»Ein Riesending«
Die Ehrenfelder Kolbhalle hat einen nervenaufreibenden Umzug hinter sich: Der Verein »Wir Selbst e.V.« musste die ehemaligen Industriehallen räumen, in denen 37 Jahre lang Kunst- und Kulturveranstaltungen stattgefunden hatten. Auf dem Gelände sollen nun Wohnungen und eine Kita entstehen.
Die Künstler:innen sind in ein benachbartes, kleineres Gebäude an der Leyendeckerstraße gezogen. »Es war ein komisches Gefühl, den eigenen Kulturort abzubauen«, sagt die Künstlerin Svenja Vienken, eine von zwölf Bewohner:innen der Kolbhalle, die den dortigen Kulturbetrieb gegen geringe Miete am Laufen gehalten hatten. Die neuen Hallen sind deutlich weniger geräumig. Für viele Künstler:innen bedeutet das eine Einschränkung — auch für Vienken, die am Trapez und mit Theaterperformances arbeitet. Außerdem bezahlen die Künstler:innen nun höhere Mieten, insgesamt 5.000 Euro pro Monat. Das bedrohe den Fortbestand unkommerzieller Kunst- und Kulturangebote, sagen die Künstler:innen. Während in der Kolbhalle Ausstellungen und Konzerte oft auf Spendenbasis stattfanden, »müssen wir uns jetzt über Geld viel mehr Gedanken machen«, sagt Vienken.
Es war ein komisches Gefühl, den eigenen Kulturort abzubauenSvenja Vienken
Dass die Halle geräumt werden soll, stand bereits länger fest. Ein Investor hatte das Gelände gekauft und verhandelte fünf Jahre mit dem Verein »Wir Selbst e.V.«, wie dieser berichtet. In einer früheren Vereinbarung zwischen Verein und Investor heißt es, der Verein werde ein Areal neben den alten Hallen für 335.000 Euro kaufen, mithilfe eines Darlehens des Investors. Für den Umzug sollte der Verein zehn Monate Zeit bekommen. Daraus wurden letztlich nur rund drei Monate, und aus dem Kauf wurde bisher gar nichts. Denn später, heißt es aus dem Verein, habe sich der Investor geweigert, die neuen Hallen zum vereinbarten Preis zu verkaufen. Den aktualisierten Preis habe der Verein nicht zahlen können, sodass nur noch ein Anmieten der neuen Hallen möglich gewesen sei.
Kaufen wollen die Künstler:innen das neue Gebäude aber immer noch. »Wir möchten dieser Machtlosigkeit gegenüber Gentrifizierung nicht mehr ausgesetzt sein«, sagt Svenja Vienken. »Dafür brauchen wir einen Raum, der uns nicht mehr weggenommen werden kann.« Nur mit genügend Spenden und Direktdarlehen, nach denen der Verein jetzt Ausschau hält, könne ein Kauf gelingen. »Für so einen kleinen Verein wie uns ist das natürlich ein Riesending«, sagt Aaron Kosmas. Der Künstler hat achteinhalb Jahre in der Kolbhalle gewohnt. Bereits in der Vergangenheit, erzählt Kosmas, habe es zwei Räumungsversuche gegeben. »Schon als ich in die alte Halle eingezogen bin, war nicht klar, wie lange ich bleiben kann.« Diese fehlende Perspektive habe ihn davon abgehalten, noch mehr aus den Räumen der Halle zu machen.
Der Umzug ins neue Gebäude ist für Aaron Kosmas und Svenja Vienken also auch ein Neuanfang. »Wir haben richtig Lust, den neuen Raum zu gestalten«, sagt Aaron Kosmas.