Realgar, Azurit, Malachit & Auripigment

Ein weltweites Projekt erforscht ­Sigmar Polkes ’86er Venedig-Biennale-Beitrag. Dreh- und Angelpunkt der Recherchen: die Kölner Anna-Polke-Stiftung

Als Sigmar Polke den BRD-Pavillon während der Biennale von Venedig 1986 mit seinem Werkensemble »Athanor« bespielte, verwandelte er die historisch belastete Architektur in einen irisierenden Resonanzraum. In ihm überlagerten sich materialästhetische und ökologische Prozesse mit dem historischen und politischen Zeitgeschehen der 1980er Jahre. Benannt nach dem Schmelzofen der Alchimisten, ist »Athanor« von der Idee der Umwand­lung geprägt: von der künstlerischen Transformation des umstrittenen Ortes, dessen national­sozialistische Monumentalität bis heute von Künst­ler*innen befragt wird, ebenso wie die Werke selbst zum Ort trans­formativer Prozesse werden.

Natur und Umgebung greifen in den bildnerischen Prozess ein. Pigmente und Metalle, photochemische Substanzen wie Lacke und Salze kamen bei Polke als aktive Bildbestandteile zum Einsatz, die je nach Luftfeuchtigkeit, Licht und Wärme ihr Erscheinungsbild änderten. Am sinnfälligsten wurde das in einer Wandmalerei, die mit ansteigender Temperatur von Rosa zu einem milchigen Blau changierte. Die experimentelle Materialwahl und das dynamische Zusammenspiel beständigerer ­Mineral- sowie veränderlicher Thermo- und Salzfarben machen die Werke nicht nur ästhetisch wandelbar, vierzig Jahre später bleiben sie in Fragen der Konservierung eine Heraus­forderung.

Für Irritationen sorgten damals drei in die Ausstellung integrierte Natur­objekte: ein Meteorit aus der Sammlung des Essener ­Industriellen Friedrich Alfred Krupp, ein Quarzkristall und grau-rotes Zinnobererz in der Wandecke. Die Vorbereitungen führten Polke dabei ins Ruhr-Museum in Essen. Dort stand er im intensiven Austausch mit der Geologin Ulrike Stottrop. Er hegte großes Interesse für die Fundorte und die Geschichte jener Mineralien, die er als Pigmente in den vier monochromen Querformat-Bildern ­Realgar, Azurit, Malachit und Auripigment verarbeitete. »Er hat viel experimentiert, die unterschiedlichen Lacke zusammengeschüttet und war mit allem über die Grenzen hinaus beschäftigt. Bei seinem Besuch in der Mineraliensammlung in Essen hat er sich sehr für die Achate interessiert, ob man die künstlich färben könnte, welche Pigmente wie gebunden werden können und wie etwa ein Stein riecht, wenn er nach Tod riecht«, erinnert sich Anna Polke, Schauspielerin, Fotografin und Tochter des Künstlers, die 2018 eine gemeinnützige Stiftung zur wissenschaftlichen Aufarbeitung des Werks ihres Vaters gegründet hat.

Sigmar Polke war ein forschender Künstler, sein experimenteller Umgang mit Stoffen und Materialien trugen ihm früh den Ruf des Alchemisten ein. Ein Ruf, der sich in Hinblick auf die Studien, die er 1980/81 auf Reisen nach Südostasien und Ozeanien unternahm, keineswegs erschöpft. »Ein Jahr lang war er unterwegs — unter anderem in Papua-Neuguinea, in Australien, Indonesien, Thailand — mit seiner damaligen Freundin, der Kunsthistorikerin Britta Zoellner. Nach dieser Reise hat sich sein Arbeiten verändert. Da war eine Veränderung in seinem Werk, die nachhaltig durch diese Reisen geprägt war«, so Anna Polke.

Dass sich die Werkschau in ­Venedig, für die Sigmar Polke den Goldenen Löwen erhielt, als offene Versuchsanordnung erweist, die noch vierzig Jahre später anschlussfähig bleibt, zeigt das im Jubiläumsjahr initiierte Projekt »Athanor NOW« der Anna-Polke-Stiftung in Köln. »Im Rahmen unserer Arbeit ist deutlich geworden, dass gerade die 1980er Jahre im Werk Polkes ein großes Interesse wecken — sowohl von künstlerischer Seite als auch in der Wissenschaft, bei Restaurator*innen, in den Museen und Sammlungen.

Diese Zeit stellt in gewisser Weise einen blinden Fleck in der Kunstgeschichte dar, viele Fragen sind noch offen und gleichzeitig aktuell«, resümiert Kathrin Barutzki, Projektleiterin von »Athanor NOW« und fährt fort: »Und inmitten dieses Jahrzehnts steht diese einzigartige Biennale-Installation, in der unterschiedlichste Aspekte seines Schaffens zusammenkommen. Aus dieser Beobachtung entstand die Idee, ›Athanor‹ zum zentralen Ausgangspunkt eines größeren Projekts zu wählen.«  

In der einzigartigen Biennale-Installation kommen die unter­schied­lichsten Aspekte seines Werkes zusammenKathrin Barutzki

Das Projekt erweitert die Deutung Polkes als alchemistischen Künstler und vermaß den Werkkomplex der Biennale im Zusammenhang gegenwärtiger Diskurse neu. »Der Fokus in der Polke-Forschung lag lange auf einer alchimistischen Lesart, die Farben und Materialien in Bezug auf den Umgang in den Fokus rückte. Dies vor der Folie aktueller Diskurse zu lesen, mit zum Beispiel dekolonialer Perspektive, im Rahmen ökologischer Debatten und mit politischem Bewusstsein, ist neu, erklärt Kathrin Barutzki. »Die Platzierung des Meteoriten ist ein gutes Beispiel dafür: Ursprünglich in Namibia eingeschlagen, kam er ins Rheinland und in die Sammlung Krupp des Ruhr-Museums in Essen, von wo er wiederum für die Biennale-Aus­stellung ausgeliehen wurde. Da spielen so viele Fragen in Bezug auf Wissenstransfer und eben auch koloniale Fragen eine Rolle, die in der damaligen Zeit nicht groß thematisiert wurden, auch nicht in der Aus­stellung.« 

Mit einer Vielfalt an wissenschaftlichen, kulturellen und partizipativen Formaten — von Seminaren und Summer Schools bis hin zu künstlerischen Interventionen und Workshops für Kinder — präsentiert die Stiftung gemeinsam mit zahlreichen Kooperationspartner*innen ein Programm, das in Umfang und Intensität seinesgleichen sucht. Von Köln und NRW aus hat der Aufruf zu »Athanor NOW« weltweite Resonanz ausgelöst — von Amsterdam über London und San Francisco bis nach Melbourne. »Dass es am Ende ein so weitreichendes internationales und interdisziplinäres Forschungs- und Vermittlungsprojekt wird, war uns zu Beginn noch nicht klar«, erzählt Barutzki.

Im Museum De Pont in Tilburg eröffnet im September eine große Aus­stellung zu Polkes Farbexperimenten und mit »Echoes of Athanor« wird im Juli ein Hörstück im Italienischen Kulturinstitut Köln präsentiert, das zugleich als Sonic Walk in Venedig erfahrbar wird. Bei einem literarischen Polke-Abend wird auch Ulrike Stottrop, ehemalige Leiterin des Mineralien-Museums, wieder involviert sein. »Das ist die Idee dieser Stiftung«, betont Anna Polke, »auch im Sinne der Kunstgeschichte: Verbindungen zu stiften — zu alten Weggefährten und -gefährtinnen und neuen Auseinandersetzungen.« 

Alle Veranstaltungen und Ergebnisse der Forschung zu »Athanor NOW«: 
­sigmar-polke-athanor-now.com

stadtrevue präsentiert

KunstBewusst: Bildmediale Resonanzen. 
Die Biennale-Fotografien Sigmar Polkes als Knotenpunkt synergetischer Bildpro­duktion; 
28.4., 18 Uhr, Museum Ludwig