Pferdammte Tradition
Was wird nicht alles am kölschen Karneval kritisiert: dass die Jungfrau von einem Mann dargestellt wird, dass Karnevalslieder nicht den aktuellen moralischen Maßstäben entsprechen oder dass Eltern es zulassen, dass sich ihre Kinder mit einer Kostümierung womöglich »kultureller Aneignung« schuldig machen. Das alles — das eine mehr, das andere vielleicht etwas weniger — ist durchaus nachvollziehbar.
Was nicht nachvollziehbar ist: dass es so wenig Empörung über Tierleid im Karneval gibt — mithin tatsächliches und nicht lediglich symbolisch zugeführtes Leid. In einer Stadt, in der die Grünen seit vielen Jahren maßgeblich Politik und Debatten prägen, muss einen das irritieren.
Das Festkomitee beruft sich auf die Tradition. Ein Argument, mit dem sich auch Stierkampf, Hundekämpfe oder Schächten rechtfertigen ließen — alles aber zurecht verboten. Welche Argumente bleiben dann noch für Pferde im Zoch? Eigentlich nur noch eines: dass es da gar kein Tierleid gebe. Das ist freilich absurd, wird es doch schon durch den Augenschein widerlegt, selbst wenn man nur wenig über Pferde, die Fluchttiere sind, weiß. Und wo es nicht auffällt, heißt es nicht, dass sie nicht gequält würden durch Lärm, Wurfmaterial, enge Gassen, fehlende Fluchtmöglichkeiten. Diese Tiere auf die Teilnahme in Karnevalszügen abzurichten oder sie, wie es immer wieder passiert ist, mit Medikamenten zu sedieren, macht es nicht akzeptabel.
Und wofür eigentlich? Wer braucht Pferde im Karneval? Nicht zuletzt stellen sie unter diesen Umständen eine Gefahr auch für Menschen dar. Doch Politik und Festkomitee haben selbst aus dem Unglück 2018, bei dem zwei Pferde, die eine Kutsche ziehen mussten, durchgingen, nichts gelernt.
Übrigens gab es im Rosenmontagszug einen Wagen des Zirkus Roncalli, der sein 50-jähriges Bestehen feiert. Die Zirkusgeschichte ist allgemein von Tierquälerei geprägt. Doch bei Roncalli spielten Tiere nie eine große Rolle, seit 2018 kommen die Shows auch ohne Pferde aus, es gibt dort gar keine Tiere mehr. Trotzdem kommen die Zuschauer in Scharen.
Es gibt keinen vernünftigen Grund für Pferde im Karneval. Nun setzt im Karneval bekanntlich die Vernunft aus. Aber ab Aschermittwoch sollte sie wieder einsetzen. Um es nächstes Mal besser zu machen, ohne Tierleid. Die Zeit dafür ist jetzt.