Marty Supreme
Schon Freud beschrieb diese Art von Alpträumen: Der Träumende will ein Ziel erreichen, stößt aber fortwährend auf Hindernisse, jeder Fortschritt scheint ein neues Problem zu bedingen, das sich in den Weg stellt. Die Brüder Josh und Bennie Safdie sind Meister solcher Erzählungen, in denen ihre (Anti)Helden mit manischer Energie durch ihr Leben hetzen, aber wie auf einem Laufband in gleicher Geschwindigkeit wieder nach hinten gezogen werden. Das gilt für »Good Time« (2017), in dem Robert Pattinson einen Kriminellen spielt, der verzweifelt versucht, die Kaution für seinen verhafteten Bruder aufzutreiben, und »Uncut Gems« (2019), in dem Adam Sandler als spielsüchtiger Juwelenhändler ebenso dringlich das Geld für seine Schulden zusammenbekommen muss.
In »Marty Supreme«, Josh Safdies erster Regiearbeit ohne seinen Bruder, ist es Timothée Chalamet, der als New Yorker Tischtennisspieler Marty Mauser kurz nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Traum vom Gewinn der Weltmeisterschaft verfolgt. Doch trotz seines spielerischen Könnens stehen für den schmächtigen, pickligen jungen Mann aus armer jüdischer Familie die Chancen alles andere als gut — ständig muss er Rückschläge verkraften. Was Marty bleibt, sind sein unbedingter Glaube an sich selbst und seine atemberaubende Unverfrorenheit.
Offensichtlich war es der Widerspruch zwischen der Größe von Martys Ambitionen, der epischen Dimension der zweieinhalbstündigen Geschichte und der vergleichsweisen Unbedeutendheit von Tischtennis in der Sportwelt, die Josh Safdie und seinen Ko-Autoren Ronald Bronstein gereizt haben. Aber der Sport ist hier letztlich nur ein Gimmick, eine Art hitchcockscher McGuffin, der die Handlung in Bewegung setzt, letztlich aber austauschbar ist. Ähnlich oberflächlich bleibt der bewusst anachronistische Einsatz von 80er-Jahre-Hits wie »Forever Young« von Alphaville oder »The Perfect Kiss« von New Order.
Toll dagegen ist einmal mehr, wie es Safdie gelingt, über 150 erstaunlich kurzweilige Minuten die Lebensenergie eines New Yorker hustlers auf die Leinwand zu übertragen. Das ist großes Kino für mittleres Budget, wie es Martin Scorsese in seinen besten Jahren produziert hat, wie es heute allerdings in der US-Filmindustrie nur noch selten eine Chance bekommt.
USA 2025, R: Josh Safdie, D: Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A’zion, 149 Min. Start: 26.2.