»Das Thema kocht gerade hoch«
Herr Froh, Sie fordern eine »Exit-Strategie für Microsoft 365« für die Kölner Stadtverwaltung. Was haben Sie gegen den Weltmarktführer bei Cloud-Diensten?
Nichts! Ich nutze selbst Produkte von Microsoft, nicht zuletzt weil es bequem ist. Wir als Volt sehen aber zunehmend kritisch, wie weniger Microsoft, aber die US-amerikanische Regierung mit einstigen Verbündeten umgeht.
Was hat Köln damit zu tun?
Wir sehen die Gefahr, dass Stadtverwaltung und Politik ihre Arbeit nicht fortsetzen könnten, falls der US-Präsident auf dumme Ideen kommen sollte. Was dann passieren kann, hat man im vergangenen Jahr am Internationalen Gerichtshof gesehen. Weil der US-Regierung die Meinung des dortigen Chefanklägers nicht genehm war, hat sie dessen E-Mail-Zugänge sperren lassen. Er konnte de facto seiner Arbeit nicht mehr nachgehen. Es ist derzeit kein wahrscheinliches Szenario. Aber wer garantiert uns, dass die USA in ihrer Unberechenbarkeit so nicht auch mit Kommunen oder ganzen Ländern umgehen?
Was schlagen Sie vor?
Dass wir uns auf den Weg machen und das Ziel angehen, von der Abhängigkeit von US-amerikanischer Software wegzukommen. Wir wollen in den Austausch gehen, mit der Stadtverwaltung und der Bevölkerung. Das Thema ›Digitale Souveränität‹ muss auf die Agenda. Wir möchten die Verwaltung bei diesem Schritt politisch unterstützen. Die Stadt Köln tut ja bereits Dinge. Personenbezogene Daten liegen in eigenen Rechenzentren. Wo es möglich ist, steigt man auf Open-Source-Lösungen und europäische Produkte um.
Die Stadtverwaltung hat Ihrem Antrag im Wirtschaftsausschuss Anfang März entgegnet, dass ohne Microsoft-Produkte Sicherheitslücken drohten.
Ich kann dem Argument folgen, dass Microsoft das sicherste ist, was es derzeit auf dem Markt gibt. Vor allem, wenn es darum geht, sich vor Angriffen von außen zu schützen, zu denen es etwa im hybriden Krieg mit Russland schon heute regelmäßig kommt. Das kann »Open Desk« [die europäische Open-Source-Alternative zu Microsoft 365; Anm. des Autors] nicht lösen — jedenfalls noch nicht. Aber es geht uns auch nicht darum, morgen zu wechseln, sondern eine Strategie zu erarbeiten für den Fall, dass die US-Regierung die Nutzung von Microsoft-Produkten einschränkt.
Wir sehen die Gefahr, dass Verwaltung und Politik ihre Arbeit nicht fortsetzen können, falls der US-Präsident auf dumme Gedanken kommt
Die Stadt Köln argumentierte auch, dass eine Abkehr von Microsoft ihren Mitarbeitenden zu viel abverlangen würde.
Das Argument lasse ich nicht gelten. Das ist für mich eine Frage der Mentalität. Wenn wir den Wunsch nach digitalem Wandel und digitaler Souveränität ernst nehmen, müssen wir bereit sein, große Veränderungen mitzugehen.
Als Russland den Krieg gegen die Ukraine begann, war man sich in Deutschland einig, dass man strategische Abhängigkeiten von anderen Ländern reduzieren müsse. Damals ging es um Erdgas aus Russland. Ist die Abhängigkeit von digitaler Infrastruktur etwas anderes?
Wir finden, es ist das gleiche. Was wir damals auch gelernt haben: Man sollte sich auf einen Weg einigen und ihn konsequent verfolgen. Den Weg zur Energiewende sind wir nicht konsequent gegangen. Das sollte bei der digitalen Souveränität nicht wieder passieren. Wenn wir uns als Gesellschaft darauf verständigen, dass wir die Abhängigkeiten reduzieren wollen, können wir einen Wandel herbeiführen. Auch wenn wir diese Frage nicht in Köln alleine beantworten werden. Die Abhängigkeit von Microsoft betrifft alle Behörden und Kommunen. Deshalb sehen wir die Chance, sich etwa über den Deutschen Städtetag auszutauschen und sich mit anderen zusammenzutun. Auch wenn Köln sicherlich andere Bedarfe hat als eine Kommune mit 30.000 Einwohnern.
Volt setzt auf Best-Practice-Lösungen. Gibt es Vorbilder für den Microsoft-Ausstieg?
Das Thema kocht gerade hoch und es gibt erste Institutionen, die sich aus der Deckung wagen. Der Internationale Strafgerichtshof hat angekündigt, stärker auf »Open Desk« zu setzen, auch die Bundeswehr. Der Landkreis Friesland hat eine Strategie für den Ausstieg entwickelt. Aber es gibt bisher kein Beispiel, wo der Exit schon funktioniert hat. Die Frage, vor der wir in Köln jetzt stehen, ist: Nehmen wir eine abwartende Haltung ein? Oder gehen wir voran, nicht ohne gewisse Risiken in Kauf zu nehmen?