Winter in Sokcho
Nach Jahren im Ausland ist Soo-ha wieder in ihre südkoreanische Heimat zurückgekehrt und arbeitet in einem kleinen Hotel. Viel los ist nicht in Sokcho, einer Stadt an der Ostküste des Landes, die wenig touristische Attraktionen aufzuweisen hat. Als der Franzose Yan auf unbestimmte Zeit in das Hotel eincheckt, weist ihm die seltsam abweisend wirkende junge Frau ein winziges Zimmer zu. Ihre Irritation ob des Franzosen, der gut doppelt so alt ist wie sie, hat einen Grund: Soo-has Vater war selbst Franzose, hatte ihre Mutter jedoch vor der Geburt verlassen. Seine Abwesenheit hat eine Leere in ihr erzeugt, die schwer zu füllen scheint.
Dass Soo-ha Französisch spricht, macht sie jedoch zur wichtigen Anlaufstelle für Yan, der sich als ein Comic-Zeichner auf der Suche nach Inspiration herausstellt. Warum es ihn ausgerechnet nach Sokcho verschlagen hat, bleibt wie so vieles offen. Langsam kommen sich die beiden näher, Soo-ha lässt sich auf Yan vielleicht auch in der Hoffnung ein, dass es sich bei ihm aus purem Zufall um ihren Vater handeln oder er zumindest in die Rolle eines Ersatzvater schlüpfen könnte.
2016 veröffentlichte die damals erst 24 Jahre alte Schweizerin Elisa Shua Dusapin ihren Debüt-Roman »Winter in Sokcho«, in dem sie auf eigene Erfahrungen zurückgreift: Als Tochter einer koreanischen Mutter und eines französischen Vaters kennt sie Fragen nach der eigenen Herkunft, kennt die Suche nach Identität und Heimat.
Verfilmt wurde Dusapins Roman nun von Koya Kamura, einem französisch-japanischen Regisseur, der in Paris geboren wurde und sein Debüt nun in der Fremde gedreht hat. Diese vielfältigen Sprachbarrieren und komplexen Herkunftsgeschichten dürften Kamura jedoch geholfen haben, die Suche der beiden Hauptfiguren so überzeugend mit Melancholie zu schildern.
Was der Geschichte an äußerer Handlung fehlt, wird durch das Evozieren widersprüchlicher Gefühlsregungen wettgemacht. In loser Form beschreibt Kusama, wie Soo-ha und Yan umeinander kreisen, wie sich ihr unbestimmtes Verhältnis mal in diese, mal in jene Richtung entwickelt. Der Schnee, der die Wege und Häuser bedeckt, lässt das Geschehen dabei zwischen Traum und Realität gleiten. Am Ende wird die Begegnung der beiden tiefe Eindrücke hinterlassen haben.
(Hiver à Sokcho) F/ROK 2024, R: Koya Kamura, D: Bella Kim, Roschdy Zem, Park Mi-Hyeon, 105 Min. Start: 5.2.