Jackett, aber widerspenstig: Manos Tsangaris; Foto: Gezett (Gerald Zörner)

»diese /logik /hat versagt«

In seinem Gedichtband »riss« zeigt Manos Tsangaris ­lyrische Widerspenstigkeit

Was geht in Manos Tsangaris’ neuen Gedichten? Vieles, denn »sinn ist, was geht«, also auch das scheinbar Sinnlose, Inkohärente, Groteske, das »riss« durchzieht, das neue Buch des Kölner Komponisten, Musikers und Schriftstellers. »brührente// rentiert sich/ mit glatze// nur mit haar/ nach neuenahr«, so eines der kurzen zerklüfteten Gedichte. »ich war/ eine pfütze// in mir/ deine mütze«, programmatischer Flachwitz. Das Buch unternimmt dadaistische Ausflüge, »bevor wah wah/ da war/ war/ wah wah da«, und dichtet Zungenbrecher. »sich/ das rauschn/ aus den ritzn/ schnitzn// die fritzi/ rauscht/ im blitzn«, heißt es bei Manos Tsangaris.

Kalauer, Schenkelklopfer, Sprichwort und Anekdote, das sind die lyrischen Genres, derer »riss« sich bedient. Man kann das famos finden, den lakonischen Witz und die Widerständigkeit dieser Lyrik, oder aber man findet das auf langen 200 Seiten zunehmend flacher. Wie viel literarische Verweigerung verträgt das Gedicht, ohne in angestrengte Selbstreferenzialität zu kippen, ohne jede Resonanz beim Lesen einzubüßen? Wie könnte sich die Sprache der Literatur zu einer Gegenwart verhalten, in der »nicht länger Vernunft und Logik gesellschaftliches Handeln bestimmen«, wie es der Klappentext formuliert? »semantik?/ spiel?« Das sind die Fragen, die Manos Tsangaris stellt, durchaus in poetologischen Versen sich selbst. Alles Gedichtige, konventionell Schöne und klassische Vorstellungen lyrischer Sinn- und Bedeutungskonstitution meidet er, und nicht zufällig heißen die dichterischen Vorbilder, deren Namen hier und da fallen, Rolf-Dieter Brinkmann und Thomas Kling.

Zum zweiten Mal hat Manos Tsangaris in »riss« mit dem Kölner Fotografen und Kurator Stefan Kraus zusammengearbeitet. Seine zwischen die Texte gestreuten Fotografien zeigen starke sprechende Motive, alltägliche Großstadtszenen, in denen Menschen meistens fehlen oder kaum mehr als noch Statisten spielen, zum Beispiel an der KVB-Haltestelle Moltkestraße. Aber auch hier irritiert »riss«, verweigert eine kohärente fotografisch-ästhetische Linie. Der in schöner Fadenheftung und im Querformat im Alexander Verlag Berlin erschienene Band erprobt bis in die Fotos hinein eine lyrische Widerspenstigkeit, die aber nie sperrig wird. »allgemeine logik/ hat versagt// soll doch/ dschungel.«

Manos Tsangaris/Stefan Kraus: »riss«, Alexander Verlag, 196 Seiten, 25 Euro
Buchperformance von Manos Tsangaris, Stefan Kraus und der Cellistin Hyun-Jung Berger
Di 24.3., Literaturhaus, 19.30 Uhr