Journalismus auf der Kippe
Liebe Leserinnen und Leser,
es war der 26. Februar und unsere März-Ausgabe kam gerade in den Handel, als uns eine Nachricht erreichte, die nicht nur uns als Zeitungsverlag aufgeschreckt hat. Der Heinen-Verlag stößt aus wirtschaftlichen Gründen die Kölnische Rundschau ab und das Verlagshaus Neven DuMont übernimmt ab April das Traditionsblatt. Mehr als 30 Mitarbeitern wird im Zuge dessen gekündigt — und alle drei großen Tageszeitungen dieser Stadt kommen von nun an aus einem Haus. Neben dem Kölner Stadt-Anzeiger und dem Boulevardblatt Express nun eben auch die Kölnische Rundschau, die allerdings nur noch dem Namen nach existiert. Denn gemacht wird sie fortan in der Redaktion des Kölner Stadt-Anzeigers. Zu den Details siehe auch »Ende einer Zeitung«.
An erster Stelle schockiert uns das Vorgehen, wie den völlig ahnungslosen Kolleginnen und Kollegen — mit einigen sind wir persönlich bekannt — ihre Kündigung mitgeteilt wurde. Und auch wenn wir als Stadtrevue bei vielen Themen oft einen anderen Blickwinkel gewählt haben und andere Schwerpunkte in der Berichterstattung setzten, so haben wir stets die professionelle und nach hohen journalistischen Standards geleistete Arbeit der Rundschau-Redaktion geschätzt. Wir wünschen all jenen, die nun so plötzlich und unvorbereitet von ihrer Entlassung erfahren haben, alles Gute und möchten als Stadtrevue unsere Solidarität zum Ausdruck bringen. Köln braucht die Kölnische Rundschau — mit einer eigenständigen Redaktion, nicht als einen weiteren Kölner Stadt-Anzeiger unter anderem Namen.
Die Reaktion der Politik auf diesen Vorgang hat uns wiederum ermutigt. So hat Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) unmittelbar nach Bekanntwerden der Entlassungen in einer Pressemitteilung reagiert. Darin heißt es unter anderem, eine »starke, unabhängige und vielfältige Presselandschaft« sei »unverzichtbar für eine lebendige Stadtgesellschaft wie Köln« und jede »strukturelle Schwächung lokaler journalistischer Angebote« erfülle ihn »mit großer Sorge.« Die Fraktion der Grünen im Stadtrat lässt einen Tag später Ähnliches verlauten und hat zudem im Wirtschaftsausschuss des Rates eine Aktuelle Stunde beantragt; auch sie sorgen sich um die Pressevielfalt. Zurecht ist die Politik aufgeschreckt in Zeiten, in denen Demokratie und Medien zunehmend rechtspopulistischen Angriffen ausgesetzt sind.
Auch die Stadtrevue ist eine Stimme im stadtpolitischen Diskurs. Hat sie auch nicht die Auflagenstärke wie die Tagespresse, fühlt sie sich dennoch verantwortlich dafür, einen Beitrag zur Information und Meinungsbildung zu leisten, der die Ansprüche an unabhängigen Qualitätsjournalismus erfüllt.
Die Solidarität für unseren unabhängigen Verlag, der mit viel Unterstützung von außen dieses Jahr sein 50. Jubiläum feiern wird, hat uns ermutigt, Wege aus der Krise zu finden, eine Genossenschaft zu gründen, weiterzumachen — und eben nicht die Idee von unabhängigem Journalismus aufzugeben. Wir wollen weitermachen, weil die Stadtrevue gebraucht wird — das empfinden wir in erster Linie als Auftrag, um noch besser und vielfältiger zu werden.
Unser Journalismus macht es sich zur Aufgabe, auch die zu Wort kommen zu lassen, die im medialen Diskurs unterrepräsentiert sind. Aber allein das macht diese Stimmen noch nicht wertvoll. Denn nicht nur im Zentrum, sondern auch am Rand der kleinen und großen Debatten bekommt man oft Vordergründiges, Verkürztes, Populistisches zu hören. Unsere Aufgabe ist es, alle Stimmen redaktionell einzuordnen, die dahinter stehenden Interessen zu erkennen, auch Widersprüche zu benennen, ein differenziertes Bild zu zeichnen, sich vor keinen Karren spannen zu lassen — nicht zuletzt vertrauen wir auf die Bereitschaft unserer Leserinnen und Leser, sich mit komplexen, oft kontroversen Themen auseinanderzusetzen und auch bereit zu sein, Interesse für andere Auffassungen und Argumentationen aufzubringen. Eben das ist es, was guter Journalismus für Demokratie und eine pluralistische Gesellschaft leisten kann und sollte.
Oft wird im Zusammenhang mit der Krise der gesamten Branche Print- und Online-Journalismus gegeneinander ausgespielt. So sehr wir wissen, dass wir uns im Digitalen besser aufstellen müssen, so sehr ist die Gegenüberstellung manchmal verkürzt. Basis beider Formen muss stets die redaktionelle Unabhängigkeit, sorgfältige und gewissenhafte Recherche und eine fortlaufende Qualitätssicherung sein — nur so kann man sich gegen populistische Positionen, lancierte Kampagnen und Falschmeldungen durchsetzen. Print oder Digital — das ist letztlich nur die Form. Entscheidend sind die Inhalte und das journalistische Ethos dahinter.
Oft wird das Digitale zurecht mit den Vorteilen einer erhöhten Reaktionsgeschwindigkeit auf Ereignisse verbunden, auch mit einem schnelleren Kontakt zur Leserschaft. Doch erleben wir auch die Schattenseiten dieser Entwicklung: verfrühte Einordnung, fehlende Sorgfalt aufgrund von Zeitdruck, außer Kontrolle geratende digitale Tools und die Tücken von KI-Einsatz, gar nicht erst zu sprechen von der meist damit verbundenen Abhängigkeit von Konzernen aus dem Umfeld des US-amerikanischen Präsidenten und seiner Schergen.
Demgegenüber hat Print einige Vorteile. Insbesondere als Monatsmagazin richten wir uns an diejenigen, die auch Geduld aufbringen können, die Sorgfalt den Vorzug vor Geschwindigkeit geben und die sich auf einen längeren Text einlassen können, der abwägt, Widersprüche benennt und das, was seriös nicht zu klären ist, auch mal offen lässt.
Diesen lokalen Journalismus auszubauen — sowohl als Print wie digital, aber auch im direkten Kontakt mit unseren Leserinnen und Lesern —, das ist es, was wir in unserem Jubiläumsjahr angehen. Dazu braucht es auch eine finanzielle Basis, denn Journalismus kann man nicht gratis anbieten, wenn er unabhängig sein und qualitativen Standards genügen soll. Das ist nur mit der starken Unterstützung unserer neuen Genossenschaft und unserem Förderverein Stadtrecherche e.V. möglich, der bereits ein erstes Recherche-Projekt unterstützt.
Ohne all diese Solidarität, ohne all die Unterstützung und Ermutigung, aber auch die konstruktive Kritik, die Anregungen und Wünsche unserer Leserinnen und Leser, wären wir dazu nicht in der Lage. So aber glauben wir daran, unsere Idee eines unabhängigen lokalen Qualitätsjournalismus nicht nur bewahren und stetig verbessern, sondern auch weiter ausbauen zu können — um letztlich den uns möglichen Beitrag zur journalistischen Vielfalt als Stütze der Demokratie in dieser Stadt zu leisten.
Stadtrevue-Verlagsgenossenschaft
Förderverein »Stadtrecherche e.V.