Am Ende des Parkplatzes wartet ein Club: Amelia Holt; Foto: Thomas Venker

Lasst die Handys draußen

Mit dem Ohr am Dancefloor den Puls der Zeit fühlen: Auftritt DJ Amelia Holt

Früher, also so viel früher, dass noch eine 19 vor den weiteren Jahreszahlen stand, gab es in Berlin die praktische Angewohnheit, Bars nach dem Wochentag zu benennen. So traf man sich ganz selbstverständlich am Montag in der Montags Bar, am Dienstag in der Dienstags Bar und am Mittwoch in der Mittwochs Bar — bevor dann das Wochenende am Donnerstag losging und am Montagmittag endete. Gute Zeiten für subkulturelles Treiben waren das. Nicht nur in Berlin, auch in Köln war lange Zeit der Montag einer der bestfrequentierten Abende im Sixpack auf der Aachener.

Was das mit Amelia Holt zu tun hat? Die New Yorker DJ, Honeytrap-Party- und Agenturbetreiberin repräsentiert diese, nennen wir sie: historische Traditionslinie aktuell im New Yorker Nachtleben wie kaum jemand ­anderes. Mein erstes Set von ihr habe ich im Bossa Nova Civic Club tief im Herzen des Brooklyn-Stadtteils Bushwick an einem Sonntagabend gehört, das zweite an einem Mittwoch im Mansions, einem, wie Holt es ausdrückt, »unwahrscheinlichen Einhorn in einer Wand« im New Yorker Stadtteil Queens. 

Was sie damit meint: Beides sind Clubs, die man nur findet, wenn man tief in den subkulturellen Strukturen einer Stadt verwurzelt ist. Wenn man zum Mansions eine Viertelstunde lang durch ein Nowhereland aus Parkplätzen und Warehouses läuft und niemanden, also absolut niemanden sieht, fragt man sich schon, ob der blinkende Punkt auf Google Maps wirklich existiert oder der Anfang zu einem Horrorfilm ist.

Zum Interview haben wir uns in Negation unserer intensiven Wochenenden geradezu calvinistisch am Montagmorgen verabredet. Der Autor, inspiriert von einem doppelten Berghain-Besuch am Vortag (in klassischer Berliner Tradition wurden zunächst zum Frühstück Sets von Verraco und Justine Perry gehört und einige Stunden später der Versuchung nachgegeben, für ein Set von ­Giegeling-Kollektivmitglied DJ Dustin den erschöpften Körper abermals in den Club zu bewegen — Gott segne das Re-Entry), Amelia Holt quasi direkt aus dem Night Moves gedropt, dem von LCD-Soundsystem-Sänger James ­Murphy betriebenen Nachtclub. Dort hat sie ihr Geburtstagswochenende ausklingen ­lassen. In beiden Städten schneit es während unseres Gesprächs, was ­unsere Montagsstimmung noch ­(positiv zu lesen) sentimentaler ausfallen lässt.

Amelia Holt ist erfreulicherweise sehr gesprächig und greift sofort den Gesprächsopener »Status quo New Yorker Clubkultur« auf: Sie erzählt, dass es selbst für sie nicht immer leicht ist, Dates in Clubs wie dem Bossa Nova Civic Club oder dem Mansions zu bekommen. Die Nächte seien beliebt, da an diesen Orten einfach alles passt: eine gute Anlage, ein angenehm überschaubarer Dancefloor (im Mansions sogar mit Teppich), eine gut kuratierte Bar und last but not least die richtigen Besucher:innen, Tänzer:innen — und eben keine Dancefloor-Talker und schon gar keine Grapscher. Wobei man selbst hier nicht immer sicher sei vor nervigen Männern, führt sie aus. Gerade wenn die Nächte bis in die frühen Morgenstunden gehen, müsse man schon manchmal für Ordnung sorgen. »Irgendwann kommen dann ›interessierte‹ Männer mit dunklen Sonnenbrillen herein, die einen ansprechen und wissen wollen, wie man heißt und was man macht. Dafür habe ich keine Zeit. Als Tänzerin spürt man, wenn die falsche Energie kommt. Ich will nicht vollgequatscht werden, während ich tanze!«

Holt betont, dass sie diese kleinen Läden wie Nowadays, ­Public Records oder eben Bossa Nova Civic Club und Mansions schätzt, auch wenn sie mittler­weile in größeren Clubs und auf Festivals regelmäßig gebucht wird. »Es hat etwas Besonderes, Menschen aus der Nähe zu sehen«, führt sie aus. »Das schafft eine bessere Atmosphäre, in der ich mich wirklich verbunden fühle. In zu großen Clubs fühle ich mich manchmal etwas isoliert, obwohl es natürlich schön ist, wenn meine Freund:innen vorne stehen. New York tendiert derzeit eindeutig zu kleineren, exklusiveren Veranstaltungen. Die Leute haben vielleicht einfach die Nase voll von den üblichen Clubbesuchen, für die man Hunderte von Dollar ausgibt: Taxi zum Club,  30-Dollar-Eintritt und ein paar Drinks — und schon hat man wieder 100 Dollar ausgegeben.«

Holts Lieblingsausgehtage sind übrigens Donnerstag und Sonntag. Am Wochenende geht sie nur noch zum Arbeiten aus oder wenn eine enge Freund:in irgendwo auflegt. Der Donnerstag sei die Branchennacht; da treffe man alle an, die irgendetwas mit Musik zu tun hätten — und eben keine Touristen oder Leute, die die Etikette nicht kennen.

Als Tänzerin spürt man, wenn die falsche Energie in den eigenen Bereich kommtAmelia Holt

Was sie damit meine, möchte ich wissen. »Ganz wichtig: kein Gerede auf der Tanzfläche«, merkt sie an. »Zweitens: keine Handys auf der Tanzfläche. Und bitte seid höflich zu euren Mitmenschen — schubst niemanden, wenn ihr euch durch die Menge bewegt. Wenn man am Wochenende ausgeht, trifft man auf Leute, die sich nicht benehmen können: Sie unterhalten sich oder filmen, man kann sich nicht richtig auf die Musik einlassen. Man kann sich wegen der Ablenkungen nicht auf die Musik konzentrieren. Die Etikette lautet: Ruhe auf der Tanzfläche.«

Ganz besonders mag sie — wenig überraschend — ihre eigenen Honeytrap-Partys, die bekannt sind für den Mix aus House, Disco, New Wave, Gothic und EBM. »Jedes Mal, wenn ich eine veranstalte, sehe ich dieselben Freund:innen. Es ist ein bisschen wie beim ›Paten‹, wo alle kommen, um mit einem zu reden. Ich fühle mich wie Al Pacino. Die Community macht das Ganze erst richtig besonders — sie ist das ›juicy ribeye‹.«

Vom Ribeye ist es — man verzeihe die etwas cheesy Überleitung — nur einen Katzensprung zum Taco. Amelia Holt wurde in Rio Bravo geboren, einer Kleinstadt an einem Teil der Grenze zu Texas, der besonders angespannt unter Kartellaktivitäten und Immigrationspolitik zu leiden hat. Ihre Eltern seien mit ihr aber sehr früh rüber in die USA gezogen. Von Zeit zu Zeit besuchen sie noch immer Verwandte hinter der Grenze, nicht zuletzt, weil die Tacos dort einfach so viel besser seien. Ihre Mutter habe in der Wirtschaft und Politik gearbeitet, ­bevor sie sich ganz der Familie ­gewidmet habe. Der Vater habe Bewässerungsrohre für landwirtschaftliche Betriebe verlegt, da in der Grenzregion Wasser chronisch knapp sei, berichtet Holt. Mittlerweile sind beide aber über 80 Jahre alt und in Rente. 

Ob sie ihre Entscheidung, die Musik zur Arbeit zu machen, nachvollziehen können? Amelia Holt denkt kurz nach. »Sie verstehen das nicht so recht, weil sie mit ›richtigen‹ Jobs in Büros oder Banken aufgewachsen sind. Für sie fühlt sich die Arbeit in der Musikbranche an wie Kunst — und das wirkt unsicher. Sie wünschen sich für mich einen sicheren Job. Aber ich glaube, sie sehen jetzt, dass ich glücklich bin und jeden Tag hart arbeite, um etwas Sinnvolles und Langfristiges zu schaffen.«

So langsam werden wir beide müde an diesem Montagmorgen; das ausgedehnte Wochenende macht sich doch noch bemerkbar. Bevor wir uns verabschieden, nutzt Amelia Holt die Gelegenheit, noch Werbung für ihr ­Label Isla zu machen, auf dem dieser Tage nach zwei Tapes mit eher schleppenden Industrial-Dance-Sounds nun mit »Ritmo Animal« von Dosis (dem kanadisch-kolumbianischen Projekt von Daniel Rincón und Zachary Treble) eine sehr tanzbare EP im Spannungsfeld aus Soundsystem-Kultur, Punk-Ethik und Clubmusik erscheint. Oder wie sie es ausdrückt: »Die Musik ist von Körpererinnerungen geprägt. Rhythmus wird zur Sprache und Bewegung zur Verbundenheit. Es geht nicht um ­Perfektion oder Reinheit, sondern um Verbindung — zwischen ­Szenen, Städten und Menschen.«  
Ein schönes Schlusswort.