Empfängt nihilistische Signale: Boko Yout

Den Rahmen sprengen

Boko Yout deutet Grunge-Rituale neu

Die Videos sind schon mal ganz große Klasse. Sie zeigen einen Mann, der sich nicht wohl in seiner Rolle fühlt — in welcher Rolle genau? In allen. Gesellschaftlichen, kulturellen, künstlerischen — und ganz existentiell: der körperlichen. In der Bildsprache, die Boko Yout zu seiner Musik und seiner künstlerischen Persona entwirft, gibt es keine Ruhe, keine Eindeutigkeit, keine inneren Frieden, äußeren erst recht. 

Dabei sind die Videos gar nicht mal »spektakulär«. In einem ist er blau geschminkt, mit unheimlichen roten Kontaktlinsen und einem Anzug von der Stange. Er steht auf der Straße, irgendeiner, hat Kopfhörer an, Mikrofon in der Hand… aber dann! Rastet aus, tobt, grimassiert, rebelliert, will den Bildrahmen sprengen (das geht natürlich nicht). Auch in anderen Videos will er irgendwas durchschlagen, durchstoßen, macht abstruse Tanzmoves in diesen schlimmen Zehenschuhen. Vielleicht will er sich auch spalten, will in seiner Hysterie, ein anderes — falsches — Ich aus sich heraustreiben.  

Auch wenn Boko Yout mittlerweile eine »richtige« Band sind, verbirgt sich dahinter eigentlich der 28-jährige Paul Adamah aus Schweden — von Haus aus Performance-Künstler. Daher liegt hier der Schwerpunkt auf seinem Auftreten. Auch live zitiert er theatrale Momente — Voodoo-Rituale, Exorzismen, Eintauchen in kulturindustrielle Deformationen, um sich durch diese Extremismen hindurch als letztlich dann doch freies Künstler-Subjekt zu behaupten. Das will man sehen! Ob er das auch während einer »normalen« Tour auf einer vergleichsweise kleinen Kölner bringt? Man hofft es doch sehr.

Adamah bezeichnet Boko Yout als Afro-Grunge. Das ist etwas irreführend, Afro-Grunge würde man doch in der Traditionslinie des Afro-Beat sehen. Von diesem ungebändigtem Rock ist aber nicht viel zu spüren. Vielmehr knüpft Boko Yout am kühlen Electrorock der 00er und 10er Jahre an, lässt abstrakten Soul einfließen, mag treibende Dancefloor-Beats, simple Pop-Chöre, viel Brit-Rock der Post-Arctic-Monkeys-Jahre. Wäre Adamah nicht so ein begnadeter Performer, hätte er nicht diese fordernde Stimme, könnte man mit den Schultern zucken, musikalischwäre doch mehr drin gewesen.

Der Bezug zum Grunge ist ein inhaltlicher. Grunge als Sound der weißen Verlierer-Jugend, als große Versammlung der Außenseiter und Gemobbten: Adamah erkennt sich darin wieder und deutet die nihilistsichen Grunge-Rituale ­(Cobains »Smells like Teen Spirit«!) aus schwarzer, afro-europäischer Sicht. Muss man gesehen — und sollte man doch gehört haben. Könnte eines der wichtigen Konzerte dieses Jahres werden.

stadtrevue präsentiert

Konzert

So 19.4., Bumann & Sohn, 20 Uhr