Die ultimative Form
Bevor die ikonische Sängerin Robyn zur Königin der melancholischen Club-Banger wurde, bevor sie die Möglichkeiten des Daseins als weiblicher Popstar neu definierte, wollte man die damals superjunge Schwedin zu dem machen, was Britney Spears später wurde: eine von der Musikindustrie gesteuerte Popsängerin mit R&B-Einsprengseln, die sich vom Starproduzenten Max Martin einen Hit nach dem anderen schreiben lassen würde und ein Massenpublikum begeistern sollte.
Aus heutiger Perspektive kann man sich kaum vorstellen, dass Robyn diese Rolle in den 1990er Jahren einnehmen sollte. Zum Glück verwandelte sie sich im Laufe der Zeit in etwas völlig anderes. Spätestens mit ihrer 2010 veröffentlichten »Body Talk«-Trilogie — sie wird auf ewig das definitive Werk der Sängerin bleiben — erfand Robyn sich als alternative Synth-Pop-Queen neu und wurde zu einer deutlich spannenderen Figur, die trotz ihrer ultrasynthetischen Klangästhetik eine tiefe Emotionalität an den Tag legte. Sie schrieb Songs, zu denen man gleichzeitig weinen und tanzen konnte, und schien darin zu propagieren: Wenn wir leiden, sind wir am Leben — und ein blutendes Herz schlägt umso doller.
Damit wurde Robyn zu einer extrem einflussreichen Leitfigur und schien ein ganzes Subgenre melancholischer Dance-Pop-Sängerinnen ins Leben zu rufen. Sie veränderte das Bild, das wir mit dem Begriff Songwriterin verbinden. Eine tanzende Synth-Pop-Sängerin kann genauso tiefgründige Emotionen vermitteln wie eine Folk-Sängerin mit Akustikgitarre. Ob Lorde oder Phoebe Bridgers — beide können gleichermaßen melancholische Gefühle versprühen; auch Superstar Charli XCX, die mit dem ebenso partyhaften wie inhaltlich aufgeladenen »BRAT« wohl das wichtigste Popalbum der 2020er Jahre veröffentlicht hat, ist auf immense Weise von Robyn beeinflusst worden.
Jedenfalls: Nachdem Robyn sich auch diesmal wieder viel Zeit genommen hat — schon zwischen »Body Talk« und dem 2018 erschienen »Honey« waren acht Jahre vergangen —, ist sie nun endlich mit einem neuen Album zurück, das ganz direkt an »Body Talk« erinnern soll. Es trägt den Namen »Sexistential« und besteht aus großartigen Synth-Pop-Songs, die fett produziert und prall vorgetragen sind, mit ihrem saftigen Low-End unsere Trommelfelle massieren, in jeder Sekunde knistern, blubbern und funkeln; unerwartete Vocal-Samples und Drum-Hits fliegen herum und prallen aufeinander, jeder Song scheint sich durchgehend weiter aufzutürmen. Produzent Klas Åhlund hat ganze Arbeit geleistet. »Sexistential« ist das bisher beste Album, das ich im Jahr 2026 gehört habe.
Sex? Wichtig. Liebe? Sowieso. Alles andere? Eher weniger
Schon der Albumtitel macht deutlich, dass Robyn wieder mal Wert auf intime Körperlichkeit legt. Sex stellt für sie die ultimative Form menschlicher Verbindung dar, hat etwas geradezu Existenzielles, ist gleichermaßen Spaßakt (»We would do every single position«) wie Notwendigkeit zum Überleben — mir fällt kein anderes Popalbum ein, das diese beiden Seiten auf so fantastische Weise verbindet. Wie der Song »Light Up« sich aufbaut, aber nie wirklich explodiert, passt perfekt: Eine Explosion würde ja bedeuten, dass sich das angespannte Gefühl auflöst — das soll es aber nicht, sondern ewig anhalten. »Nothing’s ever going to taste just as sweet / As when it is just out of reach«, singt sie an anderer Stelle.
Liebe ist der beste Kick, den man haben kann, also sucht Robyn in jeder Ecke danach. Inmitten der treibenden Synth-Pop-Beats rennt sie umher, schaut rechts und links nach Hinweisen — nach Möglichkeiten, den Weg zum eigenen Herzen zu beleuchten. Das ist das Wichtigste für sie, während andere Dinge keine Rolle spielen (wie sie im Highlight »It Don’t Mean a Thing« singt). Sex? Wichtig. Liebe? Sowieso. Alles andere? Eher weniger. An dieser Mentalität hält Robyn fest. Gott hab sie selig.
Robyn ist besorgt, dass Gefühle verloren gehen könnten; so stellt sie schon im Opener die Frage, was in der Welt eigentlich noch echt ist. Diese Thematik taucht immer wieder auf, auch in der Lead-Single »Dopamine«. »I know it’s just dopamine, but it feels so real to me«, singt sie. Ist die eigene Euphorie überhaupt noch echt? Sei unbesorgt, Robyn — ein Album wie »Sexistential« kann man nicht faken. Es ist Pop in seiner pursten Form: Was für Bilder dieses Wort evozieren soll, wie das zu klingen hat, was ich dabei fühlen will. Ganz, ganz großes Kino.
Tonträger: »Sexistential« (Konichiwa Records/Young)