Wir wollen, dass die Mullahs gehen
Als Reza Shaker für Veränderung im Iran auf die Straße ging, lag Hoffnung in der Luft. Kurz zuvor, am 16. September 2022, war die junge Kurdin Gina Masha Amini von der iranischen Sittenpolizei zu Tode misshandelt worden, weil ihr Kopftuch in den Augen der Behörde nicht richtig gesessen hatte. Nun wollte die Bevölkerung den Terror des Mullah-Regimes nicht länger hinnehmen. Doch die Proteste wurden gewaltsam unterdrückt. Die Regierung setzte Tränengas ein, schoss mit scharfer Munition und Schrotgewehren auf die Demonstrierenden — und nahm sie fest. Reza Shaker wurde am Morgen nach dem Protest im Schlaf überrumpelt und einen Monat lang vom Geheimdienst verhört, bevor er ins Gefängnis kam.
Das alles erzählt der 24-Jährige im Gespräch mit der Stadtrevue, bei Sprachbarrieren nutzt er ein Übersetzungsprogramm. »Wir wollten nichts anderes als Freiheit, wir wollten leben«, sagt Shaker. Für diesen Wunsch wurde er bitter bestraft. »Man folterte uns durch Schläge mit Stöcken, durch Tritte und Elektroschocks«, erzählt der junge Mann. »Aber nichts war so schlimm wie die Verhöre.« Während dieser habe man ihm stets die Augen verbunden und er habe nur raten können, was um ihn herum passierte. »Das raubt einem jeden kämpferischen Geist.« Sein bester Freund, der mit ihm demonstriert und im Gefängnis gesessen hatte, wurde hingerichtet.
Weil Shaker nach seiner Freilassung keinen Job fand und Angst hatte, erneut verhaftet zu werden, kam er vor neun Monaten nach Köln. Und verfolgt nun von hier aus, wie sich die Geschichte wiederholt. Während der jüngsten Proteste, die Ende Dezember 2025 als Aufstand gegen die wirtschaftliche Lage im Iran begannen, wurden Tausende getötet. Verlässliche Zahlen sind schwer auffindbar, aber Quellen aus dem iranischen Gesundheitsministerium zufolge sollen es bei Redaktionsschluss 30.000 Opfer gewesen sein. Die Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Hengaw konnten auch brutalste Folter in den Gefängnissen verifizieren.
Wir wollten nichts anderes als Freiheit, wir wollten leben
»Wenn wir verhindern wollen, dass immer mehr Menschen umgebracht werden, muss das Regime gestürzt werden«, sagt Reza Shaker. Das Potenzial dafür sieht er, trotz der grausamen Niederschlagung der letzten Proteste. »Ich glaube, jede dieser Protestbewegungen ist wie eine Stufe zur Freiheit.« Das Regime befinde sich aktuell in seiner schwächsten Phase, die Menschen seien »unendlich wütend.«
Auch Sali Lava, die vor neun Jahren zum Studieren nach Köln kam, wünscht sich sehnlichst den Sturz des Mullah-Regimes. Ihr Cousin ist den Massakern im Januar zum Opfer gefallen. Er folgte dem Aufruf von Reza Pahlavi, dem Sohn des 1979 gestürzten Schahs, zu den Protesten. Sicherheitskräfte schossen auf die Demonstrierenden, Lavas Cousin starb. »Es war schrecklich. Meine Familie erzählte mir, wie Feuerwehrwagen das Blut von den Straßen spülten«, sagt Lava. Um den Leichnam ausgehändigt zu bekommen, habe die Familie dem Regime umgerechnet rund 2500 Euro zahlen müssen — ein Preis, der zu Beginn der Proteste noch niedrig gewesen sei. Lava bezeichnete sich früher als unpolitisch. Die systematische Gewalt im Iran habe sie aber politisiert. Heute demonstriert sie in Köln und anderen Städten Deutschlands, mit dem Foto ihres Cousins. »Ich schulde ihm eine Stimme.«
Lavas Hoffnung auf einen Regimewechsel ist größer als noch vor einigen Jahren. Doch sie verknüpft diese Hoffnung mit Prinz Reza Pahlavi. In ihren Augen steht er für eine Übergangsphase, nach der es freie Wahlen geben soll. Eine Prognose, die andere äußerst kritisch sehen. »Wenn man sich Pahlavis Plan für die Übergangsphase im Iran anschaut, merkt man, dass seine Ideen auf nichts demokratisches hinauslaufen«, sagt die Kölner Autorin Maryam Aras. »Der Demokratisierungsprozess, den er ankündigt, ist im Grunde ein administrativer Prozess von oben.« Das Center for Kurdistan Studies schreibt in einer Publikation, dass Pahlavis Plan keine Gewaltentrennung beinhalte, alle Autorität bei Pahlavi bündele und die Rechte ethnischer Minderheiten ignoriere. Auch der kurdische Aktivist Shoan Vaisi warnt vor Pahlavi: »Er hat sich nie von der Diktatur seines Vaters distanziert«. Während der Herrschaft des Schahs wurden Oppositionelle wie Linke ebenfalls inhaftiert und gefoltert. Vaisi hat dokumentiert, wie auf den jüngsten Iran-Demos in Deutschland von Monarchist:innen »Tod den Linken« gerufen wurde, darunter in Köln und Düsseldorf. Er hat Anzeige erstattet. »Das Ziel der Monarchist:innen ist das gleiche geblieben: Oppositionelle sollen beseitigt werden«, sagt Vaisi. »In dieser Hinsicht sind sie wie die Mullahs«.
Dennoch wenden sich in der Diaspora einige den Monarchist:innen zu. Sie mobilisieren ihre Anhängerschaft auf den Straßen und online. Maryam Aras schätzt sie nicht alle als extrem ein — die Gruppe setze sich zusammen aus moderaten Exil-Iraner:innen, die den Sohn des Schahs als pragmatische Übergangslösung ansähen, und solchen, die die Monarchie aus ideologischer Überzeugung zurück haben wollten. Die Moderaten verschwänden aber oft hinter der Lautstärke der Extremist:innen. Köln gilt nicht als Hochburg für Monarchist:innen: »Hier leben viele linke Iraner:innen und Kurd:innen aus dem Iran«, sagt Shoan Vaisi. Belastbare Daten dazu gibt es nicht. Doch auch in Köln scheint die Diaspora gespalten.
»Ich habe in letzter Zeit viele persische Schimpfwörter gelernt«, sagt Minu, die in Köln geboren und aufgewachsen ist. Sie heißt eigentlich anders, möchte ihren echten Namen aber nicht in der Presse lesen. »Mir hat die Reaktion des Regimes auf die letzten Proteste zum ersten Mal so richtig Angst um meine Familie gemacht«, sagt sie. »Das Regime könnte sich an meinen Verwandten im Iran rächen, wenn ich als Kritikerin identifiziert würde.« Andererseits wolle sie Anfeindungen von hier lebenden Monarchist:innen vermeiden. Sie kenne Iraner:innen, die sich mit der Zeit radikalisiert hätten. »Das Exil macht das mit dir. Du brauchst jemanden, der schuld ist, warum du nicht mehr in dein Land zurückgehen kannst«, sagt Minu. »Wir können unseren Frust nicht an der iranischen Regierung auslassen, also machen wir es untereinander.«
Das Ziel der Monarchist:innen ist das gleiche geblieben: Oppositionelle sollen beseitigt werden
Minu kann verstehen, warum Iraner:innen auf die Rückkehr von Reza Pahlavi hoffen. »Die Menschen sind verzweifelt«, sagt sie. »Wenn man ihnen sagt, Monarchist:innen seien antidemokratisch, lachen sie sich kaputt.« Denn keiner in Deutschland könne sich vorstellen, mit welch einem Regime es die Iraner:innen zu tun hätten. »Ich denke, sie würden jeden nehmen, um die Mullahs loszuwerden.« In Minus Augen radikalisieren sich die Menschen im Iran und der Diaspora auch deshalb: »Sie glauben nicht mehr daran, dass Veränderung demokratisch geschaffen werden kann«.
Minus Eltern kamen nach der islamischen Revolution nach Deutschland. Anfangs dachten sie, die Lage im Iran würde sich bald verbessern und sie könnten in die Heimat zurückkehren. »Das ist jetzt 45 Jahre her.« Auch aktuell glaubt Minu nicht an die Möglichkeit eines Regimesturzes. »Der Iran ist bis auf die Zähne bewaffnet. Dagegen kommt man nicht so einfach an.« Sie sagt, sie mache sich Sorgen um ihre Familie in der Heimat: »Als wir das letzte Mal telefoniert haben, haben alle geweint. Niemand hat mehr gesprochen, weil die Angst so groß war, abgehört zu werden.«
Das Leid, das das Mullah-Regime über den Iran gebracht hat, teilen Iraner:innen in der Heimat und im Exil. »Deshalb haben wir alle eine Gemeinsamkeit: Wir wollen, dass die Mullahs gehen«, sagt Minu. Doch wer danach kommen soll — oder eben nicht —, darüber wird heftig gestritten. Reza Shaker sieht in dieser Spaltung eine Gefahr: »Die Islamische Republik nutzt jede Form von Polarisierung für ihre eigenen Zwecke«. Shaker sagt, jetzt sei keine Zeit für Streit. In erster Linie gehe es um den Sturz des Regimes, dafür müssten alle am selben Strang ziehen. »Nichts außer Einheit«, betont er mehrmals, »kann diese Revolution zum Erfolg führen.«