Ende einer Zeitung
Am 19. März ist die Kölnische Rundschau achtzig Jahre alt geworden, doch gefeiert hat das niemand. Zum 1. April, nur wenige Tage nach dem Jubiläum, zieht sich der Heinen-Verlag aus dem Zeitungsbetrieb zurück. Der Redaktionsbetrieb sei »nicht mehr in sinnvoller Weise fortzuführen«, teilte Geschäftsführer Johannes Heinen den gut dreißig Mitarbeitern bei einer kurzfristig einberufenen Belegschaftsversammlung am 26. Februar mit. Die gesamte Redaktion wird ab 1. April freigestellt, dann übernimmt der DuMont-Verlag die Zeitung. Sie heißt weiterhin Kölnische Rundschau, wird dann aber von Redakteuren des Kölner Stadt-Anzeigers gemacht.
Dass Lokalzeitungen in die Krise geraten, ist keine Überraschung. Doch die Verlagsführung habe zuletzt »völlig andere Signale« gesendet, heißt es aus Kreisen der Redaktion. So stellte man erst vor einem Jahr den Journalisten Frank Überall als Chefreporter ein, eine Position, die man eigens für ihn einrichtete, Volontäre wurden übernommen und Redakteursstellen noch kurz vor dem großen Knall entfristet. Als es im vergangenen Jahr einen Wechsel in der Chefredaktion gab, wurde der neue Chefredakteur Raimund Neuß mit großem Aufgebot im Kölnischen Stadtmuseum empfangen, auch NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst und Medienminister Nathanael Liminski, beide CDU, gaben sich die Ehre und priesen den Wert der Lokalzeitungen für die Demokratie.
Die Verlagsführung habe zuletzt »völlig andere Signale« gesendet, heißt es aus Kreisen der Rundschau-Redaktion
Dabei hatte sich der Niedergang der Rundschau lange abgezeichnet. Sie galt oft als kleine, konservative Schwester des Kölner Stadt-Anzeigers und fand ihre Leserschaft schon immer eher im Umland als in der Stadt selbst. Doch auch dort gingen die Abo-Zahlen zurück, zuletzt um zehn Prozent pro Jahr. Um Kosten zu sparen, hatte das Familienunternehmen Heinen das Verlagsgeschäft der Rundschau schon 1999 an DuMont veräußert, übrig blieb nur noch die Herausgeberschaft. Auch die Inhalte kamen zunehmend von außerhalb. Seit 2014 produziert die Rheinische Redaktionsgemeinschaft (RRG) die gemeinsamen Umlandausgaben von Rundschau und Stadt-Anzeiger, seinen 50-Prozent-Anteil an der RRG gibt der Heinen-Verlag nun auch an DuMont ab. Der sogenannte Mantel, also der überregionale Hauptteil mit Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport, wird schon seit 2010 zum größten Teil nicht mehr von der Rundschau gemacht, ihn liefert die Neue Osnabrücker Zeitung und soll dies auch nach der Übernahme tun. Zuletzt stammte beinahe nur noch die Lokalberichterstattung von Rundschau-Redakteuren — diese war allerdings oftmals besser recherchiert und informativer als diejenige des Kölner Stadt-Anzeigers.
Dass DuMont nun das Kunststück vollbringt, mit ein- und derselben Redaktion wie angekündigt zwei eigenständige Zeitungen mit eigenem Profil aufrechtzuerhalten, bezweifelt man auch in der Kölner Politik. Anfang März beantragten die Grünen eine Aktuelle Stunde im Wirtschaftsausschuss zum Thema, weil man »besorgt« sei »auch vor dem Hintergrund der Medienvielfalt der Kölner Lokalberichterstattung«. Antworten hierauf und zur Zukunft der Rundschau-Redakteure konnte der geladene Johannes Heinen jedoch nicht geben — er wiederholte vielmehr, dass man aus wirtschaftlichen Zwängen so habe handeln müssen, und drückte sein Bedauern aus. Mehr Auskunft hätte womöglich ein Vertreter DuMonts geben können.
Lisa-Marie Friede (Grüne) las vom Blatt ab, dass auch RTL Hunderte Stellen abbaue und der WDR sein Produktionsgelände in Bocklemünd verkaufe, anschließend bekundeten weitere Ausschussmitglieder ihre Besorgnis über die Zukunft der lokalen Presselandschaft und des Medienstandorts Köln. Die Rundschau-Redakteure, die zahlreich auf der Besucherbank erschienen waren, hätten hervorragende Arbeit geleistet. Dann ging man über zum nächsten Punkt auf der Tagesordnung.
Jedes Jahr an Silvester druckte die Rundschau ein Foto der Lokalredaktion ab. So konnten die Leser sehen, wer da eigentlich Tag für Tag ihre Zeitung vollschrieb. Mal posierten die Redakteure in den WDR-Studios in Bocklemünd, kurz bevor die Lindenstraße eingestellt wurde, mal als Gärtner in den Schaugewächshäusern im Botanischen Garten. Beim vergangenen Jahreswechsel sah man sie im Festgewand in der fast fertigen Oper sich und den Lesern zuprosten. Die Oper soll am 24. September wieder eröffnen. Die Redakteure jedoch, die deren irre Sanierungsgeschichte über Jahre begleitet haben, haben dann keinen Job mehr.