Er hört uns zu: Bruce Springsteen

Draußen, auf der Straße

Bruce Springsteen stärkt allen, die gegen den Trump-Faschismus ­kämpfen, den Rücken

Bruce Springsteen funktioniert immer dann am besten, wenn etwas auf dem Spiel steht; und das scheint — zu unser aller Glück — eigentlich immer der Fall zu sein (dreistündige Marathonshows, ultra­perfektionierte Studioaufnah­men und so weiter). Doch nun eben noch mehr als sonst: Spring­steen klingt betroffen, wütend, im bestmöglichen Sinne angestrengt. Man hört förmlich, wie die Adern an seinem Hals zu platzen drohen.

»Streets of Minneapolis«, seinen neusten Song, schrieb die Rock­legende als Reaktion auf die Ermordungen von Renée Good und Alex Pretti, die sich während der grausamen Abschiebemaßnahmen in der US-Stadt Minneapolis zutrugen. Das Protestlied ist jetzt schon die stärkste Anti-ICE-Hymne, von denen es weiterhin zu wenig gibt. 

Bruce Springsteen stellt die Lügen von Seiten der Regierung heraus und prangert den mindestens faschistoiden, von ihm »liebevoll« King Trump getauften US-Präsidenten für sein Herumtrampeln auf kostbaren Werten und Gesetzen an. Wie Springsteen die Worte »federal thugs« — seine Beschreibung für Trumps Privatarmee — aus seinen Lippen presst, lässt meine Hände zu Fäusten wer­den. Das zeugt von Mut, schließ­lich könnte Springsteen so viele seiner Fans verlieren.

I wrote this song on Saturday, recorded it yesterday and released it to you today in response to the state terror being visited on the city of Minnea­polis. Bruce Springsteen am 28.1. 

Springsteens Vocals haben etwas Ungeschliffenes, etwas Rohes und klingen großartig. Musikalisch bezieht er sich auf die simplen Song­strukturen des traditionellen Folk, in denen natürlich kein Mund­harmonika-Solo fehlen darf; das setzt Springsteen schon lange ein — siehe »Thunder Road« und »The River« —, erinnert in diesem Zusammenhang aber trotzdem an den pop­u­lärsten aller (Ex-)Protestsänger, Bob Dylan. Anders als der Nobel­preisträger muss Spring­steen in »Streets of Minneapolis« jedoch nicht die große Poesie auspacken, um den Song wirkungsvoll zu machen: Er spricht lediglich simple Wahrheiten aus, niemand kann hier etwas falsch verstehen. Jede Zeile liegt nahe, es geht nur darum, dass jemand sie ausspricht. »Nuance is wonderful, but some­times you have to kick them in the teeth«, sagte der Sänger bei einem Überraschungsauftritt in Minneapolis, kurz bevor er den Song zu spielen begann. Dass ein berüchtig­ter Perfektionist wie Bruce Spring­steen seine gewohnte Arbeits­weise ablegt und einen frisch geschrieben Track einfach raushaut, macht die Dringlichkeit der Situation deutlich. So ernst war es (ihm) noch nie.

Dermaßen direkt war der links­gerichtete Demokrat nur selten; sogar sein aufgeladenes 9/11-Album »The Rising« war für seine Verhält­nisse abstrakter. In »Streets of Minneapolis« nennt Bruce Spring­steen einen Ort, eine Zeit — er singt vom »winter of ’26« — und ­erwähnt vor allem Menschen, die einen Ort überhaupt erst ausmachen. Wenn er die Namen der ermordeten Alex Pretti und Renée Good ausspricht, ist das bei weitem der effekt­vollste Moment.

Das größte Talent von Bruce Springsteen war immer schon, dass er sich als einer von uns positionieren konnte. Nichtmal für eine Sekunde hat man bei »Streets of Minneapolis« das Gefühl, dass der Rocksänger auf irgendeinen Zug aufspringen würde. Weil er’s auch in »Streets of Minneapolis« wieder schafft, sich auf etwas Konkretes zu fokussieren und dabei zu bleiben, statt das Ganze unnötig groß zu denken. Man fühlt sich gehört, verstanden, was eine Menge ist. Der Song ist kein Ruf zu den Waffen, sondern ein offenes Ohr. Beistand als gewaltige Form des Protestes. »We’ll remember the names of those who died, on the streets of Minnea­polis«, singt er. Am Ende bleiben nur noch die Rufe der Demonstrierenden übrig: »ICE out! ICE out! ICE out!«

Ein Punkt hat mich — auch als Riesenfan — viel beschäftigt: »We’ll take our stand for this land, and the stranger in our midst«, singt Spring­steen, der bereits öfter fälsch­li­cher­weise als Patriot bezeichnet wurde. Schon länger argumentiert er zwar, dass Donald Trump auch deshalb ein schlechter Präsident sei, weil er kein echter Amerikaner sei, und kritisierte die US-Regierung auf seiner letzten Europatour so: »They have no concern or idea of what it means to be deeply American.« Doch er meint damit die demokratische Grundidee der USA, die erstmal nicht verkehrt ist, die er seit Jahrzehnten besungen und deren Umsetzung er oft auch kritisiert hat — und für die es sich grundsätzlich einzustehen lohnt. »So we’ll survive this moment«, erzählte er. Das war immer schon der Kern von Bruce Springsteen — als Idee, nicht (nur) als Amerikaner.

»Streets of Minneapolis«, zu hören auf allen Streamingplattformen