»Köln hat Tradition und eine gewisse Verrücktheit«
Frau Bogusz-Moore, Sie sind seit gut einem halben Jahr Intendantin der Philharmonie. Wie haben Sie die Stadtgesellschaft bislang erlebt?
Für mich ist interessant, wie sehr sich die Menschen dafür interessieren, was wir hier tun. Es gibt nicht diese abwartende Haltung nach dem Motto: Mal sehen, was passiert. Stattdessen wollen viele Menschen interagieren, Fragen stellen, helfen. Ich habe das Gefühl, dass ich mit dieser Institution nicht allein bin. Was mich besonders überrascht hat, ist die Energie der Stadt. Köln hat etwas von zwei Extremen: Tradition und eine gewisse Verrücktheit. Man hat Kathedrale und Karneval. Diese Spannung scheint die Menschen zu prägen — und genau aus dieser Energie möchte ich schöpfen.
Große Institutionen haben lange Entscheidungswege. Wann wird die Philharmonie Ihren programmatischen Stempel tragen?
Der Prozess läuft bereits. Wenn man sich das Programm ansieht, erkennt man neue Akzente. Die klassische Musik bleibt selbstverständlich der Kern — das gehört zur DNA dieses Hauses. Aber ich möchte die Perspektive erweitern und neue Farben hinzufügen. Ein Beispiel ist ein neues Festival namens »In Motion«. Mich interessiert die Körperlichkeit von Musik — dass man Musik nicht nur hört, sondern physisch erlebt. Als Cellistin habe ich immer die Vibration des Instruments gespürt. In einem großen Saal geht dieses Gefühl manchmal verloren. »In Motion« soll Musik und Bewegung zusammenbringen, konkret und auch in einem abstrakteren Sinn.
Was planen Sie denn noch?
Eine weitere Neuerungen nehmen wir bei den kammermusikalischen Konzerten vor: Kammermusik lebt von Nähe. Unter dem Motto »Come Closer« wollen wir für diese Konzerte eine Atmosphäre entwickeln, die diese Intimität betonen — etwa durch Lichtgestaltung. Wichtig ist mir außerdem das Thema Familie. Viele Menschen zwischen dreißig und vierzig haben wenig freie Zeit. Wir möchten Formate schaffen, in denen Eltern mit ihren Kindern Musik erleben können. Wenn daraus Gewohnheiten oder Rituale entstehen, wäre das ein großer Gewinn.
Wie definieren Sie für sich klassische Musik — auch im Blick auf deren Rolle heute?
Ich komme selbst aus der klassischen Musik, habe Cello studiert und auch eine wissenschaftliche Ausbildung. Die Philharmonie war immer ein Ort höchster Qualität in der klassischen Musik, aber zugleich offen für Jazz und zeitgenössische Musik. Diese Vielfalt möchte ich weiterentwickeln. Eine zentrale Frage ist: Was ist heute eigentlich Neue Musik? Oft sprechen wir von Komponisten wie Lutoslawski, Penderecki oder Stockhausen — aber sie gehören bereits zur Geschichte. Deshalb interessiert mich besonders, wie aktuelle Musik heute definiert werden kann.
Köln hat dafür eine außergewöhnlich lebendige Szene mit vielen Ensembles und unterschiedlichen musikalischen Ansätzen. Für mich ist die Philharmonie eine Art Hafen: ein Ort, an dem internationale Künstler auf die lokale Szene treffen. Zwischen Tradition und Gegenwart entsteht eine Spannung, aus der neue Energie entstehen kann. Musik baut dabei immer Brücken — zwischen Alt und Neu, zwischen lokal und international.
Vermittlung ist heute ein zentrales Thema. Vor zwanzig Jahren spielte sie noch eine viel geringere Rolle.
Junge Menschen haben eigentlich wenig Probleme mit zeitgenössischer Musik. Sie hören oft ohne Vorurteile zu. Die größere Herausforderung ist eine andere: Was passiert nach den Bildungsprojekten? Kinder und auch Jugendliche nehmen teil — aber bleiben sie später auch als Publikum erhalten? Die Frage ist also, wie wir Beziehungen langfristig aufbauen können. Wenn jemand einmal bei uns war, warum kommt er dann vielleicht nicht wieder? Heute müssen Kulturinstitutionen viel stärker über den gesamten Weg des Publikums nachdenken: Wie einfach ist der Ticketkauf? Wie werden die Gäste empfangen? Was erleben sie im Foyer? Der Konzertbesuch ist eine Art Reise. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass am Ende das Entscheidende im Konzertsaal passiert. Dort entstehen die Momente, an die sich Menschen erinnern: die Energie der Musik, die Begegnung mit den Künstlern und auch mit anderen Zuhörern. Kultur kann so auch Vertrauen und Gemeinschaft in der Gesellschaft stärken.
Mich interessiert die Körperlichkeit von Musik — dass man Musik nicht nur hört, sondern physisch erlebt. Als Cellistin habe ich immer die Vibration des Instruments gespürtEwa Bogusz-Moore
Auch die Philharmonie ist angesichts der Haushaltslage der Stadt von Sparmaßnahmen betroffen. Welche Signale bekommen Sie aus Politik und Verwaltung?
Die wirtschaftliche Situation in Köln unterscheidet sich nicht sehr von anderen Städten. Schwierige Zeiten betreffen uns alle. Das Problem ist, dass viele Fixkosten bleiben oder sogar steigen. Wenn man nur kürzt, trifft es am Ende das Programm — und dann stellt sich die Frage nach dem Sinn unserer Arbeit. Deshalb geht es um Balance: sparen, aber zugleich investieren. Wir müssen etwa in Technologie, Programme und Künstler investieren. Das bedeutet, Prioritäten neu zu setzen und manchmal auch Arbeitsweisen zu verändern. Einfach nur zu kürzen ist für Kulturinstitutionen keine Lösung. Wichtig ist, flexibel zu bleiben und dabei nie zu vergessen, dass wir letztlich wegen der Musik hier sind.
Wie blicken Sie auf die geplante Generalsanierung der Philharmonie?
Das Gebäude kann nicht noch viele Jahre auf eine Renovierung warten. Gleichzeitig planen wir unsere Programme sehr weit im Voraus, derzeit bis 2029. Deshalb müssen wir wissen, wie es weitergeht. Ich versuche, Gespräche darüber anzustoßen, ob eine Sanierung in Etappen möglich ist, zum Beispiel in verlängerten Sommerpausen. Eine komplette Schließung des Hauses wäre zwar organisatorisch einfacher, aber riskant: Man weiß nie genau, wann man wieder öffnen kann. Andere Häuser haben gezeigt, dass Renovierungen im laufenden Betrieb möglich sind, wenn sie sehr gut geplant werden. Dafür braucht man allerdings ein exzellentes Projektmanagement. Für mich wäre ein schrittweises Vorgehen sowohl für die Stadt als auch für die Institution sinnvoller.
Zum Schluss eine persönliche Frage: Sie sind ausgebildete Cellistin. Warum haben Sie sich entschieden, ins Musikmanagement zu gehen?
Die Entscheidung fiel gegen Ende meiner Ausbildung an der Musikakademie. Das System in Polen ist sehr streng, mit spezialisierten Schulen für musikalische Talente. Ich habe diesen Weg vollständig durchlaufen. Als ich mein Cello-Studium abschloss, wurde mir bewusst, dass das damalige Ausbildungssystem viele Aspekte ausklammerte, die für den heutigen Musikmarkt entscheidend sind. Dazu gehören Bereiche, in denen ich mich besonders wohlfühle — etwa die Initiierung und Organisation von Veranstaltungen, Marketing sowie Vermittlungs-, Bildungs- und interdisziplinäre Projekte. Als ich mich für eine Laufbahn im Kulturmanagement entschied, wurde mir klar, dass ich all diese Bereiche miteinander verbinden kann. Ich bin überzeugt, dass ein solcher ganzheitlicher Ansatz dazu beiträgt, Musik noch wirkungsvoller zu machen und sie den Menschen näherzubringen.
Ewa Bogusz-Moore
Die ausgebildete Cellistin und Kulturmanagerin ist 1975 in Polen geboren, hat europaweit gearbeitet und das Nationale Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks und das European Union Youth Orchestra geleitet. Seit dem 1. August 2025 ist sie Intendantin und Geschäftsführerin der KölnMusik GmbH.