Oasis? Niemals. Tom Ashforth bleibt sich treu; oto: Andrew Collberg

»Ich glaube, dass Paul McCartney der Teufel ist«

Debüt mit 30 Jahren Verzögerung: Tom Ashforth

Der aus Newcastle stammende Musiker Tom Ashforth treibt bereits seit Ende der 1990er sein ­musikalisches Unwesen in Köln. Doch erst jetzt veröffentlicht er mit »They Don’t Make Them Like That Anymore« sein Debüt-Album. Auf diesem vertont er Texte seines alten Freundes Paul Bareham und macht daraus Songs, die britischer nicht klingen könnte — arty und altmodisch, poppig und verschroben, blasiert und herzergreifend, cool und theatralisch. Ziemlich großartig! Zum Interview im gediegenen Café Osterspey kommt er im abgeschabten 90er-Jahre Trainingsanzug, ein Clash, der ins Bild passt.

1999 Jahren bist du von England noch Köln gekommen, um hier Musik zu machen, doch erst jetzt ist dein Debütalbum erschienen. Das musst du erklären.

Am Anfang wollte ich gar keine Platte machen, ich habe mich als radikal gesehen und war der Überzeugung, dass Musik davon lebt, einmalig zu sein, also live. Meine Performance bestand darin, die Sachen immer ganz anders aufzuführen, auch mit viel Interaktion im Raum.

Das Konzept war aber vielleicht auch eher ein Vorwand. Vor 20 Jahren hatte ich dann erstmals die Idee, doch Aufnahmen machen zu wollen. Ich habe mit einem Freund bestimmt 20 Lieder aufgenommen, mit Akustikgitarre, aber das fand ich dann auch langweilig. Ich hatte immer größere Visionen für die Lieder — Gospelchor, Streicher. Es gab einfach zu viele Richtungen. Vor zehn Jahren habe ich angefangen, mit einer Band zu spielen. Ich habe immer an die Lieder geglaubt, hatte aber Zweifel daran, dass ich das allein realisieren kann. Ich habe auch vieles nicht ernst genug genommen, aber wenn man aus allem nur einen Witz macht, steht man sich selbst im Weg.

Und die Platte hast du einfach mit der Band eingespielt?

Es gibt relativ neue Songs, bei denen es eine Melodie und eine grobe Struktur gab, und dann sind wir einfach ins Studio gegangen und haben die eingespielt, aber es gibt auch Sachen, die 20 Jahre alt sind, da existieren unzählige Fassungen, da war es natürlich schwierig zu sagen: Ist gut so. Das meiste ist aber neu mit der Band gemacht, dann kamen Overdubs hinzu oder Blasinstrumente. 

In der Info zur Platte wird Paul McCartney in seiner experimen­tellen Phase als Referenz erwähnt. Daran musste ich auch sofort denken.

Ich finde das sehr lustig, denn erstens kenne ich diese experimentellen Platten gar nicht, zweitens war Paul McCartney aber eine meiner ersten Lieben, in den Teenagerjahren war das richtig peinlich für mich, meine erste Platte war »Pipes of Peace«, die ich immer noch gut finde. Ich glaube allerdings, dass McCartney der Teufel ist, weil er so gut schreiben kann — so gut, dass er damit alle blendet. Aber er ist schon einer der Grundpfeiler meines Lebens.

Aufgrund der bisweilen komplexen Songstrukturen und deinem Hang zur Theatralik musste ich auch an frühe Genesis denken. Worauf wir uns aber vielleicht einigen können: Deine Musik ist zu 100 Prozent britisch-exzentrisch! Könnte das auch damit zusammenhängen, dass du dich gegen das Deutschwerden stemmst? ­

Ja bestimmt. In früheren Tagen in Deutschland habe ich gemerkt, dass exotisch bzw. britisch sein auch einen Vorteil bringen könnte. Aber andere haben auch etwas in mich hineininterpretiert, was ich nicht bin. Es gab damals ja eine Britpopszene in Köln, der ich eine Art Authentizität verleihen sollte, aber für deren Musik ich mich gar nicht interessiert habe. Oasis habe ich immer gehasst. Dennoch habe ich in der Zeit gelernt, dass ich das Britisch-sein nutzen kann und vielleicht auch sollte, so als Alter Ego. Aber vielleicht war es auch eine Art Gegenwehr gegen das Deutschwerden oder das, was mich erdrückt in Deutschland.

Was erdrückt dich denn?

Ich kanns nicht benennen. So ein gewisser starrer Rahmen. Aber ich habe auch nicht mehr dieses Konfliktgefühl, raus in die Welt zu gehen und mich wehren zu müssen. Vielleicht hat es auch mit etwas in mir selbst zu tun, dass ich mehrere Dinge sein kann, britisch und exzentrisch, aber auch in Deutschland leben und einen deutschen Pass haben, da bin ich vielleicht erwachsener und weniger kämpferisch geworden. Ich muss mich nicht mehr so abgrenzen.

Wieso eigentlich ausgerechnet Köln?

Meine erste Anlaufstelle war Berlin, aber das war im Februar 1999 eine sehr negative Erfahrung. Ich wurde mit einer großen Arroganz konfrontiert, es war super kalt, ich habe Straßenmusik im Schnee gemacht und ich bin krank geworden. Ich hatte eine Brieffreundin, noch aus Schulzeiten, die in Bonn studiert hat, die habe ich angerufen, und sie meinte: Komm doch nach Köln und lass uns treffen. Ich bin dann nach Köln, aber das Treffen fand nie statt. Ich habe dann erstmal in der Jugendherberge gewohnt und dort gearbeitet.

Bist du jetzt zufrieden mit dem Album?

Ich bin nicht 100 Prozent zufrieden, aber das ist eh selten, meist nur dann, wenn ich spontan etwas aufnehme und alles ziemlich organisch passiert. Es muss nicht alles so lang dauern, man muss nur klarere Entscheidungen treffen.

Album: »They Don’t Make Them Like That Anymore« ist bereits auf Krautpop! erschienen.