Panta Rhei(n)

Arnulf Hoffmann, Kinetische Plastik, Innere Kanalstraße 98

Alles ist immer in Bewegung — diese Maxime, die auf den griechi­schen Philos­ophen Heraklit (520-460 v. Chr.) zurück­geht, gilt auch für Arnulf Hoffmanns »Kinetische Plastik«. Die neun Meter hohe Skulptur steht seit 1977 an der Inne­ren Kanal­straße, in unmittel­barer Nähe zum Kölner Fernseh­turm Colonius. Hoffmann, 1935 in Danzig geboren und 2020 in Bergisch Glad­bach verstorben, war ein Vertreter der Kinetischen Kunst. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine Strömung in der Kunst der 50er und 60er Jahre, die mit starren und festen Formen in der Bildhauerei brach und Bewegung in die Kunst­werke integrierte — und damit Entwick­lungen des frühen 20. Jahr­hunderts um Naum Gabo oder Alexander Calder nach dem Zweiten Weltkrieg weiter führte und vorantrieb.

Mitten in Köln, im Trubel der Stadt, steht heute ein Bündel­pfeiler, dessen obere Hälfte mit Metall­scheiben und horizontal heraus­ragenden Streben bestückt ist. Sein Aus­sehen erinnert an eine Rassel, mit der Kinder gerne musi­zieren. Unten wirkt er schwer und statisch, oben hin­gegen dynamisch und agil. Die Scheiben ­drehen sich im Wind, interagieren mit der umgebenden Luft und verändern so stetig die Erscheinung der Skulptur. Dabei entstehen akustische Klänge durch das Aufeinander­treffen von Luft und Scheiben, die bisweilen recht laut sein können. Hoff­mann gelingt es, einen subtilen Dialog zwischen Form, Akustik und Bewegung zu erschaffen.

Panta Rhei — alles fließt. Nichts steht wirk­lich jemals still, kein Element starr. Hoffmanns Plastik ist immer in Bewegung: Sie stemmt sich gegen die Erstarrung ihrer urbanen Umgebung aus Stein und Beton. Sie fordert uns auf, das schein­bar Feste wieder als etwas Wandel­bares zu ­sehen. Wenn sich eine der Metall­flächen im Wind dreht oder der Sonnen­stand einen Schatten verschiebt, dann verändert sich nicht nur das Erscheinungs­bild, sondern auch die Wahr­­nehmung der Umgebung. 

Sie öffnet die Augen für einen Moment: Wo stehe ich? Was passiert um mich herum? Aufmerk­sam­keit wird geschürt: Ähnelt die Plastik nicht auch den Antennen auf dem benach­barten Turm? Dann dreht sich erneut eine Scheibe, lärmend sogar und die Wahr­nehmung ändert sich ein ums andere Mal. Hoffmanns Plastik ist eine Metapher für die Bewegung zwischen Kontrolle und Zufall, Fort­schritt und Still­stand, Moderne und Vergangen­heit.