfalls großartigen »Painted Ruins« (2017), läuteten Grizzly Bear eine Pause ein. Droste wurde Therapeut, Rossen nahm ein tolles Soloalbum auf und komponierte gemeinsam mit Christopher Bear den Soundtrack zum wundervollen Film »Past Lives« (2023). Nun ist die Band zurück.
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