Home sweet home: »Good Boy« von Jan Komasa; © X Verleih

Die heilige Horrorfamilie

Die Fantasy Filmfest Nights finden den Grusel in unserem nächsten Umfeld

Es ist schon bemerkenswert, wenn an den unterschiedlichsten Ecken der neoliberalen Erde das Kino die gleichen Probleme, Neurosen, Traumata bearbeitet. Will man den Fantasy Filmfest Nights trauen, dann ist die Familie, die heilige, der Horrorherd Nummer Eins — egal ob in Ungarn, Finnland, England, Katalonien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Aus letzterem Land kommt der vielleicht interessanteste Film der Auswahl: »The Vile«. Majid Al Ansari erzählt die Geschichte einer Gattin, die ihre Familie vor realen wie symbolisch-psychologischen Dämonen bewahren will, als sich ihr Angetrauter eine zweite Ehefrau nimmt. Der Film lässt sich ergiebig sowohl ganz spezifisch als Kritik am lokalen Familienfeudalismus lesen wie ganz generell an der Patriarchatsinternationalen. Aber woher kommt das Geld für den Film — eine Frage, die man sich bei allem, was mit den Vereinigten Arabischen Emiraten zu tun hat, immer stellen sollte? Man muss nicht lange suchen, um herauszufinden, dass die Produk­tions­firma Image Nation Abu Dhabi zu jener Masse an Initiativen und ­Investitionen gehört, mit denen die VAE die Ökonomie des Landes diversifizieren — und dessen weniger demokratische Seiten en passant ganz glamourös übertünchen wollen. Man sieht: Selbst mit angebrachter Sozial­kritik kann man heute Autokratien legitimieren.

Ähnliche Befürchtungen braucht es nicht beim Kammerspiel »Feels Like Home« des Ungarn Holtai Gábor, in dem eine Frau von einer Familie entführt und als Ersatz für eine verstorbene Angehörige gehalten wird. Diese Parabel über Kollaboration als Schlüssel für das Funktionieren des Orban-Landes entstand ohne Staatsgelder.

Ein ganz anderes Problem als die Herkunft des Budgets hat Jan Komasas »Good Boy«, der so etwas ähnliches ist wie die Umerziehungsstrecke aus Stanley Kubricks »Clockwork Orange« (1971) in abendfüllend und modern glossy: Was passiert, wenn man einen Film macht, der aller aktuellen Oberfläche zum Trotz wirkt, als sei er vor einem halben Jahrhundert entstanden? Ist das Sozialkritik als Nostalgieakt oder Ausdruck unveränderter Verhältnisse? 

Um vergleichbare Familienkonstellationen drehen sich auch Hanna Bergholms »Nightborn« (2026) und Karim Aïnouz’ »Rosebush Pruning« (2026), die ­allerdings beide auf die ganz arge A-Festivalkanonenfutter-Art misslungen sind. Es bleibt komplex.

Do 16.4.–So 19.4., Residenz. Info: fantasyfilmfest.com