Regelbrecher: Zoey Deutch und Guillaume Marbeck als Seberg und Godard © Jean Louis Fernandez

Nouvelle Vague

Richard Linklater feiert beschwingt Jean-Luc Godards künstlerische Regelbrüche

Im Dokumentarfilm »Chambre 12, Hôtel de Suède« über die Entstehung von Jean-Luc Godards Nouvelle-Vague-Klassiker »Außer Atem« sitzt Regisseur Claude Ventura Anfang der 90er Jahre in dem Hotelzimmer, in dem Godard 1960 mit Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo gedreht hat, und bittet Godard am Telefon um ein Interview. »Träum weiter«, entgegnet Godard und legt auf. An Rückblicken war der radikalste Vertreter der Nouvelle Vague nie interessiert. So war »Außer Atem« zwar eine Hommage an den klassischen US-Gangsterfilm, aber zugleich ein Angriff auf das Kino der Gegenwart und ein Blick in die Zukunft des Kinos.
Nun erinnert Richard Link­later an diesen Kinobildersturm: Godard (spitzbübisch gespielt von Guillaume Marbeck) ist ungeduldig! Claude Chabrol und Louis Malle haben bereits 1958 ihre Spielfilmdebüts realisiert, 1959 feiert François Truffaut mit »Sie küssten und sie schlugen ihn« ­einen großen Erfolg. Die Kritiker der Filmzeitschrift Cahiers du ­cinéma hatten den Sprung in die Praxis gewagt, um ihre im Heft propagierte Idee eines neuen ­Kinos umzusetzen.

Angestachelt von Truffauts Erfolg setzt Godard nun alles daran, mit »Außer Atem« das französische Kino nachhaltig zu verändern, ohne Kompromisse. Jeden Morgen überlegt der 29-Jährige, was er als nächstes drehen will. Oder auch nicht. Denn sein großes Vorbild ­Roberto Rossellini rät ihm: »Wenn Du keine Idee hast, dreh lieber nichts.« Den Jungstar Jean Seberg nervt Godards unkonventionelle Art und den Produzenten treiben diese Eigenarten fast in den Wahn­sinn. Aber Jean-Paul Belmondo hat seinen Spaß und der Kameramann Raoul Coutard setzt jede noch so verrückte Idee um.

Linklater feiert diese befreiende Kraft des Regelbruchs in seinem wunderbar beschwingten Film und zitiert unzählige Bonmots von Godard über das Filmemachen. Mit seiner luftigen, aber akkuraten Inszenierung, wie ­»Außer Atem« in Schwarz-Weiß und mitten im quirligen Paris gedreht, nähert er sich Godards Debüt an, bleibt aber konventionell. Keine Jump Cuts, Achsensprünge oder brechtsche Verfremdungs­effekte wie bei Godard, die permanent sagen: Ich bin ein Film! Kein Blick in die Zukunft des Kinos. Godard hätte den Film wohl überflüssig gefunden. Aber der letzte Vertreter der Nouvelle Vague ist im Jahr 2022 gestorben. So kann Linklater dessen unerbittlichem Urteil entgehen. Und wir können in Ruhe die schelmische Forschheit des jungen Godard genießen: zurück in die Zukunft!

F 2025, R: Richard Linklater, D: Guillaume Marbeck, Zoey Deutch, Aubry Dullin, 105 Min. Start: 12.3.