Nicht Mandy, sondern Lukas Rietzschel. Foto: Alexandra Polina

Short Cuts in ­Sachsen

Lukas Rietzschel beschreibt in »Sanditz« Ost-Geschichte in einem Episoden­roman

Dem Westen auf Buchlänge den Osten zu erklären — das war in den vergangenen Jahren ein Garant für Auf­merk­sam­keit und oft eben­so oft für steile Thesen. Und jetzt kommt Lukas Rietzschel und macht alles wieder kompli­zierter, weil er erzählt anstatt zu erklären. 

Rietzschels dritter Roman trägt den Namen der nicht-existenten ost­deutschen ­Sanditz im Titel. Aber es ist nicht die Geschichte eines Land­strichs, sondern einer Familie. Und dass der ver­meintlich identitäts­stiftende Braun­kohle­tage­bau in Ost-Sachsen für sie nur das Ärgernis der Um­siedlung mit sich bringt, ist nur eine der Pointen.

»Sanditz« folgt dieser Familie in drei Epochen: den späten 70er Jahren in der DDR, der Wende- und Nach­wende­zeit und dem Corona-Winter 2021. Mutter Marion und ihr Bruder Dirk wohnen als Nach­barn in zwei Um­sied­lungs-Bunga­lows. Dirk bezieht wegen seiner psychischen Probleme ­Erwerbs­unfähig­keits­rente und lebt ein abge­schiedenes Leben umgeben von den neuesten ­Gadgets. Die beiden ungleichen Zwillinge Tom und Maria sind die jüngsten Familien­mit­glieder. Wie sein Namens­patron Tom Sawyer flieht Tom vor den Menschen und Institutionen, die ihn sozialisieren wollen. Seine Mutter Marion, die aus einer pazi­fis­tischen pro­tes­tan­tischen DDR-Oppositions­familie stammt, ent­täuscht er mit seinem Job als Polizist. Den Regeln der ­Polizei wider­setzt er sich und fängt Schlägereien mit den Kolleg:innen an. Und als die Corona-Pan­demie ein Mindest­maß an Rück­sicht­nahme ein­fordert, ignoriert er alle ­Regeln aus rein ego­­istischen Gründen, was ihn dann auch tat­sächlich isoliert. Raus aus dieser Iso­la­tion findet er erst durch einen Trip in die Ukraine — nach der russischen Invasion im Früh­jahr 2022.

Seine Schwester Maria trägt dagegen Züge von Autor Rietzschel. Wie er hat sie in Kassel als ­»Mandy« aus dem Osten studiert, um dann nach Ost-Sachsen zurück­zu­kehren. Wenn jemand ihr Leben als gescheitert bewertet, ­reagiert sie abweisend. Maria arbeitet sie als Lokal­journa­listin, und eine ihrer ersten Geschichten ist der Sturz einer Bismarck-Statue durch eine Gruppe Menschen, die nicht wissen, wer Bismarck ist. Gestiftet wurde sie vom »Horst-Lichter-Fanclub«. Wieder so eine Pointe.

Das Verhältnis der Zwillinge zu ihren »Eltern« ist nicht unkompli­ziert. Marion war mit den beiden schon schwanger, als sie Roland 1983 geheiratet hat. Als die beiden Kinder in die Puber­tät kommen, ist Roland auf Montage in West­deutsch­land und kommt nur sporadisch nach Hause. Und dann ist da noch das Familien­geheim­nis: Marion hat Roland kennen­gelernt, als der mit Achim in der protes­tan­ti­schen Tee­stube auf­getaucht ist — seiner großen Liebe. Sie ist zer­brochen, als er Marion helfen wollte, die einen Schwanger­schafts­abbruch nicht mit ihrem Glauben ver­ein­baren konnte und ein un­eheliches Kind nicht mit den Moral­vor­stellungen ihrer Eltern.

Lukas Rietzschel erzählt anstatt zu ­erklären 

Lukas Rietzschel erzählt all dies episoden­haft über die Epochen hin­weg. Immer wieder deutet er Ereignisse an, die erst viele Roman­seiten später Kontur gewinnen, aber ebenso oft im Schemen­haften verbleiben. Rietzschels große Stärke ist dabei die Bei­läufig­keit, mit der er komplexe soziale Szenarien beschreibt. Rolands und Achims ersten Sex auf dem Dach­boden eines bau­fälligen DDR-Alt­baus schildert er dezent, und als Roland die Biblio­thek mit Samisdat-Literatur in Marions Eltern­haus ent­deckt, kon­trastiert Rietzschel die Auf­regung dieser Ent­deckung mit der lang­weiligen Erkennt­nis, dass die verbotene, abge­tippte Literatur in Akten­ordnern abge­heftet ist, aus denen sich die Oppositio­nellen vor­lesen.

Dazwischen streut er immer wieder Szenen ein, die den Zeit­geist der Epoche wieder­geben. Ein syrischer Aus­tausch-Soldat wird erst von seinem NVA-Vor­ge­setzten bewusst miss­verstanden und dann von seinen deutschen Kameraden ver­prügelt. Ein Spar­kassen­direktor baut sich im Nach­wende-Chaos ein Haus aus dem­selben Granit wie die neue Filiale seiner Bank. Und ein Orgel­bauer verpfeift einen Kollegen bei der Stasi, damit diese ein Auge zudrückt, wenn er Literatur aus dem Westen in die DDR schmuggelt.

Diesen reichen Beschreibungen des Ostens stellt Lukas Rietzschel eine karge Sprache für das Innen­leben seiner Figuren ent­gegen. Sie verlieben sich, trauern und sind verärgert, und meistens beschreibt er das auch genauso. »Sanditz« ist ein Buch voller Geschichten, das man wegen eben­dieser liest. Und wenn es darüber spät in der Nacht wird.

Roman

Lukas Rietzschel: »Sanditz«
dtv, 480 Seiten, 26 Euro

Lesung

Mi 15.4., Literaturhaus, 19.30 Uhr