Feministische Porträtiererin: Anja Kampmann; Foto: Anja Kampmann

Ausbruch aus dem ­Textgefängnis

Bei »Anderland« treffen drei poetische Formen des Schreibens aufeinander

»Hallo, sagt meine Autorin. Auch ich, ihr Text, sagt Hallo. Ihr müsst es dreimal sagen! Hallo, sag deshalb noch mal ich.« So meldet sich Mara Genschels Text in ihrem zuletzt erschienenen Buch »Midlife-Prosa. Performative Erzählungen« zu Wort. Genschel schreibt gat­tungs­fluid, häufig auch intermedial. Ihre Texte leben vom Vortragen — fast schon wirken sie eingesperrt, wenn man sie nur im Kopf liest.  Es sind Texte, die lautmalerisch arbeiten, abschweifen, aus sich heraus- oder manchmal auch in sich einbrechen. 

Diesen Monat brechen ihre Texte dann mal aus: Beim ­Poesie­festival »Anderland« bietet ­Genschel ihnen eine Bühne in der Zentralbibliothek an der Hohe Straße. 

Ebenfalls auftreten wird dort Nasima Sophia Razizadeh. Ihre Verse verweisen häufig auf ihre eigene materielle Bindung. In ihrem Gedicht »Rückrückung« aus dem Band »Entschwebung« heißt es etwa: »Mir sitzt, schreib ich ich, im Nacken ein Buch, dessen Rücken mein Rücken immer gerade schon entspricht und dessen Bindung erst mich regen lässt.« Diese Texte betonen die eigene Bindung ans Wort und verleihen dem Materiellen über die an Papier ­gebundene Druckfarbe Ausdruck. 

Anja Kampmann zentriert in ihrem Roman »Die Wut ist ein heller Stern« eine Seiltänzerin im Hamburg kurz vor dem Abgrund. 1933 setzt die im proletarischen Milieu spielende Handlung ein und entfaltet sich über atmosphärische Beschreibungen zu einem feministischen Porträt über den langsam aufziehenden Faschismus. In einer Sprache geschrieben, die nah an den Erfahrungen der Figuren bleibt, oft an Kampmanns Lyrik erinnert und auf das Eingebundensein in Gesellschaft und Geschichte verweist.

In der siebten Ausgabe von Anderland treffen drei Autorinnen aufeinander, deren Texte auf sehr unterschiedliche und interessante Weise mit der Performativität, dem Material und dem historischen wie gesellschaftlichen Kontext von Sprache und Lyrik arbeiten. Anderland macht dabei nicht nur die einzelnen Werke der Autorinnen zugänglich, sondern sorgt auch für eine poetischen Korrespondenz der Texte unter­einander.  

Mara Genschel: »Midlife-Prosa«, Engeler, 170 Seiten, 14 Euro
Nasima Sophia Razizadeh: ­»Entschwebung«, Wallstein, 142 Seiten, 22 Euro
Anja Kampmann: »Die Wut ist ein heller Stern«, Hanser, 496 Seiten, 28 Euro