Short Cuts in Sachsen
Dem Westen auf Buchlänge den Osten zu erklären — das war in den vergangenen Jahren ein Garant für Aufmerksamkeit und oft ebenso oft für steile Thesen. Und jetzt kommt Lukas Rietzschel und macht alles wieder komplizierter, weil er erzählt anstatt zu erklären.
Rietzschels dritter Roman trägt den Namen der nicht-existenten ostdeutschen Sanditz im Titel. Aber es ist nicht die Geschichte eines Landstrichs, sondern einer Familie. Und dass der vermeintlich identitätsstiftende Braunkohletagebau in Ost-Sachsen für sie nur das Ärgernis der Umsiedlung mit sich bringt, ist nur eine der Pointen.
»Sanditz« folgt dieser Familie in drei Epochen: den späten 70er Jahren in der DDR, der Wende- und Nachwendezeit und dem Corona-Winter 2021. Mutter Marion und ihr Bruder Dirk wohnen als Nachbarn in zwei Umsiedlungs-Bungalows. Dirk bezieht wegen seiner psychischen Probleme Erwerbsunfähigkeitsrente und lebt ein abgeschiedenes Leben umgeben von den neuesten Gadgets. Die beiden ungleichen Zwillinge Tom und Maria sind die jüngsten Familienmitglieder. Wie sein Namenspatron Tom Sawyer flieht Tom vor den Menschen und Institutionen, die ihn sozialisieren wollen. Seine Mutter Marion, die aus einer pazifistischen protestantischen DDR-Oppositionsfamilie stammt, enttäuscht er mit seinem Job als Polizist. Den Regeln der Polizei widersetzt er sich und fängt Schlägereien mit den Kolleg:innen an. Und als die Corona-Pandemie ein Mindestmaß an Rücksichtnahme einfordert, ignoriert er alle Regeln aus rein egoistischen Gründen, was ihn dann auch tatsächlich isoliert. Raus aus dieser Isolation findet er erst durch einen Trip in die Ukraine — nach der russischen Invasion im Frühjahr 2022.
Seine Schwester Maria trägt dagegen Züge von Autor Rietzschel. Wie er hat sie in Kassel als »Mandy« aus dem Osten studiert, um dann nach Ost-Sachsen zurückzukehren. Wenn jemand ihr Leben als gescheitert bewertet, reagiert sie abweisend. Maria arbeitet sie als Lokaljournalistin, und eine ihrer ersten Geschichten ist der Sturz einer Bismarck-Statue durch eine Gruppe Menschen, die nicht wissen, wer Bismarck ist. Gestiftet wurde sie vom »Horst-Lichter-Fanclub«. Wieder so eine Pointe.
Das Verhältnis der Zwillinge zu ihren »Eltern« ist nicht unkompliziert. Marion war mit den beiden schon schwanger, als sie Roland 1983 geheiratet hat. Als die beiden Kinder in die Pubertät kommen, ist Roland auf Montage in Westdeutschland und kommt nur sporadisch nach Hause. Und dann ist da noch das Familiengeheimnis: Marion hat Roland kennengelernt, als der mit Achim in der protestantischen Teestube aufgetaucht ist — seiner großen Liebe. Sie ist zerbrochen, als er Marion helfen wollte, die einen Schwangerschaftsabbruch nicht mit ihrem Glauben vereinbaren konnte und ein uneheliches Kind nicht mit den Moralvorstellungen ihrer Eltern.
Lukas Rietzschel erzählt anstatt zu erklären
Lukas Rietzschel erzählt all dies episodenhaft über die Epochen hinweg. Immer wieder deutet er Ereignisse an, die erst viele Romanseiten später Kontur gewinnen, aber ebenso oft im Schemenhaften verbleiben. Rietzschels große Stärke ist dabei die Beiläufigkeit, mit der er komplexe soziale Szenarien beschreibt. Rolands und Achims ersten Sex auf dem Dachboden eines baufälligen DDR-Altbaus schildert er dezent, und als Roland die Bibliothek mit Samisdat-Literatur in Marions Elternhaus entdeckt, kontrastiert Rietzschel die Aufregung dieser Entdeckung mit der langweiligen Erkenntnis, dass die verbotene, abgetippte Literatur in Aktenordnern abgeheftet ist, aus denen sich die Oppositionellen vorlesen.
Dazwischen streut er immer wieder Szenen ein, die den Zeitgeist der Epoche wiedergeben. Ein syrischer Austausch-Soldat wird erst von seinem NVA-Vorgesetzten bewusst missverstanden und dann von seinen deutschen Kameraden verprügelt. Ein Sparkassendirektor baut sich im Nachwende-Chaos ein Haus aus demselben Granit wie die neue Filiale seiner Bank. Und ein Orgelbauer verpfeift einen Kollegen bei der Stasi, damit diese ein Auge zudrückt, wenn er Literatur aus dem Westen in die DDR schmuggelt.
Diesen reichen Beschreibungen des Ostens stellt Lukas Rietzschel eine karge Sprache für das Innenleben seiner Figuren entgegen. Sie verlieben sich, trauern und sind verärgert, und meistens beschreibt er das auch genauso. »Sanditz« ist ein Buch voller Geschichten, das man wegen ebendieser liest. Und wenn es darüber spät in der Nacht wird.
Roman
Lukas Rietzschel: »Sanditz«
dtv, 480 Seiten, 26 Euro
Lesung
Mi 15.4., Literaturhaus, 19.30 Uhr