Zukunftsmusikantenstadl
»Wenn ich mir vorstelle, dass ein Haus musiziert, in dem Literatur sich einfindet und erfindet, stelle ich mir zuerst mehrstimmigen Gesang vor«, schreibt Buchpreis-Gewinner Saša Stanišić in seinem neusten Buch »Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet ist« anlässlich der Neueröffnung des Literaturhauses in Göttingen. Literaturhäuser könnten zu Orten werden, an denen Ideen ausgetauscht werden »zu dem was sein könnte und zu der Frage, wie wir leben können und wollen: Mein ideales Literaturhaus spielt Zukunftsmusik.«
Ende Februar macht Stanišić diese Musik dann selbst. Bei der Eröffnung des Festivals »kindly invited — Die Zukunft der Literatur auf der Bühne« spricht er über Momente der Gastfreundschaft in seinem eigenen Werk. Wer in den Literaturhäusern zu Gast ist, hat sich in den letzten Jahren geändert — nicht zuletzt, weil sich der Literaturbetrieb neuen Stimmen geöffnet hat, und so die Konvivialität und Konflikte abbildet, die unseren Alltag auszeichnen. Der Schritt auf die Bühnen der Institutionen ist dabei auch eine ökonomische Notwendigkeit. Neben Stipendien und Buchverkäufen sind es Honorare für Lesungen und andere Auftritte, die das Schreiben von Literatur erst möglich machen.
Zugleich verändern sich die Formen, mit denen Texte in der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die »Wasserglas-Lesung« ist dabei zum Klischee geworden, gegen das man sich ebenso abgrenzt wie gegen den »Romancier mit Haus am See« als Künstlermodell.
Alternativen dazu bietet »kindly invited« genug. Die Autorin Daniela Dröscher will gemeinsam mit der Rapperin Yung FSK18 und dem Kollektiv Coven Berlin den Gossip als Kunstform rehabilitieren, das Audiomagazin »Stoff aus Luft« veranstaltet eine Performance über das Aus- und Zusammenbrechen und Memekönigin Svea Mausolf diskutiert mit Tijan Sila und anderen äußerst sichtbaren Menschen aus dem Literaturbetrieb über ihre Performance in den Socials. Karaoke, Konzerte und Wertschätzung für Übersetzer:innen und Girl-Bands soll es auch geben.
Und ganz zum Schluss wird dann noch die Frage diskutiert, ob das Problem an der »Wasserglas-Lesung« nicht vielleicht einfach nur ist, dass dort nicht die richtigen Fragen gestellt werden.
Mi 25.2.–So 1.3., Comedia; mehr Infos: kindly-invited.de