Dog = God
Ravi ist »26 Jahre alt, 1,78 m groß und 61 kg schwer. Single. Top.« Matteo ist » 34 Jahre alt. 1,81 m groß, 83 kg schwer. Vers.« Sie beide sind Männer gewesen in den vergangenen zwei Wochen des Lebens von Zeko. Zeko wohnt in Berlin, isst Lahmacun in Wedding und Palak Paneer in Neukölln. Und eines seiner Dates hat ihm Filzläuse verpasst, und er »weiß nicht einmal, ob es sich gelohnt hat.«
Es wirkt wie eine klar umrissene Welt, die der Lyriker und Politikwissenschaftler Ozan Zakariya Keskinkılıç in seinem Debüt »Hundesohn« erschafft. Schwule Dates ohne viel Romantik, multilinguale Familien und die intersektionalen Mikropolitiken einer post-migrantischen Gegenwart: die Selbstverbrennung der Schriftstellerin Semra Ertan, Positionierungen im Krieg zwischen der Hamas und Israel, das Gefrotzel mit Zekos bester Freundin Pari, weil sie einen Alman namens Andreas daten will. »Ernsthaft, Pari. Ich lutsche Männern den Schwanz und gehe dann zum Freitagsgebet. Ich glaube nicht, dass du weißt, wie das ist«, sagt Zeko. »Unser Mannsein rettet uns nicht, wenn unsere Hautfarbe, unsere Religion wie Müll an uns kleben.« All das wird routiniert, fast schon pflichtschuldig von Keskinkılıç angesprochen, als Textsignale zur Markierung von Gegenwärtigkeit, aber nicht als Konflikt, der die Handlung oder die Entwicklung der Figuren vorantreibt.
Aber darin liegt bei »Hundesohn« auch eine Verweigerungshaltung. Der Text verweigert sich dem Plot, der migrantischen Bildungsgeschichte von Aufstieg und Abstieg oder anders herum. Er verweigert sich sogar der Geste des Abschlusses: Die Dates machen weiter, die politischen Gesten machen weiter. Und »Hundesohn« wird dadurch nicht ärmer, sondern reicher. Denn ohne den Authentizitäts-Klimbim kann Keskinkılıç ein Füllhorn aus Zeichen, Fantasien, Identitäten und Nicht-Identitäten ausschütten. »Hundesohn« ist ein Text, auf den man sich nicht verlassen kann, aber der trotzdem ein guter Freund ist.
Der Text verweigert sich dem Plot, der migrantischen Bildungsgeschichte von Aufstieg und Abstieg oder anders herum
»Zakariya kommt von zakara : erinnern. Mein Name ist Zakariya, und ich erinnere mich an den letzten Sommer«. Dieser Sommer war der Sommer von Hassan. Mit ihm liegt Zeko während der lauen Sommernacht auf dem Balkon in Adana und mit ihm zählt er die dunklen Leberflecke auf seinem Körper. »Auf dem Weg nach Mersin spielt Hassan seine Lieblingskassette. Sezen Aksu singt, seni içime çektim bir nefeste. Sie singt, ich habe dich in einem Atemzug eingeatmet«, erinnert sich Zeko. »In neun Tagen werde ich Hassan wiedertreffen, diesen Hundesohn.« Aus den neun Tagen werden acht, dann sieben, dann sechs. Und wie die Geschichte enden wird, ist schnell klar: »Hassan kannte alle Spieler beim Namen, ich kannte sie bei ihren Waden.«
Hassan schwebt als anwesend abwesende Fantasie über Zekos Dates, immer eingegrenzt durch die symbolische Ordnung eines Anderen: seinen verstorbenen, arabischstämmigen Großeltern aus Adana. Wie die anderen Figuren in »Hundesohn« sind auch sie vor allem über Sprachspiele präsent. »Ibn el Kalb« — Hundesohn —, sagt Zekos Großvater, wenn er wütend ist; »ya qalbi« — mein Herz — seine Großmutter, wenn sie ihn trösten will. »Kalb heißt Hund auf Arabisch. Und qalb heißt Herz auf Arabisch. Das kann niemals Zufall sein. In meiner Großvaterzunge bin ich ein räudiger Hund, der seine Schnauze in die Bärte schöner Männer schiebt.« In »Hundesohn« kollabieren auch familiäre Bindungen in die symbolische Ordnung der Sprache. So schafft Keskinkılıç Raum für eine Ersatzfamilie aus anderen Texten, allen voran die Prosa Franz Kafkas. »Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt«, zitiert Zeko aus einem Brief von Kafka, und wie viele dieser Zitate in »Hundesohn« ist man nicht sicher, ob es Zugehörigkeit oder Ironie markieren soll. Vermutlich beides, denn »Hundesohn« ist von einer Ahnung durchzogen, dass vermeintliche Ordnungen schnell zusammenbrechen können. Ozan Zakariya Keskinkılıç ist ein Text über das Dazwischen geglückt, ein queerer Text im besten Wortsinne, der Erwartungen mit Stilbrüchen und Poesie auskontert und einen nach 200 Seiten beglückt zurücklässt. Nicht trotzdem, sondern deswegen.
Ozan Zakariya Keskinkılıç: »Hundesohn«. Suhrkamp, 219 Seiten, 24 Euro
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