»Sanktionen sind oft schlimmer als Bomben«
Herr Hadi, Sie erzählen von einer Neunjährigen, die im Irak der 90er Jahre von ihrer Schule ausgelost wird, einen Geburtstagskuchen für Saddam Hussein zu backen. Warum wollten Sie diese Geschichte erzählen?
Meine Motivation ist sehr persönlich. Als Kind habe ich diese Zeit erlebt. Heute blicke ich zurück und frage mich: Wie konnte das passieren? Was war falsch? Warum haben wir das akzeptiert? Die Schule bittet das Mädchen, einen Kuchen zu backen. Aber dafür brauchst du Mehl und Zucker — und der Weiterverkauf dieser rationierten Dinge war vom Staat verboten. Eine staatliche Institution verlangt etwas von dir, das der Staat selber illegal gemacht hat. Dieser Widerspruch beschreibt sehr gut das Leben in einer Diktatur. Und nach vielen Jahren von Missbrauch wird dieser Zustand normal.
Der Film ist aus der Perspektive des Mädchens erzählt. Warum haben Sie sich für diesen Blickwinkel entschieden?
Ein Kind hat eine begrenzte Perspektive, genau darin liegt seine Freiheit. Das Mädchen glaubt, es gehe nur um einen Kuchen. Die Großmutter weiß, dass es um etwas ganz anderes geht. Als Kind ist die Welt auf der einen Seite voller Möglichkeiten, auf der anderen Seite extrem eng. In der Abwesenheit von Erwachsenen fühlt man sich fast wie ein Superheld, man glaubt, alles alleine schaffen zu können. Doch zugleich ist man unglaublich verletzlich. Genau dieses Gefühl erlebt die Protagonistin.
Wie haben Sie als Kind die Diktatur wahrgenommen?
Interessanterweise war Saddam Hussein für mich als Kind nicht die eigentliche Angstfigur. Wir wussten, dass wir nicht über ihn sprechen durften, aber er war abstrakt. Wirkliche Angst hatte ich vor der Lehrerin. Sie hatte direkte Macht über uns. Für mich war sie Saddam. Diese Erfahrung hat mir auch bei der Arbeit mit den Kindern im Film geholfen. Sie haben die Diktatur nicht erlebt, aber sie kennen die Furcht vor Autoritäten, vor Eltern, vor Lehrern. Diese Angst ist universell.
Sie sprechen sehr negativ über die Auswirkungen der damaligen westlichen Sanktionen auf die irakische Gesellschaft. Warum?
Ich glaube, Sanktionen sind oft schlimmer als Bomben, weil ihre zerstörerische Kraft unsichtbar ist. Sie nehmen Menschen ihre Würde. Die Sanktionen haben eine Art Büchse der Pandora geöffnet. Moralische Grenzen wurden plötzlich überschreitbar.
Als Kind ist die Welt auf der einen Seite voller Möglichkeiten, auf der anderen Seite extrem eng. In der Abwesenheit von Erwachsenen fühlt man sich fast wie ein Superheld
Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich hatte eine sehr gute Lehrerin. Vor den Sanktionen verdiente sie umgerechnet vielleicht 800 Dollar im Monat, danach waren es fünf Dollar. Das reichte für eine Packung Eier. Also begann sie, uns absichtlich schlecht zu unterrichten, um uns in teure Privatstunden zu zwingen. Betrug als Teil des Systems: Wer zahlte, bekam Vorteile. Beim ersten Mal fühlt man sich schuldig, beim zweiten Mal denkt man nur noch daran, was man sich davon kaufen kann. Diese Logik prägt den Irak bis heute.
Wie schwierig war es, den Film vor Ort zu realisieren?
Wir haben keine funktionierende Filmindustrie. Es gibt einzelne Filmschaffende, aber keine Infrastruktur. Viele Filmberufe existieren schlicht nicht. Wir haben komplett auf der Straße gecastet. Unsere junge Hauptdarstellerin haben wir über ein Handyvideo gefunden. Gleichzeitig leben wir in einer sehr konservativen Gesellschaft, in der es nicht selbstverständlich ist, Mädchen auf der Leinwand zu sehen. Wir mussten viel Vertrauen aufbauen.
Ihr Film hat zwei Preise in Cannes gewonnen und hat es auf die Oscar-Shortlist geschafft. Wie wurde er im Irak aufgenommen?
Manche fragen, warum ich das Land in so schlechtem Licht zeige. Andere wundert es, dass es im Film so viel Menschlichkeit gibt. Der Film soll kein Werbeclip für ein Land sein. Es ist eine persönliche Geschichte. Sie steht für den kleinen Ausschnitt meiner Erfahrungen, nicht für die gesamte irakische Realität. Ehrlich zu mir selbst zu sein, war mir wichtiger als ein positives Image. Die internationalen Auszeichnungen sind toll, aber vor allem hoffe ich, dass ich dadurch weiter Filme machen kann.