Der Spiegel. Eine unheimliche Betrachtung

Materialien zur Meinungsbildung

Ein Spiegel stand in meiner Straße. Jemand hattte ihn dort hingestellt, an die Hauswand gelehnt, die Spie­gelfläche zeigte zur Straße. Das allein wäre heutzutage nicht verwunderlich, wenn denn ein Zettel angebracht gewesen wäre, auf dem steht: »Zu verschenken!« Die Menschen stellen heutzutage ihren Müll längst nicht mehr nur in einer Mülltonne auf die Straße. Immer häufiger bieten sie ihren Müll als Geschenk an: zerfledderte Bücher, zerschlissene Kleidung, defekte Haushaltsgeräte (»ideal für Bastler«). 

Der Spiegel aber stand in meiner Straße, ohne dass er als Geschenk ausgewiesen war. Er wirkte auch nicht wie Müll: ein Wandspie­gel, rechteckig, mit zurück­hal­ten­der Rahmung, keine Beschädigungen. Nun gut, so dachte ich, dann hat wohl der Besitzer dieses Spiegels ihn von einem Ort zum anderen tragen wollen, war bald aber unter dessen Last ermattet und rastet nun in einem Wirtshaus oder holt Verstärkung. Da ging ich weiter, und bald hatte ich den Spiegel vergessen.

Doch als ich am Abend zurück von meinem Tagwerk kam und wieder durch die Straße ging, da stand der Spiegel dort noch immer. Und auch am folgenden Morgen, und am Abend auch. Da machte ich mir so meine Gedanken über diesen Spiegel und über Spiegel überhaupt.

Hätte dort eine Jugendstilkommode oder ein Nierentisch gestanden, zumal in vergleichbar gutem Zustand, dann wäre wohl bald jemand gekommen und hätte sich das gute Stück unter den Nagel gerissen, ganz gleich ob dort ein Zettel gehangen hätte, der das Möbelstück als Geschenk ausweist, oder nicht. Warum übte dieser Spiegel keinen Reiz auf die Gierigen aus?

Ich kenne Menschen, die ab und an gern über Möbel reden. Über einen Tisch und darüber, welche Stühle zu ihm passen (teure!) und welche nicht (meine!). Auch zu Schränken und Sofas, Stehlampen und Teppichen hat man eine klare Meinung. Zum Gegenstand gelehrter Rezensionen kann selbst ein Bett werden, dem wohl innigsten Möbelstück der Menschen, darin sie zeugen, darin sie sterben, darin sie nachts die un­begreiflichsten Träume empfangen, die sie als ihr Geheimnis halten. Diese Experten kennen die Klassiker des Möbeldesigns, sie verachten die Massenware, schlen­dern mit geschultem Blick über Flohmärkte und sind in der Lage, ein Schnäppchen zu machen oder ein gutes Stück wieder aufzumöbeln. 

Bloß von Spiegeln ist nie die Rede. In jeder Wohnung aber gibt es einen, doch ist dieser nie Gegenstand ästhetischer Überlegungen. Woher das rührt, kann ich nur ahnen. Der Spiegel ist ein Sinnbild für so vieles, auch für Unheimliches. Wer ihn betrachten will, betrachtet bloß sich selbst. Wenn jemand stirbt, so raten es die Alten, soll man die Spiegel rasch mit schwerem Tuch verhängen. Und auch verwirren kann der Spiegel, sieht er womöglich mehr, als wir in ihm erkennen? Was zeigt er uns für eine Welt? Und kann es sein, dass, wie in bösen Träumen, wir vor dem Spiegel stehen uns darin gar nicht mehr erblicken?

Am anderen Tag fand ich den Spiegel zerbrochen an der Stelle, wo er stand. Die Scherben lagen auf dem Gehsteig, sie glitzerten im Morgenlicht. Der Reiz, ihn zu zerstören, war wohl größer, als ihn weiter anzuschauen und sich darin zu spiegeln. Wer weiß, was jemand darin sah, bevor er ihn zerbrach. Man will auf schöne Möbelstücke schauen, auf Handwerkskunst und edles Material. Nur auf sich selbst schauen, will man nicht.

»Krass, wie kann man auch so bescheuert sein, einen Spiegel ungeschützt an die Straße zu stellen«, sagte dazu Gesine Stabroth, Interior-Design-Expertin und nie um einen Rat verlegen. »Da hängt man doch Tücher drüber!« Ich nickte. Noch unheimlicher als ein Spiegel, dachte ich, ist nur, ihn mit Tüchern zu verhängen, obwohl niemand gestorben ist. Was mir an der Sache unheimlich war, war für Gesine Stabroth nur ein Ärgernis. So sieht ein jeder, was er sehen will. Im Spiegel und überhaupt.