Aufmunternde Wiederholungsgutmache: Gisela Capitain © Albrecht Fuchs

Ungezwungene Willkommenskultur

Gisela Capitain blieb, als andere gingen. 2026 feiert sie das 40-jährige Bestehen ihrer Galerie

Frau Capitain, Ihr Werdegang begann mit Martin Kippenberger, dem Sie anlässlich der Feierlichkeiten zu Ihrem 40. Galeriejubiläum eine Ausstellung in Neapel widmen. Was hat Sie an seiner Person fasziniert?

Ich habe Kippen­berger während des Studiums an der Freien Universität 1977 in Berlin kennengelernt. Meine ältere Schwester lebte umgeben von Künstlern und einer Modedesignerin in einem Kreuzberger Loft. Dort tauchte Kippenberger auf. Wir haben uns auf der Ebene von Sprache und Humor sofort verstanden und gründeten Kippenbergers Büro am Segitzdamm, wo er sein »Programm« verwirklichen konnte. Er wollte entertainen, nicht mehr malen, das würde zu lange dauern, reden sei kürzer. Er brauchte ein Publikum, um produktiv zu sein … Das Büro war Treffpunkt und Veranstaltungsort für Konzerte, Lesungen, Performances, Feste. Es war die Zeit der schnellen Umsetzung, oder, mit einem seiner Bildtitel gesprochen: ›Heute denken morgen fertig‹.

Was wollte Kippenberger mit seiner exzessiven Form der Selbstdarstellung erreichen?

Für ihn war sie das Mittel, bekannt zu werden. Er wollte mindestens so berühmt wie Joseph Beuys werden. Kippenberger war zu 1000 Prozent Künstler, der alle Herausforderungen furchtlos anging, der schnell agierte und immer die Ansicht vertrat: »Du kannst das machen. Du kannst Dich trauen. Nicht aufgeben.« Wissen erweitern durch Scheitern, war die Devise. Das war für mich eine entscheidende Erfahrung. 

Sie haben dann einigermaßen »vernünftig« angefangen, mit dem etablierten Galeristen Max Hetzler als Impulsgeber.

Das Angebot von Max Hetzler 1983 ließ mich meine Lehrtätigkeit in Berlin aufgeben und nach Köln gehen, eine Stadt, die zum wichtigsten Zentrum für Gegenwartskunst avancieren sollte. In den zweieinhalb Jahren als Assistentin bei Hetzler lernte ich, wie man eine Galerie führt, ein Künstlerprogramm entwickeln kann und welche Zukunftsperspektive sich daraus ergibt. Im März 1986 habe ich meine eigene Galerie eröffnet mit dem Fokus auf Papier­arbeiten und Multiples, erstmal mit den Künstler*innen, die ich bei Hetzler oder über ­Kippenberger kennengelernt hatte. Ich habe das anfänglich als »Kupferstichkabinett« bezeichnet. Damit einher ging ein Verlag für Grafik, Multiples, Fotografie. Nach der ersten Finanzkrise Ende der 80er Jahre musste ich den Verlag hintanstellen. Künstler*innen aus New York und Los Angeles haben mein Programm nachhaltig verändert.

Das Lebensgefühl in Köln ist immer barock, katholisch und bildhaft ­gewesen, verknüpft mit einer ­gewissen Leichtigkeit des SeinsGisela Capitain

War die von Männern besetzte Kunstwelt ein Widerstand auf ihrem Weg?

Das hat mich sicher beeinflusst. Ich lernte relativ früh Rosemarie Trockel durch Kippenberger kennen. Es war wichtig zu sehen, dass es gegensätzliche Positionen gab, aber ich war immer noch befangen und bewegte mich in der Gruppe, mit der ich gestartet war. Die Begegnung mit Zoe Leonard, eine aktiv feministische, kämpferische Künstlerin aus New York, öffnete mir die Augen für die politische Dimension in der Kunst. 

Bereits in den frühen 90er Jahren begann die Abwanderung der Szene nach Berlin. Sie selbst gingen erst 2008 eine Kooperation in Berlin ein — mit dem Galeristen Friedrich Petzel aus New York. Was verbindet Sie heute noch mit Köln?

Köln liegt im Zentrum Europas statt an der östlichen Grenze Deutschlands: In einem Umkreis von einer Stunde entfaltet sich ein breites Spektrum an Museen und Kunstvereinen.  Während Berlin protestantisch und durch den bildungsbürgerlichen Kanon aus Literatur, Theater und Musik geprägt ist, ist das Lebensgefühl in Köln immer barock, katholisch und bildhaft gewesen, verknüpft mit einer gewissen Leichtigkeit des Seins. Allein, dass es im Karneval die Weiberfastnacht gibt, ist einzigartig. Viele Künstler und Künstlerinnen, mit denen wir zusammenarbeiten, wollen unbedingt auch in Köln ausstellen. Hier herrscht eine Form ungezwungener Willkommenskultur.

Ausstellungen zum Jubiläum in Neapel (aktuell: Martin Kippenberger, »Per Pasta Ad Astra«) und Köln (ab 11.4. mit Wade Guyton). Pünktlich zur DC Open sind weitere Feierlichkeiten geplant.