»Our Imperium«

Abschied vom Staatenhaus: Noch residiert dort die Kölner Oper, im Sommer wird sie — man mag es kaum glauben — endlich ­um­gezogen sein, ­zurück im Stammhaus am Offenbach­platz. Wir sind zum Abschied in die Atmosphäre im Staatenhaus eingetaucht und haben uns hinter den ­Kulissen umgeschaut

Ein Song kommt, wann er es will. Der jetzt ­gerade dröhnt bestimmend aus den Boxen der Reitlehenalm im Salzburger Land: »Our Imperium« von Las Robertas. Das Quartett aus Costa Rica lässt die Spitzen der Tannen rings um die Alm irgendwie psychedelisch hin- und herwehen. »We’ll find / The promised and / The promised land«.  

Diese Geschichte beginnt am 22. Oktober vergangenen Jahres in der Prager Staatsoper. Helena Bartlová, Presse­referentin des tschechischen Nationalballetts, hatte mich zur Premiere von John Neumeiers »Liliom« eingeladen. Eine geniale Vorstellung, ein prächtiges Haus. Und Kölns Opernhaus? Wie steht es eigentlich darum? Mit dieser Frage war sie ge­öffnet, die Büchse unserer Kölner Operngeschichte. Und so ging es, ein paar Tage nach der Aufführung in Prag, ins Staatenhaus am Rhein­park. Das nutzt die Oper Köln seit bei­nahe zehn Jahren als Interimsspielstätte, bis die Sanie­rung des Riphahn-Baus am Offenbachplatz abgeschlossen sein wird. Im September solle es nach all den Verzögerungen endlich soweit sein, dass das gesamte Team der Oper vereint in demselben Gebäude arbeiten kann, sagt Marietheres ­Eicker, Referentin für Presse und Öffentlichkeitsarbeit der Oper. Dabei schluchzt sie nicht, das wäre zu theatralisch — höchstwahrscheinlich —, aber gepasst hätte es allemal.

Zwei Tatsachen machen den großen Umzug des Opernhauses allerdings kompliziert. Zum einen: Nicht alle Abteilungen werden gleichzeitig in den kernsanierten Rip­hahn-Bau einziehen können. Die verschiedenen Sparten, wie zum Beispiel die Requisite, das künstlerische Betriebsbüro, die Statisterie, die Inspizient:innen, die Ankleider:innen, die Maskenbildner:innen, das Ensemble, die Musi­ker:in­nen, die Solist:innen und viele viele mehr, ergeben ein hochkomplexes Gebilde. Und zum anderen: Wenn Sie diesen Text lesen, wird der komplette Ostflügel des Staatenhauses — im Prinzip der gesamte Backstagebereich der Oper — dem Erdboden gleich gemacht. Ganze Teams, etwa die Requisite, und deren Materialbestände müssen sich für die kommenden Monate noch ein Interim nach dem Interim suchen, müssen irgendwo ein Eckchen im ­übrigen Teil des Staatenhauses finden. Aber das, so Eicker, sei noch nicht einmal das größte Problem, sondern das sei der Staub, der beim Abriss aufkommt. Der nämlich werde sich in allen Ritzen festsetzen. Ein Graus für alle ­Musiker:innen, die ihre Instrumente schon im Normalbetrieb so vor Schmutz ­beschützen, als wären es deren Babys. 

Mal abgesehen von den Stimmbändern der Sänger:innen, die vielmehr einem Rußfilter als einer frischen Blumenwiese ähneln werden. Alles in allem: Es wird hart für alle Beteiligten in den nächsten Monaten, ans Licht am Ende des Kölner Opern-Tunnels zu gelangen. Auch für das Publikum. Soweit die Lage. 

Und nun hinein ins Gewimmel hinter der Bühne. Ja, Gewimmel, weil die Betriebsamkeit in den fensterlosen, dafür mit jeder Menge Neon­licht ausgeleuchteten Hallen der einer Bahnhofshalle gleicht, das geht schon eine Stunde vor jeder Vorführung los und dauert während ihr an. »20 Minuten bis zur Vorstellung!«, schallt eine liebliche, fast lasziv klingende Stimme aus irgendwelchen Lautsprechern durch die Gänge. Ein Wunder, dass es niemand singt, mag man meinen. Menschen rennen mal mit, mal ohne Kostüm von rechts nach links, dem einen fehlt noch die Perü­cke, der anderen das passende Überkleid.

Mittendrin im strukturierten Gewusel: Heike Fritz. Ankleiderin. Die zierliche Frau in Sportschuhen, die sich selbst als moderne Kammerzofe bezeichnet, wirkt zwischen den auf- und zufliegenden Türen in ihrem Element. Wie ein Fisch im Wasser. Solisten müsse man immer auf Augenhöhe begegnen, sagt sie.

Just in diesem Moment ist sie dabei, in ­einem kleinen Hinterraum der irischen Gast-Solistin Sarah Brady (»Saul«) das Korsett ihres Kleides zu schnüren. Brady, die zum ersten Mal in Köln ist, lässt diese Prozedur tapfer über sich ergehen. Manchmal, wenn Fritz etwas ­fester zieht und dabei ihr gesamtes Gewicht in die Hüfte drückt, kneift Brady leicht ihre Augen zusammen. Leicht. Denn eigentlich lacht sie mehr, als sie kneift. Währenddessen erzählt Fritz: »Ich will in mein Haus. Wieder zurück in unser richtiges Opernhaus. Als ich erfuhr, dass das bald geschehen wird, habe ich geweint. Natürlich haben wir es alle zusammen geschafft, uns hier im Staatenhaus einzufinden und einzuleben. Das hatte rückblickend bei ­allen Problemen auch etwas Tolles, das ist gar keine Frage.«

Menschen rennen, mal mit, mal ohne Kostüm, von rechts nach links, dem einen fehlt noch die Perücke, der anderen das passende Überkleid

Plötzlich Hektik. Aber eine positive. Fritz läuft durch einen Hinterausgang, vorbei am Sicher­heitspersonal, schnurstracks an den Backstage-Rand der »Saul«-Bühne. Der Fotograf und ich hinterher. Christopher Purves, britischer Gast-Solist in »Saul«, und Brady stehen schon aufgeregt zusammen mit Dirigent Rubén Dubrovsky in den Startlöchern. Von außen betrachtet erscheinen die drei in diesem Moment wie nicht von dieser Welt. So weit weg, so nah bei sich. Das Publikum bekommt davon nicht das Geringste mit. Und dann zeigt Fritz mit ihren Händen lebhaft-wedelnd auf die gegen­überliegende Seite. Wieder ein Sprint. Wieder hinterher. Die vierzig kostümierten Sänger:innen des Opernchors schleichen an den Stützstangen der Zuschauerränge vorbei. Direkt hinter die Bühne. Uhh, da ist sie, die berühmt-berüchtigte Gänsehaut.

Die einleitende Sinfonia führt instrumental in die dramatische Welt des Oratoriums von Georg Friedrich Händel ein. Die noch nicht mit Baustellenschmutz verstopften Oboen und Flöten geben alles, Dubrovsky auch. Fritz flüstert mir ins Ohr: »Jetzt gleich öffnet sich der Vorhang. Das wird dir gefallen!« Das ist leicht untertrieben, als sich ein paar Sekun­den später der Vorhang hebt. Kollegin Simone Hamm vom Feuilleton Frankfurt beschreibt das so: »Auf der langen Tafel sind riesige Blumenbuketts aufgetürmt. Ein Hirsch liegt da und ein Wildschwein, eine riesige Auster, ein Schwan und ein Pfau. Alles ist knallbunt. Reglos stehen die Sängerinnen des Opernchors in bonbon­farbenen Reifröcken auf und vor dem Tisch. Wie die danebenstehenden Männer tragen sie Rokkokoperücken.« Ich muss erinnert werden zu atmen. Von Fritz.

Auf dem Weg zurück in die Vorbereitungsräume laufen wir dem australischen Tenor John Heuzenroeder über den Weg. Auf dem kleinen Tisch seines Ankleideraums liegen »falsche Brüste«, die extra für Bühnenaufführungen hergestellt werden. Heuzenroeder singt in »Saul« die Hexe von Endor. Weil sein Gesangspart erst zu Beginn des dritten Aktes angesetzt ist, hat er noch ein bisschen Zeit für ein kurzes Gespräch:

Du bist seit der ersten Spielzeit 2015/16 im Staatenhaus dabei. Wie war das für dich anfangs?

Das Erste, was ich dachte, war: »Mensch, haben wir hier viel Platz!« Weil ich damals in einer ziemlich kleinen Wohnung lebte, verbrachte ich gerne ein paar Stunden länger hier.

Kannst du dich noch an deine erste Aufführung im Staatenhaus erinnern?

Das war »Benvenuto Cellini« von Hector Berlioz. Da fällt mir gerade ein: Ich war derjenige, der die ersten Töne hier im Staatenhaus vor Publikum gesungen hat. 

Möchtest du auch die letzten Töne hier singen?

(lacht herzlich) Stimmt, wenn im Staatenhaus die Vorhänge im Sommer endgültig für uns fallen, muss ich etwas singen. Dennoch: Es war und ist nicht alles schlecht hier. Die Lage beispielsweise sollte ein Traum sein. War sie aber für viele leider nicht. Gleichzeitig habe ich mich auch immer wieder gefreut, wenn ich an einem anderen Opernhaus gastieren durfte.

Warum?

Weil ich den Dirigenten sehen konnte. Und er mich.

Was erwartest du für die nächsten Monate, wenn aus dem Staatenhaus eine Großbaustelle werden wird?

Augen zu und durch. 

 

Dann verlässt John schnellen Schrittes den Raum. Er muss zur Maske. Schließlich singt er heute noch die Hexe von Endor. 

Ein Song kommt, wann er es will. »Our ­Imperium« von Las Robertas. »We’ll find / The promised and / The promised land«. 
Oper Köln. Staatenhaus.

Danke an alle Beteiligten, allen voran Marietheres Eicker, die uns diesen kleinen Einblick in den Alltag der Oper gewähren ließen!