Die Welt ist keine Auster
Es gibt vielleicht keine unfruchtbarere Frage an ein Filmfestival als die, ob es politisch sei. Wie kann es das nicht sein? Denn jeder Film ist politisch, es kommt nur auf die Fragen an, die man an ihn stellt, auf den Blickwinkel, unter dem man ihn betrachtet. Eine andere Sache ist, ob ein Film tagespolitische Themen aufgreift. Und noch einmal eine andere, ob ein Filmfestival unabhängig von der Filmkunst tages- oder parteipolitische Positionen vertreten sollte.
In der an- und aufgeheizten Diskussion darum, wie »politisch« die Berlinale und wie denn ihre Haltung zu Gaza sei, wurden all diese Ebenen munter durcheinandergewürfelt und je nach politischer Haltung instrumentalisiert, nicht selten mit dem unbedingten Willen, sich gegenseitig misszuverstehen. Vielleicht hätten sich die an der Diskussion beteiligten einfach die Filme aus dem Programm angucken sollen, die sich tatsächlich mit dem Thema auseinandersetzen, um eine differenziertere Sicht zu bekommen.
Aber diese Diskussion soll hier nicht weitergeführt werden, stattdessen soll ein Blick auf einige Filme mit mal mehr, mal weniger großer Kölner Beteiligung geworfen werden, die eine beeindruckende Bandbreite des Schaffens hiesiger Produktionsfirmen zeigen.
Die nicht weit vom Ebertplatz sitzende Firma augenschein Filmproduktion orientiert sich schon seit einigen Jahren Richtung USA und Genrefilm, momentan läuft ihr Thriller »Dead of Winter« in den deutschen Kinos. »The Weight«, der in Sundance Weltpremiere feierte und als Europapremiere auf der Berlinale lief, ist ihr vielleicht bislang bester Film in dieser Richtung. Ethan Hawke spielt einen Strafgefangenen in einem Arbeitslager in Oregon im Jahr 1933. Als alleinerziehender Vater einer kleinen Tochter hat Samuel eine doppelte Motivation, so schnell wie möglich in Freiheit zu kommen. Da kann er ein Angebot des Lagerleiters kaum ausschlagen: Samuel soll mit einer kleinen Gruppe Mitgefangener eine große Menge Gold durch die Wildnis schmuggeln. Als Belohnung winkt ihm die Entlassung.
Was folgt, ist ein Höllentrip durch die Wälder Oregons (gedreht wurde zum Teil allerdings in Bayern) mit Bedrohungen durch die Natur, Trappern und Konflikten innerhalb der Gruppe, die unter anderem aus einem indischstämmigen Kommunisten und einem weißen Rassisten besteht. Das ist nicht unbedingt originell, aber als »Lohn der Angst«-artiger Thriller funktioniert »The Weight« gut, nicht zuletzt durch Ethan Hawkes Performance als empathischer tough guy, die kaum weiter entfernt sein könnte von seiner Darstellung des Songtexters Lorenz Hart in Richard Linklaters »Blue Moon«, der Ende März in den deutschen Kinos startet.
Von »The Weight« ist es auch ein weiter Weg zu Ulrike Ottingers »Die Blutgräfin«, den die Kölner Heimatfilm koproduziert hat und der im Rahmen einer Galavorführung auf der Belinale seine Weltpremiere feierte. Isabelle Huppert spielt die berühmt-berüchtigte ungarische Gräfin Elisabeth Bathory, die hier allerdings wenig mit ihrem realen historischen Vorbild zu tun hat. Als Vampirin inklusive Zofe und zahmer Fledermaus macht sie hier nach einem Vierteljahrhundert in einem Moskauer Mausoleum einmal mehr Wien unsicher. Die Zeitebenen gehen dabei wild durcheinander: Die Architektur des aktuellen Wiens trifft auf Figuren, die direkt aus einem Otto-Dix-Gemälde stammen könnten oder auf Dandys aus dem 19. Jahrhundert – man könnte sagen, der Film spielt in einer eigenen »Vampirzeit«, denn für Unsterbliche spielt Zeit ja letztlich keine Rolle. Der Plot um die Suche nach einem Buch, das Bathory und ihre Vampircommunity in Sterbliche verwandeln kann, steht weniger im Mittelpunkt, großen Spaß scheint es Ottinger aber gemacht zu haben, absurde und wunderbar alberne Szenen um die exzentrischen Figuren herum zu bauen. Darunter finden sich die beiden Vampirforscher Theobastus Bombastus und Nepomuk Nachbiss, der Psychoanalytiker Theobald Tandem, gespielt von Lars Eidinger, und der vegetarische Vampir Rudi Bubi von Strudl — und auch Conchita Wurst bekommt einen Gesangsauftritt. Das alles ist queeres Kino mit Wiener Schmäh, das gar nicht so weit weg ist von den Werken des Kölner Film- und Theaterregisseurs Walter Bockmayer. Das Drehbuch hat Ottinger zusammen mit Elfriede Jelinek bereits Ende der 90er Jahre geschrieben.
Der Roman »Liebhaberinnen« von Elfriede Jelinek war wiederum Ausgangspunkt für den gleichnamigen Debütfilm der Kölner Musikerin und Filmemacherin Caroline Kox alias Koxi, produziert von der Kölner Firma Coin Film. Aus den beiden Näherinnen einer Miederwarenfabrik im Roman von 1975 werden bei Koxi die alternde Messehostess Brigitte und die Jugendliche Paula aus der Provinz, die versucht, die Aufmerksamkeit ihrer Social-Media-Präsenz zu monetarisieren, etwa über den Verkauf ihrer Unterwäsche oder ihres Badewassers. Beide sind letztlich von der Gunst der Männer abhängig, die hier nicht viel mehr sind als unangenehme Grapscher und Aufschneider oder/und bemitleidenswerte Muttersöhnchen. Die Frauen sind aber auch nicht einfach Opfer einer patriarchalen Welt: Sie sind selber manipulativ, gefangen in einer kapitalistischen Selbstvermarktungslogik, die sie unglücklich macht, die sie aber auch nicht überwinden wollen, die sie noch nicht mal als solche erkennen. Den beißenden Spott und bitter-ironischen Humor von Jelineks Original trifft »Die Liebhaberinnen« gut und transformiert zudem den fünfzig Jahre alten Roman smart in die Gegenwart.
Überraschend humorvoll, auf eine ganz andere Art als »Die Liebhaberinnen«, ist das Dokumentarfilmdebüt »Two Mountains Weighing Down My Chest« der in Berlin lebenden chinesischen Filmemacherin Viv Li, produziert von der Kölner Firma Corso Film. Der Film beginnt mit einer Nacktbadeszene einer ziemlich diversen Gruppe junger Menschen und der Frage an die Regisseurin und Protagonistin des Films, welche Pronomen sie für sich benutze. Viv Li weiß nicht recht zu antworten. Will sie ihre Sexualität entdecken, experimentieren oder will sie einfach nur irgendwie dazugehören zu der queeren, genderfluiden Perfomance-Truppe, in die sie in Berlin irgendwie reingeraten zu sein scheint? Kontrastiert wird das immer wieder mit einem harten Schnitt mit Diskussionen, die Li in China mit ihrer Familie führt. Sie versucht dort, die in Deutschland und anderen westlichen Ländern aufgeschnappten Themen und Haltungen anzubringen zu so unterschiedlichen Themen wie Gender, Klimawandel, dem Ursprung der Corona-Pandemie oder dem Ukraine-Krieg, doch stößt sie dort nur auf Kopfschütteln und manchmal sogar ungläubiges Lachen. Li sucht immer wieder den Humor in solchen Gegensätzen, doch irgendwann bricht sie bei einer Freundin weinend zusammen: Sie habe sich überall angepasst, aber niemand komme ihr auch nur ein Deut entgegen.
Das Große und das Kleine, die Welt und das Individuum, die Politik und das Private, kommen zusammen in »Two Mountains Weighing Down My Chest«. Und so extrem und besonders Lis Schicksal sein mag, so sehr führt es gerade dadurch exemplarisch vor, wie wir alle im Leben navigieren müssen zwischen den unterschiedlichen Erwartungen, die von der Außenwelt an uns herangetragen werden, und dem Wunsch nach Zugehörigkeit und zugleich Individualität in uns.