Regisseurin, Drehbuchautorin, Hauptdarstellerin: Barbara Loden. Foto: Grandfilm

»Wanda«

Barbara Lodens Film von 1970 ist ein Solitär der Filmgeschichte, der immer noch fasziniert

Warum einen 56 Jahre alten Film, der wieder in die Kinos kommt, zum Film des Monats machen? Die einfachen Antworten wären: Weil er seiner Zeit voraus war; weil er zur Zeit seines Erscheinens nicht genügend gewürdigt wurde; weil er heute in vielen Listen der besten Filme aller Zeiten zu finden ist, ihn aber wenige Menschen gesehen haben. All das stimmt. Es stimmt aber genauso das Gegenteil, zumindest der ersten Aussage: »Wanda« erscheint aus heutigem Blickwinkel ebenso wie aus einer vergangenen, fremden Welt, die immer wieder irritiert.

»Wanda« ist ein Solitär der Filmgeschichte. Er ist das einzige Regiewerk der Schauspielerin Barbara Loden, die zugleich das Drehbuch schrieb und die Titelrolle spielte. Er ist einer der ganz wenigen Filme von Frauen aus der glorreichen Zeit des New Hollywood, in der Regisseure wie Francis Ford Coppola, Sam Peckinpah oder Robert Altman die alte Studioära zu Grabe trugen und mit großem Selbstbewusstsein und oftmals maskuliner Attitüde ihren bisweilen größenwahnsinnigen Visionen folgten. Dagegen setzt Loden einen mit damals schon bescheidenen 100.000 Dollar umgesetzten, völlig unabhängig produzierten Film, der oftmals geradezu dokumentarisch wirkt — mit Ausnahme der beiden Hauptdarsteller:innen spielen nur Laien.

In den ersten Minuten des Films verpasst Wanda fast einen Gerichtstermin. Mit Lockenwicklern in den Haaren und Zigarette im Mundwinkel erscheint sie vor dem Richter und willigt ihrer Scheidung ein. Die beiden Kinder aus der Ehe? »Die sind besser bei ihm aufgehoben«, sagt Wanda ­ungerührt Richtung Ex-Mann. »Es ist ihr einfach alles egal«, empört der sich.

Es ist einer der ganz wenigen Filme von Frauen aus der ­glorreichen Zeit des New Hollywood

Das ist die vielleicht größte Frage, die die nächsten anderthalb Stunden aufwerfen: Was will Wanda? Ist ihr einfach alles egal, lässt sie sich nur treiben oder treibt sie doch etwas an außer dem schieren Über­lebens­instinkt? Ein Freiheitswille? In einer Kneipe lässt sich Wanda von einem Mann abschleppen. Als der am nächsten Morgen abhauen will, klettet sie sich an ihn. Doch schon bei der nächsten Gelegenheit sucht er das Weite. In einem Kino, in das Wanda zum Schlafen gegangen ist, wird ihr letztes Geld geklaut. Eine nächste Kneipe. Kurz vor der Sperrstunde will Wanda noch auf Toilette. Der Mann hinter der Theke ist abweisend, er will sie so schnell wie möglich loswerden. Dennoch verlassen sie beide zusammen die Kneipe. Es ist der Beginn eines gemeinsamen road trips durch die USA.

Die Figur des »Drifters«, des heimatlosen Wanderers, gehört genauso zu den amerikanischen Kino-Mythen wie der Superheld. Im Western war er der namenlose Fremde, der in eine Stadt geritten kommt und dort die be­stehende Ordnung durcheinanderbringt, ein schweigsamer Außenseiter, aber oftmals einer mit unerschütterlichem Ehrenkodex. Im New Hollywood wird der Drifter moralisch ambivalenter, gebrochener, zynisch. Der Staat hat nun das ­Gewaltmonopol, der Westen ist erobert, es bleibt die oft scheiternde Suche nach der Freiheit auf der Straße.

Wanda ist so ein Drifter, aber sie ist eine Frau, was ihre Handlungs­möglich­keiten einschränkt und auch ihre Möglichkeit, wirklich solo zu agieren — das verdeutlicht Loden ganz klar. Irritierend aus heutiger Perspektive ist aber gerade zu Beginn, wie passiv ­Wanda immer wieder bleibt. Die schlechte Behandlung und Misshandlungen von Männern erträgt sie weit­gehend stoisch. Dabei schafft es die Schau­spielerin Loden, ihre Figur undurch­dringlich zu lassen: Verhält Wanda sich so, weil sie einfach auf diese Männer angewiesen ist oder lebt sie in einer Art depressiver Gleich­mut? »Willst du vielleicht einfach nur tot sein?«, schreit sie der Mann einmal an, mit dem sie aus der Kneipe geflohen ist und den sie nur »Mr. Dennis« nennt. Wanda ant­wortet nicht. »Mr. Dennis« hat sich da längst als Berufs­krimi­neller heraus­gestellt, auch das scheint Wanda nicht zu schockieren, eher im Gegenteil.

Wanda lässt sich bis heute nicht kategorisieren oder vereinnahmen: Sie repräsentiert das radikale Gegenteil traditioneller Frauenbilder, zugleich taugt sie nicht zur feministischen Heldin. Sie bleibt bis zum allerletzten Bild ein Solitär, auch deshalb fasziniert sie auch noch nach 56 Jahren.

Wanda

USA 1970, R: Barbara Loden
D: Barbara Loden, Michael Higgins, Dorothy Shupenes
103 Min. Start: 9.4.