Wer mir trübsinnige Filme aufdrängt,

möge bitte auch eine unbequeme Hose tragen

Nee, ich hätte nicht unbedingt ­einen schlechten Geschmack, aber er sei etwas... obwohl, doch! Ich hätte durchaus einen sehr schlechten Geschmack! So etwas höre ich, wenn Gesine Stabroth und Tobse Bongartz über meine Tauglichkeit fürs kulturelle Großstadtleben befinden. Ob ich diesen Film nicht gesehen hätte? Echt nicht? Ob ich jene Künstlerin denn wirklich nicht kennte? Tja, dann würde ich wohl auch glauben, dass diese ­Musik, zu der ich da so beschwingt mitpfeife, ­relevant sei. 

Wenn man mich derart rezensiert, komme ich mir vor wie eines dieser Tagesgerichte in »Stukkis’ Gyros-Tempel«. Fade, belanglos, ohne Pfiff, so sagen die Leute. Dabei macht so eine Bohnenpampe mit Reis doch schön satt, und teuer ist sie auch nicht. Den Geschmack von Menschen zu bewerten, als seien sie Imbissgerichte — soweit ist es schon gekommen. 

Die Beschwerde über schlechten Geschmack ist leider nicht auf das Feld der kulinarischen Kritik beschränkt. Sie ist vielmehr eine Konstante in der langen Geschichte menschlicher Blasiertheit. Was guter Geschmack aber sei und woran man ihn festmachen kann, vermag nach all den Jahrhunderten immer noch niemand zu sagen.
Guter Geschmack scheint mir einer zu sein, der ein wenig bitter und scharf ist. Das Süße und Sinnenschmeichelnde gehört jedenfalls nicht dazu. Wem ein Aquarell mit schmusenden Hundewelpen, ein Feelgood-Movie oder eine ­Chicago-Platte Freude bereiten, der besitzt, so vermute ich, keinen guten Geschmack. 

Sein guter Geschmack ist der ganze Stolz des Schnösels. Und nichts hasst der Schnösel mehr, als zur breiten Masse zu gehören. Doch ist der Schnösel kein Ein­zelgänger, er tut nur so, und seine ­»Individualität« täuscht er vor. ­Seine Schnöseligkeit dient ihm vielmehr dazu, sich einem Stamm von Gleichgesinnten anzuschließen, doch möchte er der Fürst des Stammes sein. Er tritt in vielerlei Kostümen auf: Mal ist der Schnösel gewandet in feines Tuch, mal trägt er Klamotten von der Stange oder einen lustigen Hut vom Flohmarkt. Mal ist der Schnösel links, mal ist er rechts. Mal heißt er Tobse Bongartz, mal Gesine Staboroth.

Aber warum gerade »unbequeme« und »aufrüttelnde« Musik, ­Filme oder Bücher, die einem so richtig auf den Wecker gehen oder ganz trübsinnig machen, zum guten Geschmack gehören, das kann kein Schnösel erklären. Warum verlangt man von der Kunst etwas, das einem sonst lästig ist? Wer würde sich schon einen »aufrüttelnden« Stuhl, eine »unbequeme« Hose oder etwas anderes kaufen, das nervt?

Man sagt, in solcher Kunst, die zum guten Geschmack zählt, stecke eine »tiefere« oder »andere« Wahrheit, und die sei eben nicht so putzig wie Hundewelpen oder ein Gassenhauer von Chicago. Aber was für eine Wahrheit soll das sein? Kunst ist doch erstunken und erlogen. Die Kunst bietet keine Wahrheiten, sie lässt uns Erfahrungen machen — und ist das nicht genug? Ich mache halt gern angenehme Erfahrungen.

So tanze ich aus der Reihe wie der falsche Apostroph in »Stukkis’ Gyros-Tempel« — es ist ein trauriger Tanz, und man tanzt ihn allein. Auch über den falschen Apostroph  haben sich am Anfang alle lustig gemacht. Es war kein schallendes Gelächter, eher ein aggressives Schmunzeln, aber mittlerweile nehmen sie es kommentarlos hin. Eben das ist meine Hoffnung. Man muss den Spott und das Getuschel erdulden, und irgendwann hört es auf und man merkt mit einem Mal, dass man doch wieder Chicago ­hören, löslichen Kaffee trinken und eine Hose mit Gürtelschnallen ohne Gürtel tragen darf, weil irgendjemand, der im Internet das Sagen hat, das auch tut.