Zeitung ohne Redaktion: Kölnische Rundschau an der Stolkgasse. Fotos: Thomas Schäkel / Stadtrevue

Ende einer Zeitung

Der Heinen-Verlag gibt die Kölnische Rund­schau auf — DuMont übernimmt

Am 19. März ist die Kölnische Rund­schau achtzig Jahre alt geworden, doch gefeiert hat das niemand. Zum 1. April, nur wenige Tage nach dem Jubiläum, zieht sich der Heinen-Verlag aus dem Zeitungs­betrieb zurück. Der Redak­tions­­betrieb sei »nicht mehr in sinn­voller Weise fort­zu­führen«, teilte Geschäft­sführer Johannes Heinen den gut dreißig Mit­arbeitern bei einer kurz­­fristig ein­be­rufenen Beleg­schafts­versamm­lung am 26. Februar mit. Die gesamte Redaktion wird ab 1. April frei­­gestellt, dann über­nimmt der ­DuMont-Verlag die Zeitung. Sie heißt weiter­hin Kölnische Rundschau, wird dann aber von Re­dakteuren des Kölner Stadt-­Anzeigers gemacht. 

Dass Lokalz­eitungen in die Krise geraten, ist keine Über­raschung. Doch die Verlags­führung habe zuletzt »völlig andere Signale« gesendet, heißt es aus Kreisen der Redaktion. So stellte man erst vor einem Jahr den Journalisten Frank Überall als Chef­reporter ein, eine Position, die man eigens für ihn ein­richtete, Volon­täre wurden über­nommen und Redakteurs­stellen noch kurz vor dem großen Knall ent­fristet. Als es im vergangenen Jahr einen Wechsel in der Chef­redaktion gab, wurde der neue Chef­redakteur Raimund Neuß mit großem Auf­gebot im Kölnischen Stadt­museum emp­fangen, auch NRW-Minister­präsident Hendrik Wüst und Medien­minister Nathanael Liminski, beide CDU, gaben sich die Ehre und priesen den Wert der Lokal­zeitungen für die Demo­kratie. 

Die Verlags­führung habe zuletzt »völlig andere Signale« gesendet, heißt es aus Kreisen der Rund­schau-Redaktion

Dabei hatte sich der Nieder­gang der Rund­schau lange abge­zeichnet. Sie galt oft als kleine, konservative Schwester des Kölner Stadt-Anzeigers und fand ihre ­Leser­schaft schon immer eher im Umland als in der Stadt selbst. Doch auch dort gingen die Abo-Zahlen zurück, zuletzt um zehn Prozent pro Jahr. Um Kosten zu sparen, hatte das Familien­unter­nehmen Heinen das Verlags­geschäft der Rund­schau schon 1999 an DuMont veräußert, übrig blieb nur noch die Heraus­geber­schaft. Auch die Inhalte kamen zunehmend von außer­halb. Seit 2014 produziert die Rheinische Redaktions­gemein­schaft (RRG) die gemein­samen Umland­ausgaben von Rund­schau und Stadt-Anzeiger, seinen 50-Prozent-Anteil an der RRG gibt der Heinen-Verlag nun auch an DuMont ab. Der soge­nannte Mantel, also der über­regionale Haupt­teil mit Politik, Wirt­schaft, Kultur und Sport, wird schon seit 2010 zum größten Teil nicht mehr von der Rund­­schau gemacht, ihn liefert die Neue Osna­brücker Zeitung und soll dies auch nach der Über­nahme tun. Zu­letzt stammte bei­nahe nur noch die ­Lokal­bericht­erstattung von Rund­schau-Redakteuren — diese war ­aller­dings oft­mals besser recher­chiert und infor­ma­tiver als die­jenige des Kölner Stadt-Anzeigers. 

Dass DuMont nun das Kunst­stück voll­bringt, mit ein- und derselben Redaktion wie ange­kündigt zwei eigen­ständige Zeitungen mit eigenem Profil aufrecht­zu­erhalten, bezweifelt man auch in der Kölner Politik. Anfang März bean­tragten die Grünen eine Aktuelle Stunde im Wirt­schafts­aus­schuss zum The­ma, weil man »besorgt« sei »auch vor dem Hinter­grund der Medien­viel­falt der Kölner Lokal­bericht­erstattung«. Antworten hier­auf und zur Zukunft der Rund­schau-Redak­teure konnte der geladene Johannes Heinen jedoch nicht geben — er wieder­holte viel­mehr, dass man aus wirt­schaft­lichen Zwängen so habe handeln müssen, und drückte sein Bedauern aus. Mehr Aus­kunft hätte womöglich ein Vertreter DuMonts geben können. 

Lisa-Marie Friede (Grüne) las vom Blatt ab, dass auch RTL Hunderte Stellen ab­baue und der WDR sein Produktions­gelände in Bockle­­münd verkaufe, an­schließend bekundeten weitere Aus­schuss­mit­glieder ihre Besorgnis über die ­Zukunft der lokalen Presse­land­schaft und des Medien­stand­orts Köln. Die Rund­schau-Redakteure, die zahl­reich auf der Besucher­bank erschienen waren, hätten hervor­ragende Arbeit geleistet. Dann ging man über zum nächsten Punkt auf der Tages­ordnung. 

Jedes Jahr an Silvester druckte die Rund­schau ein Foto der Lokal­redaktion ab. So konnten die Leser sehen, wer da eigentlich Tag für Tag ihre Zeitung voll­schrieb. Mal posierten die Redakteure in den WDR-Studios in Bockle­münd, kurz bevor die Linden­straße ein­gestellt wurde, mal als Gärtner in den Schau­gewächs­häusern im ­Botanischen Garten. Beim ver­gangenen Jahres­wechsel sah man sie im Fest­gewand in der fast fer­tigen Oper sich und den Lesern zu­prosten. Die Oper soll am 24. September wieder eröffnen. Die Redakteure jedoch, die deren irre Sanierungs­geschichte über Jahre begleitet haben, haben dann keinen Job mehr.