Die letzten ihrer Art

Das Kneipensterben greift um sich. Gehören Schwaad aan d’r Thek, Schocken und schummerige Atmosphäre bald der Vergangenheit an? Oder könnte sich der Trend sogar umkehren, weil hier eine Gastlichkeit zelebriert wird, nach der sich viele Menschen sehnen? Anne Meyer und Bernd Wilberg standen an vielen Theken, haben mit Gästen angestoßen und mit Wirten palavert, nach Soleiern gefragt und sich bemüht, die Faszination für Sparkästchen zu ver­stehen. Dörthe Boxberg hat die Atmosphäre mit der Kamera eingefangen

Kölsche Kneipen — das war vor dreißig, vierzig Jahren ­etwas so Alltägliches und Normales wie der Bäcker oder Supermarkt an der Ecke. Erst jetzt, wo das Kneipensterben in aller Munde ist und kaum eine Woche vergeht, in der nicht wieder die Schließung einer traditionsreichen ­Kneipe vermeldet wird, rücken sie in den Mittelpunkt des Interesses. 

Manche Wirte meinen auch festzustellen, dass eine junge Generation die Kneipe wiederentdeckt — vielleicht, weil sie gelangweilt ist von all den Hipster- und Foodie-Hotspots. In der Kneipe wird noch ein kölsches Kulturgut gepflegt, das man längst ausgestorben wähnte. Dazu gehört etwa Schocken, ein Würfelspiel, bei dem der Verlierer die nächste Runde zahlen muss. Oder die Sparkästchen, in die Kneipengäste Woche für Woche oder Monat für Monat Geld stecken, um zu Weihnachten ihr angehäuftes Geld samt Zinsen ausgezahlt zu bekommen. Auch gibt es in nahezu jeder Kneipe noch Frikadellen, wenn auch keine Soleier mehr, die bis in die 80er Jahre noch in großen Weckgläsern auf den Tresen standen.

Damals waren die Kneipen auch noch ziemlich verqualmt, man kann es sich heute kaum mehr vorstellen. Als dann 2006 in NRW das Nichtraucherschutzgesetz kam, wähnten sich viele Kneipen wegen des Rauchverbots vor dem Aus. Heute stehen die Gäste zum Rauchen vor der Tür oder haben es sich abgewöhnt. 

So manches hat sich geändert in der kölschen Kneipen­kultur. Während früher über Fußball bloß palavert wurde, steht vielerorts ein Großbildschirm bereit, um die Spiele des FC oder andere Sportevents zu zeigen. Das soll Gäste anlocken und den Umsatz steigern, zugleich aber treiben die Verträge mit den Bezahlsendern die Kosten nach oben — zumal, wenn Gäste sich ein Spiel anschauen und bloß ein Kölsch pro Halbzeit trinken.

Manche Kneipe hat deshalb schon einen Mindestverzehr verlangt. Für die Stimmung ist das ähnlich abträglich wie ein müde auflaufender FC oder die Vermietung der Kneipe an geschlossene Gesellschaften.  
Viele Kneipen stehen vor finanziellen Schwierigkeiten, die Wirte sehen, wie ihr Publikum immer älter wird und sich irgendwann die Reihen vor der Theke lichten. Dann braucht es Attraktionen für neue, junge Kundschaft, vielleicht ab und an eine Feier, kleine Konzerte oder auch elektronische Dartboards, wie man sie jetzt öfter sieht, seit dieser Sport boomt. 

»Eine echte kölsche Kneipe braucht einen Tresen und Fassbier — aber eigentlich geht es gar nicht so sehr ums Biertrinken, sondern um die Menschen«, sagt Marvin Schmitz, der mit seinem Freund Tim Emmerich den Knei­pen-Podcast »Zweimal 0,2« betreibt. In 120 Kneipen sind die beiden Studenten dafür schon gewesen. »Wo Jung und Alt zusammenkommt, wo alles sich mischt, ist es am schönsten«, sagt Schmitz. Meist finde man das noch am Stadtrand. In Dellbrück zum Beispiel, wo Schmitz herkommt. »Da gibt es nur noch eine Kneipe, aber die ist eng mit dem Veedelskarneval verbunden, da treffen sich die Stammtische und sozialen Vereine — da findet das kulturelle Leben im Veedel statt.« Auch Zollstock sei besonders, berichtet Tim Emmerich. »Da macht der Bürgerverein mit seinem Stammtisch in jeder Kneipe mal Station. Die Wirte sind keine Konkurrenten: Wenn der eine abends zumacht, geht er zum anderen und trinkt da was.« Einmal, in Deutz, öffne­ten sie die Tür zum Constantin Pub, eigentlich eine Hotelbar — und fanden sich in einer urigen Kneipe wieder, in der eine riesige Krippe aufgebaut war, über mehrere Ebenen.

Wo Jung und Alt zusammenkommt, wo alles sich mischt, ist es am schönstenMarvin Schmitz, Podcast »Zweimal 0,2«

Wenn heute ein asiatischer Imbiss oder ein Liefer­service in ein Ecklokal einzieht, künden oft die Butzenscheiben noch davon, welche Art von Laden sich vorher hier befand. Keine noch so kultige Kneipe ist vor diesem Schicksal gefeit. Oft läuft der Pachtvertrag aus und es ­drohen Mieterhöhungen, so wie im Knollendorf in Sülz oder im Schill-Eck in Nippes. Früher habe man auch in Dellbrück Kneipentouren machen können, so wie es ­heute noch in Nippes oder dem Agnesviertel möglich ist, erzählt Marvin Schmitz. »Da gab es zwanzig, dreißig Kneipen im Viertel. Das ist heute natürlich unvorstellbar.«

Aber es komme auch etwas Neues nach, sagt Emmerich. Das Marienbildchen in Lindenthal habe wieder aufgemacht, mit dem neuen Beinamen Leev Marie. »Es gibt ja eine Retrowelle, junge Leute gehen wieder in Kneipen, gehen kegeln«, sagt Tim Emmerich. »Aber klar: Es gibt ­sicher ein paar hundert Kneipen weniger als vor zehn Jahren.« 

Anne Meyer, Bernd Wilberg

 

Das darf man den Leuten doch nicht wegnehmen!

Das »Schill-Eck« in Nippes gibt es fast ein halbes Jahr­hundert. Doch zum April wird die Kneipe schließen — obwohl der Laden gut läuft. Die Stamm­gäste sind ver­zweifelt, sie ­verlieren ihr Wohn­zimmer

Von draußen kann man nicht sehen, was einen drinnen erwartet. Nur schemenhaft erkannt man durch die trüben Butzenscheiben, dass schon geöffnet ist. Wenn man dann die Tür auf- und den schweren Windfang zur Seite zieht und fast schon am Tresen steht, denkt man unwillkürlich, dass sich hier in fünf Jahrzehnten nichts verändert hat. Eine Kölschkneipe wie gemalt. Das Licht schummrig, das Mobiliar und die Holzvertäfelungen nachgedunkelt, an den Wänden Erinnerungen an längst vergangene Karnevalsessionen und die besseren Zeiten des FC. Die Karnevalsorden sind beschlagen, die Fotos und Zeitungsausschnitte hinter Glas vergilbt, ein FC-Maskottchen hängt etwas schief oberhalb der Theke. Die Kneipe als Zeitkapsel. Neueren Datums sind hier bloß der Großbildschirm über dem Eingang und der Beamer, der in Betrieb genommen wird, wenn der FC spielt.

Dass das Schill-Eck gut läuft, liegt aber weder an den Fußballübertragungen noch an den Karnevalstagen, wenn es hier hoch hergeht, sondern es liegt an Monika und Siegfried Brendel, die das Schill-Eck betreiben und auch in dem Eckhaus wohnen. Ganz gleich, mit welchen Gästen man ins Gespräch kommt, stets heißt es, dass diese Kneipe noch eine Seele habe, dass hier jeder reinkommen könne und sich gleich wohlfühle und dass der Grund dafür eben »die Moni und der Siggi« seien, die besten Wirte, die man sich überhaupt vorstellen kann.Wenn man dann Monika Brendel fragt, was man als Wirtin eigentlich tun muss, um solche Komplimente zu erhalten, zuckt sie nur mit den Schultern.

Über die Gründe für die Schließung möchte sie aber lieber gar nicht reden. »Schreib doch einfach, dass es uns immer Spaß gemacht hat, das reicht doch«, sagt Moni, mit der man schnell per Du ist. Die Stammgäste des Schill-Eck erzählen einem aber, dass der Mietvertrag ausläuft, dass alles zu teuer werde und dass sie befürchten, dass es hier bald kein Schill-Eck mehr gibt. »Dann kommt hier so ein helles Café rein, wo man raus- und reingucken kann — aber wer braucht das? Davon haben wir hier auf der Neusser Straße schon genug«, sagt eine Frau an einem Stehtisch gegenüber der Theke, die mit Freunden gekommen ist. »Oder ein Barbershop oder ein Nagelstudio«, befürchtet jemand anderes aus der Gruppe. 

Als Monika Brendel vor fast einem halben Jahrhundert im Schill-Eck anfing, war sie Anfang 20 und eine der jüngsten Wirtinnen der Stadt. Ob das schwierig war damals, zumal als Frau hinterm Tresen? »Ach, weißt du, damals war ich ja noch jung und schön«, sagt sie. »Aber klar, die alten Männer haben natürlich genau geguckt, ob die Frau auch richtig zapfen kann, aber das hatte ich nach ­einem Tag raus, dann waren die ganz schnell ruhig.«

Später kam dann ihr Mann Siggi dazu, sie hätten sich sehr gut ergänzt, erzählt Moni. »Einziges Problem: Der Siggi feiert nicht so gern Karneval, deshalb mach ich an den ­Tagen die Theke. Und wenn einer fragt, wo der Siggi bleibt, dann sag ich, der Siggi ist zu Hause, der muss noch sein Kostüm nähen.« Bisweilen wird das Schill-Eck auch als »FC-Kneipe« gehandelt, aber das Schill-Eck ist eben mehr als das, auch wenn hier die Fernsehüber­tragungen des Klubs zu sehen sind. So wie an diesem Sonntagnachmittag. Gerade müht sich der FC gegen den RB Leipzig. Der kölsche »Traditionsverein« gegen den ­»Retortenklub« eines Energydrink-Konzerns — da fiebern selbst die Kneipengäste mit, die nicht wegen des Spiels hier sitzen. Als dem FC, der schon hinten liegt, ein Elf­meter verweigert wird, ist das Entsetzen groß. Jetzt sind alle Fußballexperten. Ein bislang unauffälliger Thekensteher in schwarzer Kunstlederjacke fuchtelt mit den ­Armen, blickt zum Fernseher über der Tür, als sei das Gerät ein zürnender Gott, der den FC und alle Gäste hier mit einer unfassbar falschen Schiedsrichterentscheidung strafen will.

Die meisten anderen an der Theke bleiben aber gelassen. Sie haben in all den Jahren hier schon zu oft mit dem FC gelitten, um nun aus der Haut zu fahren. Auch Wirtin Moni schüttelt nur den Kopf, als die Niederlage dann amtlich ist, sie murmelt »wieder mal schade« und ist ansonsten damit beschäftigt, einen Bierkranz, dessen Halterung herausgesprungen ist, wieder zusammenzusetzen. Gerade fährt ein neues Fässchen im Aufzug auf die Theke. Denn nur wenige Gäste verlassen nach dem Spiel die Kneipe. Moni holt noch mal Frika­dellen aus der kleinen Küche, Grundlage für den Rest des Sonntags hier.

Also ich hab ja früher mal Häuser besetzt. Wenn’s nicht anders geht, kette ich mich ­einfach an die ­Zapfanlage« Markus, Stammgast

Auch Markus, Anfang 60, hat das Fußballspiel geguckt. Mehr als die FC-Niederlage beschäftigt ihn, dass das Schill-Eck Ende März schließt. Markus wohnt um die Ecke und geht seit dreißig Jahren ins Schill-Eck. »Das ist hier ein Wohnzimmer für alle. Wo gibt es das denn noch, dass die unterschiedlichsten Menschen zusammen­kommen?«, sagt er. »Arbeiter nach der Schicht, Rechts­anwälte ... die stehen hier alle mal am Tresen. Und wenn’s nur kurz auf ein, zwei Bier ist, um ein bisschen zu ­quatschen. Das darf man den Leuten doch nicht weg­nehmen!« Auch seine erwachsenen Kinder kämen ab und an auf ein Bier vorbei. »Die Jüngeren finden das hier nämlich cool«, behauptet Markus. 

Tatsächlich sieht man einige Tage zuvor am großen Tisch gut ein halbes Dutzend Gäste Anfang 20 sitzen, sie trinken Kölsch oder Limonade — und spielen Karten. Erst kurz bevor sie später aufbrechen, liegen ihre Handys auf dem Tisch. 

»Das Ende der Kneipe wäre nicht traurig«, sagt Markus jetzt. »Das wäre eine Katastrophe.« Die Stammgäste hätten schon überlegt, wie man das Schill-Eck retten könne. Ob man die Kneipe vielleicht unter Denkmalschutz stellen kann? Das habe er sich gefragt, so Markus, er macht eine Pause und sagt dann etwas schelmisch: »Also ich hab ja früher mal Häuser besetzt. Wenn’s nicht anders geht, kette ich mich einfach an die Zapfanlage.« Dann entschuldigt er sich. »Muss mal vor die Tür, eine rauchen.«

Das Rauchverbot in Kneipen hat 2006 viele Wirte in Aufruhr versetzt. Mit der Kampagne »Mensch, Kultur, Kneipe« traten Lobbyverbände dafür ein, dass die Gastwirte selbst entscheiden dürften, ob geraucht wird oder nicht. Andernfalls drohe ein Kneipensterben, hieß es. Im Schill-Eck hat man sich auch dagegen gewehrt. Aber heute winkt Wirtin Moni ab, wenn man fragt, ob sie das Kundschaft gekostet habe. Ihre Gäste stellen sich einfach auf eine Zigarettenlänge vor die Tür, kommen dann wieder rein. Einer Kneipe mit Moni und Siggi, so scheint es, könnte es auch nichts anhaben, wenn die Gäste zum Kölschtrinken vor die Tür gehen müssten. 

Wie steht es überhaupt um den Bierumsatz? »Die jungen Leute trinken heute nicht mehr so viel, das merkt man«, sagt Moni. Öfter als früher geht Alkoholfreies über den Tresen. Oder — eines der wenigen Zugeständnisse an die gastronomische Moderne hier — Aperol Spritz. Elke, die kein Bier mag, aber trotzdem oft zu Gast ist, hat sich gerade einen weiteren bestellt. Die Endfünfzigerin schwärmt von der Atmosphäre.»Hier bei Moni bekomme ich Vollpension«, sagt sie, und dann: »Aber das ist so traurig, dass ich mit Moni und Siggi hier nicht mehr meinen Sechzigsten feiern kann.«

Biggi steht einen Tisch weiter, sie ist Mitte sechzig und nicht Stammgast, »aber immer wieder mal wieder hier«, wie sie sagt. Auch, weil ihr Mann hier die FC-Spiele guckt. Die beiden kommen aus Mauenheim. »Da ist ja wirklich gar nichts mehr los!«, sagt Biggi. Das Schill-Eck müsse unbedingt erhalten bleiben. »Und wenn es einen Nachfolger gibt, dann darf der auf keinen Fall was an der Einrichtung ändern! Der soll bloß nicht auf die Idee kommen, hier die Butzenscheiben rauszunehmen, damit es heller wird.« 

Wen man auch spricht, alle sind traurig, dass Moni und Siggi aufhören und sorgen sich, wie es mit dem Schill-Eck weitergeht. Aber wie geht es Moni und Siggi denn damit? Schließlich geben sie eine Kneipe auf, die ein großes Stammpublikum hat und bestens läuft. Moni sagt, sie wolle auf keinen Fall wehleidig erscheinen. »Ihr könnt doch einfach schreiben, alles gut, und wir haben das gerne gemacht«, sagt sie und erzählt dann: »Mich hat mal einer von der Zeitung gefragt, was mein schönstes Erlebnis hier war. Ja, was soll ich da sagen? Jeder Tag hier.« Moni muss jetzt wieder hinter die Theke, dreht sich dann aber noch mal um: »Ach so, du kannst aber gern noch in den Zeitungsbericht reinschreiben, dass wir jetzt eine Drei-Zimmer-Wohnung suchen.«

Bernd Wilberg

 

 

Liebelein, komm, fang an!

»En d’r Hött« ist eine der letzten Kneipen von Buchforst. Hier hält man sich mit Neon-Partys, Stammtischen und saftigen Sprüchen über Wasser 

Schon von Weitem leuchtet das rote Reissdorf-Schild an der Waldecker Straße, die vom S-Bahnhof Buchforst nach Kalk führt, vor der Kneipe stehen ein paar Raucher. Wer die Tür öffnet zum »En d’r Hött«, wird lautstark begrüßt, von den Wirten, Jasmin und Guido Günther, aber auch von den Stammgästen an der Theke. 

Etwa zehn Gäste sind an diesem Freitagabend gekommen, zwei stehen am Spielautomaten, andere schauen die Handballübertragung auf dem Fernseher, aber die meisten spielen Schocken mit den Wirten, ein Würfelspiel, bei dem der Verlierer die nächste Runde Kölsch zahlt. »Liebelein, komm, fang an! Nächste Runde«, ruft Angelika, die hier Stammgast ist, und wieder ertönt das gedämpfte Klacken der Würfel auf den Bierdeckeln. 

Nur Kölsch verkaufen bringt nix, du musst dir was einfallen lassen, sonst biste allein mit dem RolfJasmin Günther, Wirtin

Auch in Buchforst habe es mal viele Kneipen gegeben, erzählt Angelika. Jetzt sind nur noch zwei übrig, und eine ist En d’r Hött. Buchforst ist bekannt für seine großen Genos­senschaftssiedlungen von Wilhelm Riphahn, den Blauen Hof und die Weiße Stadt, das Veedel liegt nah an der Messe, ist aber auch eingekeilt von Kalkberg, Bahntrassen und einer Bundesstraße, sodass sich aus dem rest­lichen Köln kaum mal jemand hierher verirrt. »Die Leute sind ein bisschen komplizierter hier, das ist ein ganz eigenes Veedel, das sagen die auch selber«, erzählt Guido Günther, der Wirt, der die Kneipe vor gut zwei Jahren mit seiner Frau Jasmin übernommen hat. Vorher haben sie schon eine Kneipe in Humboldt-Gremberg geführt. Sie haben schon einiges gemacht in ihrem Leben: Er war Kraftfahrer, sie hat im Lager gearbeitet, dann jobbten sie eine Zeitlang für den Boulevard, als Blaulichtreporter und Unfallfilmer, ein Job, an den sie durch einen Zufall gekommen seien.

»Wir sind für alles zu haben, wir machen jeden Mist mit«, sagt Jasmin Günther. Kneipier zu werden, habe da noch gefehlt. Es sei die richtige Entscheidung gewesen, sagt sie. Im Sommer, in Gremberg, hätten sie vor der Kneipe Wasserschlachten gemacht, wenn es heiß war. Dort hatten sie schon um 10 Uhr auf, für den Frühschoppen. Mit der Zeit aber sei es dort nicht mehr so gut gelaufen. »Da kamen mehr die Arbeitslosen. Am Monatsanfang ging der Umsatz rauf, aber ab dem Zwanzigsten im Monat kam keiner mehr.« Hier in Buchforst kämen die Arbeiter. »Die sind auch nicht reich, klar, aber man merkt schon ­einen Unterschied. Hier machen sie auch keinen Deckel, das wollen die gar nicht.« 

Da geht die Tür auf und zwei ältere Herren stecken ihre Köpfe rein. »Och nee, die alten Säcke kommen auch noch! Wer hat euch denn rausgelassen«, ruft es vom Tresen. Großes Gelächter. »Wo haste deine Haare gelassen?«, ruft ein anderer. So willkommen geheißen, nehmen die Herren bestens gelaunt an der Theke Platz, und die anderen machen mit dem Schocken weiter. 

Inzwischen hat jeder hier schon so einige Striche auf dem Deckel. »Mit fünf Kölsch fängt et langsam an«, sagt ein Stammgast. »Mit zehn stimmt et dann.« Er gehe auch in andere Kneipen, erzählt ein anderer. »Ich geh überall hin, und irgendwann fang ich an zu quatschen. Da hab ich keine Probleme mit.« Es gibt Stammgäste, die kommen jeden Tag, wenn geöffnet ist. Rolf zum Beispiel, der oft schon um 14 Uhr reinkommt, an der Theke einen Kaffee bestellt und dazu seinen mitgebrachten Pudding isst. »Wenn einer drei Wochen nicht kommt, fragste dich schon: Was ist jetzt mit dem?«, sagt die Wirtin.

Aber auch in Buchforst läuft der Laden nicht von selbst. »Nur Kölsch verkaufen, bringt nix, du musst dir was einfallen lassen, sonst biste allein mit dem Rolf.« Also machen die Günthers Veranstaltungen, mal eine Schlagerparty, mal eine Neon-Party. »Da waren die Leute begeistert! War aber auch viel Arbeit, da haben wir alles abgeklebt, damit das leuchtet. Da haste auch getanzt, ne, Rolf?« Rolf nickt und nippt von seinem Kölsch. 

Wichtig fürs Geschäft seien auch die Stammtische, erzählen die Wirte. Jasmin zählt auf: »Wir haben die Alt-Buchforster, die Kalker, die Knobler, die Uno-Spieler, die Suffhöhner, die Ahle Böck…« Sie und ihr Mann sind jetzt auch selbst bei einem Stammtisch in der eigenen Kneipe, im April fahren sie zusammen in Urlaub. Aber es kommen auch Gäste von auswärts, Messebesucher zum Beispiel, die nebenan in dem großen Hotel an der Bundesstraße absteigen. »Dann musste wieder graben, Jasmin! Ein ­bisschen Englisch, ein bisschen Französisch!«, sagt Angelika am Tresen. 

Um die Theke rum, leicht abgeschirmt in einer Nische, hängt das Sparkästchen, hier hat auch Angelika ein Fach. Früher habe sie selbst eine Kneipe geführt, erzählt sie. An der Severinstraße, mit Bundeskegelbahn. Wenn ihre Gäste zu viel tranken, habe sie die Autoschlüssel eingesammelt. »Ich sach, leg se hier in die Schüssel, kannste morgen um zehn wieder abholen.« Früher, sagt Angelika, hätten noch große Gläser mit Soleiern und sauren Gurken auf der Theke gestanden. »Ist alles nicht mehr erlaubt, genau wie das Rauchen. Es gibt immer Leute, die was dagegen haben, und jetzt müssen wir raus in die Kälte und dann beschwe­ren sich die Nachbarn, wenn Lärm ist.« Angelika ist im Severins­viertel aufgewachsen, aber irgendwann, erzählt sie, hätten sie und ihr Mann die Mieten dort nicht mehr bezahlen können. Also sind sie »aus der Heimat« weggezogen, nach Buchforst. 

Auch Jasmin und Guido Günther wohnen inzwischen in Buchforst, direkt über der Kneipe. Aber ewig wollen sie hier nicht weitermachen. »Noch drei Jahre, dann machen wir dicht«, sagt Guido Günther. Warum? »Wenn die Alten mal wegsterben, gibt’s auch keine Kneipen mehr. Die ­Jugend geht nicht mehr aus, die haben auch keinen Bezug zu Kneipen. Die stehen nebeneinander und schreiben sich ’ne What’sApp, die unterhalten sich ja gar nicht mehr!« Aber auch wenn ihre Kneipe zu einer aussterbenden ­Spezies gehört, ist das für die Günthers noch lange kein Grund, traurig zu sein. Was an ihrem Job Spaß macht? »Die Leute, dat Schwaade«, sagt Guido Günther. »Und ich bin der Pausenclown. Von mir kriegt man keine vernünftige Antwort.« 

Anne Meyer

 

 

Das ist ein Hobby, damit kann man kein Geld verdienen

Das »Im Rondellchen« in Bickendorf ist Treffpunkt im Veedel mit einer langen Tradition. Nun übernimmt eine jüngere Generation die Kneipe — und will gar nicht viel ändern

Eine Kneipe, deren Name als geschwungener blauer Neon-Schrift­zug über dem Eingang angebracht ist, findet man selten. Auffällig ist auch die Front des runden Gebäudes, das nicht mal fünfzig Quadratmeter fasst. Die Kneipe »Im Rondellchen« gibt es fast hundert Jahre, jeden­falls das Gebäude. »Die heutige Kneipe war ursprünglich ein Kiosk, später ein Café, und ab Ende der 50er Jahre dann Kneipe«, erzählt Dieter Polch, der hier seit 16 Jahren hinter der Theke steht. Der heute 70-Jährige ist in der Nachbarschaft aufgewachsen, wohnt um die Ecke, jeder im Veedel kennt ihn. 

»Der kleine Platz vor dem Rondellchen war früher eine Wendeschleife der KVB, so dass die Straßenbahnfahrer hier auch auf Toilette gehen konnten«, sagt Polch. »Und dann haben natürlich auch viele Fahrgäste die Gelegenheit genutzt, hier ein Bier zu trinken.«

Früher habe es von 10 bis 14 Uhr auch regelmäßig einen Frühschoppen gegeben, danach sei erst um 17 Uhr wieder die Tür aufgemacht worden, so Polch. Er erinnert sich noch, wie er mit seinem Großvater im Rondellchen war. »Da standen die Männer in Dreierreihen vor der Theke. Der Wirt ­musste die Leute mittags rausschmeißen.« Und weil viele der Gäste berufstätig waren, sagt Polch, hätten manche Leute, die für den Nachmittag einen Anstreicher oder Instal­lateur bestellt hatten, schon mal vergeblich gewartet. »Der war beim Frühschoppen gewesen, das war dann Pech.« Offen­bar blieben schon früher viele Gäste länger im Rondellchen als geplant. »Dann klingelte das Telefon hinter der Theke, weil da eine Frau auf der Suche nach ­ihrem Mann war, der doch nur schnell Zigaretten holen wollte.«

Knapp zwei Dutzend Sitzplätze sowie eine Theke, die nur gut fünfeinhalb Meter lang ist, hat die Kneipe. Die gesamte Einrichtung hier sieht so aus, als habe sich seit Jahrzehnten nichts verändert. Das Festnetztelefon mit Schnur steht noch vor dem Büfettschrank, auch die Sparkästchen hängen an der Wand. »Ich verstehe nicht so richtig, was die Leute daran toll finden, aber es sind nur noch ein paar Kästchen frei.« Ab und an gibt es Brühwürstchen aus der Küche. »Wenn der Dieter die warm macht, schmecken die am besten«, sagt jemand an der Theke und lacht. Polch erinnert sich, dass früher auch immer ein großes Glas mit Soleiern auf der Theke stand. »Die zu essen, war ein Ritual. Wo genau kommt der Senf hin? Wie schneidet man die auf? Vielleicht sollte ich das wieder einführen«, überlegt Polch spontan.

Die Öffnungszeiten sind mit den Jahren reduziert worden. »Auch, weil im Laufe der Jahre eine gewisse Sterblichkeitsrate Einzug gehalten hat.« Derzeit macht Polch nur dienstags bis freitags auf, ab 18 Uhr. Allerdings hat das Rondellchen genug Stammgäste, und ab Mai sind die dreißig Plätze vor der Tür auch sofort belegt. »Viele, die hier vorbeikommen, bleiben und trinken dann ihr Kölsch im Stehen«, erzählt Polch. 
Auch viele Stammtische gibt es im Rondellchen. »Auch aus anderen Ortsteilen«, betont Polch und zählt auf: Kirchengemeinde, Karten spielen, Chor... »Das ist dann ziemlich dicht getaktet«, sagt er. Dazu gehöre auch der Seniorinnen­stammtisch aus Ossendorf: »Sieben bis acht ältere Damen sind das. Die kommen mit dem Taxibus — damit alle mal was trinken können und nachher nicht die Enkel die Oma abholen müssen.« Manch ein Stammtisch ist aber auch auseinandergebrochen — die Sterblichkeitsrate eben. Polch zeigt auf einen der gescheuerten Tische: »Hier saßen mal acht Leute zusammen — jetzt ist noch einer übrig. Der sagt, an den Tisch setz ich mich nicht mehr, da stirbt man ja!« Der Tod ist kein Tabu hier. Polch erzählt von der Bestatterin, die hier von älteren Gästen schon mal angesprochen wird. »Die finden das gut, dass sie dann schon wissen, von wem sie mal beerdigt werden.«

Etwas besonderes am Rondellchen ist, dass hier kaum FC-Devotionalien zu finden sind. Stattdessen sieht man einen Wimpel von Fortuna Köln, dem Herzensverein von Polch. »Hier gibt es natürlich auch eine FC-Fraktion, und da foppt man sich immer mal«, erzählt er. »Wir haben hier sogar einen Stammtisch, da ist Mönchengladbach ver­treten — man ist ja tolerant und solche Leute müssen auch irgendwo hin.« Aber auch, wenn der Fußball immer ein Thema ist: »Wir zeigen hier keine Spiele im Bezahl­fern­sehen«, sagt Dieter Polch.

Überhaupt gibt es nichts, was ein Kneipengespräch verhindern könnte. Das liegt an den Gästen und daran, dass es weder Spielautomaten noch WLAN gibt. »Hier unter­halten sich die Leute nämlich noch«, so Polch.
Und weil man schnell im Gespräch ist und niemand sich wundert, wenn er angesprochen wird, kommen auch Gäste allein. So wie Franky, der an der Theke sitzt: »Ich komm hierhin, erstens weil ich um die Ecke wohne und zweitens, weil es immer nett ist«, sagt er. »Außerdem muss ich ja hier sein, um auf dem Laufenden zu bleiben.« Er sei nicht verabredet, sondern komme, weil er hier schon irgend­jemanden treffen werde. »Na! Also ich komm’ nur wegen dir, Franky!«, ruft jemand, der das gehört hat, und lacht laut.

Das Wichtigste, was ich mal gehört habe, ist, dass ein Lokal eine Seele haben mussAnne Polch, Wirtin

Da ist aber auch das Paar, beide um die sechzig, das hier am kleinen Tisch bei Kölsch und Weißwein den Feier­abend zu zweit verbringt. »Wir kommen aus Ossendorf«, sagt die Frau. »Bei uns gibt es keine Kneipen mehr, und so was wie hier schon gar nicht.« Aus diesem Grund zieht es offenbar viele Menschen aus anderen Veedeln nach Bicken­dorf. Auch ein Thekensteher aus Longerich ist heute hier, und neben der Tür sitzt ein einzelner Mann, der gern auch Anschluss an eine Skatrunde hätte. Dieter Polch will gucken, was sich da machen lässt.

Alles läuft im Rondellchen. Aber die Kneipe steht vor einem Wechsel, denn Dieter Polch will sich zurückziehen. Doch die Gäste machen sich keine Sorgen. Die Nachfolge schon geregelt: Die beiden Töchter Anne und Maria haben Anfang des Jahres die Kneipe übernommen; wobei ihr Vater immer noch regelmäßig hinterm Tresen steht, weil die Töchter die Kneipe nebenberuflich führen. »Dass wir das Rondellchen übernehmen, war irgendwie logisch«, sagt Maria. »Das ist ja so ein großer Bestandteil unseres Familienlebens — das Rondellchen gehört einfach dazu.« Und Anne, die vor einiger Zeit mit ihrer Fami­lie wieder ins Veedel gezogen ist, sagt: »Das war auch eine emotionale Entscheidung, wir sind hier in der Straße aufgewachsen, die Leute kennen uns alle.« Als die beiden, die hier auch einen Karnevalsverein haben, die ersten Male hinter der Theke standen, hätten sie von vielen Gästen Begrüßungs­geschenke bekommen, erzählen sie. 

»Das ist hier ein Hobby, damit kann man kein Geld verdienen«, sagt Anne. »Das macht Arbeit, aber eben auch Freude.« — »Wobei Freude allein nicht ausreicht«, merkt der Vater an. Dieter Polch verweist darauf, dass der Bierumsatz in den Kneipen zurückgehe. »Das spüren auch wir — man lebt etwas gesundheitsbewusster.«

Überhaupt habe sich das Kneipenleben gewandelt. »Guckt mal, die Gäste, die jetzt hier sind: Die treffen sich um sechs, halb sieben auf ein paar Kölsch — so was machen die jungen Leute nicht mehr.« — »Na, die haben ja vielleicht auch Kinder«, wendet Anne ein. »Ja, die kommen dann halt ­später«, meint Maria. »Und es werden jetzt auch neue Stammgäste kommen.« Außerdem können die Gäste im Sommer ja draußen Platz nehmen und dann auch ihre Kinder mitbringen. »Die können dann auf dem Platz vor dem Rondell­chen spielen«, sagt Anne, die zwei Kinder von vier und sieben Jahren hat.

»Das Wichtigste, was ich mal gehört habe, ist, dass ein Lokal eine Seele haben muss. Dann macht es auch Spaß«, sagt Anne. — »Ja, ist aber nicht immer nur Spaß«, sagt Dieter Polch und erzählt dann von dem Gast, dem er irgendwann nicht mehr zuhören konnte. »Der hat immer nur von Autoreifen und Felgen erzählt — da bin ich irgendwann, wenn ich mit dem allein an der Theke war, immer in die Küche gegangen, um irgendwas aufzuräumen.« 

Was werden die Töchter denn ändern? Nicht viel, denn so wie das Rondellchen ist, lieben es die Bicken­dorfer und auch die Menschen aus den anderen Vierteln, wo es keine Kneipen mehr gibt. Das Ziel sollte schon sein, auch jüngeres Publikum zu Stammgästen zu machen, finden der Vater und die Töchter. »Aber nicht, indem wir hier alles anders machen«, sagt Anne. Als Dieter Polch kurz mal aufsteht und zum Tresen geht, sagt Maria: »Na, vielleicht schon, dass hier Kartenzahlung möglich ist oder mal ein weiterer Wein auf der Karte steht, das könnte ich mir schon vorstellen — aber vielleicht müsst ihr das nicht im Text schreiben, das müssen wir hier noch besprechen.«   

Anne Meyer, Bernd Wilberg