Olympia op Kölsch
Paris, Los Angeles, Brisbane — und dann Köln-Rhein-Ruhr? Gemeinsam mit 16 Städten in NRW will Köln sich auf die Austragung der Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben — sofern eine Mehrheit beim Ratsbürgerentscheid bis 19. April dafür stimmt. Ist Olympia eine einmalige Chance für Köln, für die Infrastruktur und den Breitensport — oder wird es zum nächsten teuren Desaster? Anne Meyer und Bernd Wilberg haben Befürworter und Gegner einer Bewerbung getroffen. Thomas Schäkel hat die vorgesehenen Wettkampfstätten ins Bild gesetzt
Wer in Blumenberg aus der S-Bahn steigt, kann die Station nur in eine Richtung verlassen: über die Treppen Richtung Osten. Dabei gibt es auch zwei Aufgänge nach Westen — Richtung Kreuzfeld, wo einmal ein neuer Stadtteil entstehen soll. 8000 Menschen sollen hier mal wohnen, es soll Schulen, Kitas und Geschäfte geben. Überlegungen für Kreuzfeld gehen bis in die 60er Jahre zurück. Als man im Jahr 1997 die S-Bahn-Station Blumenberg eröffnete, legte man also die Zugänge zum künftigen Nachbarstadtteil an. Doch ein Schild verbietet den Zutritt. Müll liegt herum, die Stufen sind mit Moos bewachsen.
Gebaut ist von Kreuzfeld noch nichts. Zurzeit befindet sich das Projekt in der »Technischen Masterplanung«, eigentlich soll danach die Bauleitplanung folgen und ab 2030 gebaut werden. Doch dann kam vor einem knappen Jahr die Idee auf, Kreuzfeld zum Zentrum der Olympischen und Paralympischen Spiele zu machen, wenn Köln-Rhein-Ruhr den Zuschlag erhält. Ein Leichtathletik-Stadion für 50.000 Zuschauer soll hier entstehen — und das Olympische Dorf, in dem 95 Prozent aller Athletinnen und Athleten unterkommen, rund 17.500. Später soll im Innenraum des Stadions ein Park entstehen, auf den Tribünen Wohnungen, Büros, Geschäfte, Kitas. Inspiriert sei das von der Piazza Navona in Rom, heißt es auf der Kampagnenseite des Landes NRW.
An diesem Montagvormittag gehen in Kreuzfeld nur ein paar Leute mit ihrem Hund spazieren und einige Radfahrer sind unterwegs.
Auch Mattis Dieterich joggt häufig durch die Felder von Kreuzfeld. Dieterich sitzt für die SPD im Stadtrat und engagiert sich, obwohl erst 26 Jahre alt, schon seit sechs Jahren als Stadtbezirksvorsitzender für Chorweiler. Wenn Olympia käme, glaubt Dieterich, dann würden auf einmal viele Dinge möglich, auf die man im Kölner Norden seit Jahren vergeblich wartet. Zum Beispiel eine zuverlässige S-Bahn-Anbindung. Zurzeit fallen Bahnen aus, weil sie die Chorweiler Schleife umfahren, um Verspätungen aufzuholen.
Olympia löst Kölner Probleme!Mattis Dieterich, SPD
Dieterich geht über die Felder zum Blumenbergsweg, einer Landstraße, die weiter nach Roggendorf führt. Sie soll endlich an die Autobahn A57 angeschlossen werden, die man in der Ferne sieht, um Wohngebiete vom Verkehr zu entlasten. Geplant ist das schon lange, genau wie der Bau eines Radwegs auf dem Blumenbergsweg. Doch die Landesbehörde Straßen NRW hat nichts davon umgesetzt, immer hatten andere Projekte Vorrang. Das, glaubt Dieterich, würde sich endlich ändern, wenn Olympia nach Köln käme. »Dann würden Stadt, Land und Bund sich committen« und die Entwicklung der Infrastruktur im Kölner Norden bekäme endlich Priorität. Gelder würden fließen, die sonst niemals freigegeben würden. Dieterich ist überzeugt: »Olympia löst Kölner Probleme!«
Mattis Dieterich ist sportlich, er läuft Marathon, spielte früher Fußball in Fühlingen und Basketball in Worringen. Das habe auch mit einem Sport-Großereignis zu tun: »Ich bin ein Kind des Sommermärchens«, sagt er. Nach der Fußball-WM 2006 in Deutschland sei er sofort in den Fußballverein eingetreten, da war er sechs. Den Zustand der Kölner Sportstätten kennt er aus eigener Anschauung, etwa die Halle in Worringen, in der er selbst lange Basketball spielte. Sie muss dringend saniert werden, kürzlich fiel monatelang die Heizung aus. Nun gibt es die »Sportmilliarde« des Bundes. Die hat zwar nichts mit Olympia zu tun, doch auch NRW stellt jetzt eine Milliarde zur Verfügung, zusätzlich. »Weil die Politik weiß, wenn wir Olympia wollen, muss der Sport entsprechend aufgestellt werden«, sagt Dieterich. So bringe die Debatte um Olympia schon jetzt einen Mehrwert. Gerade weil die Haushaltslage der Stadt Köln dramatisch sei, müsse man sich doch über jede Möglichkeit freuen, Geld aus anderen Quellen zu bekommen.
Ein Argument, das auch Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) häufig bemüht, der vor seinem jetzigen Amt Sportfunktionär und unter anderem Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) war. Doch welche Geldquellen sind da eigentlich gemeint? Bundes- und Landesmittel werden oft genannt — doch konkreter wird es nicht. Geregelt ist jedenfalls nirgends, wie viel Geld aus welchen Töpfen zur Verfügung steht, wenn eine Kommune oder Region zum Ausrichter der Spiele gekürt wird. Kein Wunder, dass es in allen deutschen Bewerberstädten — neben Köln-Rhein-Ruhr sind das München, Berlin und Hamburg —, auch Sorge gibt, dass man sich übernimmt. Auch Mattias Dieterich gibt zu, dass die Skepsis der Menschen gegenüber Olympia im Kölner Norden ebenfalls groß sei. »Da ist nicht viel Vertrauen, dass Köln in der Lage ist, so ein Großprojekt zu stemmen.«
Aber wenn Kreuzfeld für Olympia jetzt noch einmal umgeplant wird — dauert dann nicht alles noch viel länger? Zumal, wenn Köln-Rhein-Ruhr den Zuschlag erst für die Olympischen Spiele 2044 erhält? »Klar, so lange kann man nicht auf die Wohnbebauung warten. Teile Kreuzfelds müssen dann schon vorher bezogen werden können«, sagt Dieterich. Je früher Olympia komme, desto besser für den Kölner Norden.
Jörg Detjen ist Linken-Politiker, saß viele Jahre im Stadtrat und hat sich immer auch mit Sportpolitik befasst.
Er ist einer der Sprecher des Kölner Bündnisses »NOlympia-Colonia«, das eine Kölner Bewerbung verhindern will. Gleich zu Beginn des Gesprächs betont Detjen, dass er nichts gegen die olympische Idee an sich habe. »Und auch nicht gegen Leistungssport«, so Detjen. In seiner Jugend habe er beim VfL Osnabrück Fußball gespielt. »Da war ich rechter Verteidiger — und wohl auch gar nicht so schlecht, aber irgendwann habe ich mich dann für die Politik entschieden.« Ein-, zweimal im Jahr geht Detjen aber noch ins Müngersdorfer Stadion, schaut sich ein FC-Spiel an, und im Fernsehen hat er die Handball-EM und auch die Olympischen Winterspiele verfolgt.
Dass Köln irgendwelche Fördertöpfe von Bund oder Land bereitstehen würden, wenn Köln den Zuschlag
erhält — das ist nirgends belegtJörg Detjen, linke
Detjen teilt die Kritik am IOC: die intransparenten Abläufe, die Kommerzialisierung, von der vor allem Konzerne profitieren, die sozialen Folgen und die für die Umwelt. All das spreche gegen eine Bewerbung. Aber das will Detjen jetzt gar nicht alles aufzählen. Er widerspricht nämlich auch der Behauptung, dass Olympische Spiele in Köln tatsächlich dem Breitensport zugute kommen könnten. »In Köln gibt es im Bereich des Sports eine Liste von 47 Sanierungs- und Neubauprojekten, aber die sind aufgrund der Haushaltslage alle gestoppt«, sagt er. »So viel Geld wie jetzt in Aussicht gestellt wird, ist für den Breitensport angesichts der Haushaltslage gar nicht vorhanden. Und dass irgendwelche Fördertöpfe von Bund oder Land bereitstehen würden, wenn Köln den Zuschlag erhält — das ist nirgends belegt.«
Überhaupt würde es den Kölnerinnen und Kölnern nichts bringen, wenn die Stadt den Zuschlag erhalten sollte. Im Gegenteil: Das neue Stadtquartier Kreuzfeld würde sich noch weiter verzögern und damit die Wohnungsnot verschärfen. Eigentlich sei angekündigt, dass in zehn Jahren 3.650 Wohnungen fertiggestellt seien. »Aber das wäre hinfällig, wenn nun, wo die Planungen schon so weit fortgeschritten sind, stattdessen das Olympische Dorf mit 17.500 Betten und einem Stadion geplant werden«, so Detjen. »Frühestens 2046 käme Kreuzfeld dann auf den Wohnungsmarkt.«
Zu den Gegnern der Bewerbung gehört auch der Bezirksbürgermeister von Lindenthal, Roland Schüler. Der Grünen-Politiker engagiert sich ebenfalls bei »NOlympia-Colonia«. Schüler ist aufgefallen, dass die Kölner Bewerbung allein schon deshalb keine Aussicht auf Erfolg habe, weil sie den Auflagen des IOC widerspreche. Schüler bezieht sich dabei auf ein 26-seitiges Dokument, das der DOSB und eine »Projektgruppe Olympiabewerbung im Bundeskanzleramt« an die vier deutschen Bewerber geschickt hat: einen »Fragenkatalog zur finalen Evaluierung der nationalen Bewerbungskonzepte«. Darin wird unter anderem auf den »wesentlichen Faktor« hingewiesen, dass die Athleten aus dem Olympischen Dorf nicht länger als eine Stunde oder weiter als 50 Kilometer zu ihren Wettkampfstätten reisen sollen. Ein Olympisches Dorf in Kreuzfeld aber würde in vielen Fällen diese Kriterien nicht erfüllen, sagt Schüler. So wäre etwa die Anreise von dort nach Recklinghausen, Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen, Essen oder Oberhausen zu lang. Während die PR-Kampagne für Olympia in Köln-Rhein-Ruhr »kurze Wege und kompakte Abläufe« anpreist, ist eben das für Roland Schüler überhaupt nicht gegeben.
Olympia kann ganz klar ein Katalysator für die Infrastruktur seinSven Stolz, Sportamtsleiter
Was könnte die Stadt Köln tun, um diesen Makel zu beheben? Eine Möglichkeit wäre, im Olympischen Dorf eben nicht 17.500 Teilnehmer einzuquartieren, sondern einen Teil der Olympioniken näher an den Wettkampfstätten unterzubringen. »Aber das widerspricht ja dem Sinn des Olympischen Dorfs, wo alle Sportlerinnen und Sportler ja gerade zusammenkommen sollen«, so Schüler. »Der olympische Geist wäre also ganz schnell entschwunden.« Für die Gegner der Kölner Bewerbung ist Kreuzfeld ohnehin ein schlechter Standort für das Olympische Dorf. »Es wäre auf der rechten Rheinseite verkehrlich viel besser angeschlossen, etwa an das Schienennetz«, sagt Schüler. »Aber dort besitzt die Stadt eben keine Flächen — und das ist der Grund für den Standort Kreuzfeld.«
Anfang März hat die Linke in ihre Fraktionsräume zu einer öffentlichen Veranstaltung eingeladen, gut zwei Dutzend Gäste sind gekommen; es sind überwiegend Männer, ein Phänomen, auf das man in der kölschen Sportpolitik und auch bei der Debatte um Olympia oft trifft. Zu Beginn der Veranstaltung gibt es eine Videoschalte, unter anderem nach Paris zu einem Sprecher der Initiative, die sich gegen die Pariser Bewerbung für 2024 engagiert hatte. Einer der Aktivisten schildert den Gästen in Köln, wie für die Spiele unter anderem Obdachlose vertrieben worden seien.
Auch der Kölner Sportamtsleiter Sven Stolz hört zu, er ist erst seit Oktober im Amt und wirkt sehr engagiert. Er wolle sich die Argumente der Gegner anhören, das gehöre schließlich zum demokratischen Prozess, sagt Stolz, wenn man sich über sein Kommen erstaunt zeigt. Er wird hier von manchem skeptisch beäugt, aber freundlich behandelt, Fair Play der Olympia-Gegner. Als Stolz nach anderthalb Stunden um seine Stellungnahme gebeten wird, fällt man ihm nur einmal jemand grob ins Wort. Aber der Sportamtsleiter kann seine Argumente erläutern. Es gebe Programme des Landes und des Bundes für die Sanierung kommunaler Sportstätten, betont er. Die seien nicht zuletzt wegen der Bewerbungen für die Olympischen Spiele initiiert worden und sollen dem Breitensport zugute kommen. Außerdem könne Olympia »ganz klar ein Katalysator für die Infrastruktur sein. Gerade, wenn es um die erforderliche Infrastruktur im Bereich des Kölner Nordens geht, kann das ein Hebel sein«, sagt Stolz.
Man müsse zudem unterscheiden: zwischen den Durchführungskosten zur Herstellung der Wettbewerbsstätten und den für Olympia benötigten Infrastruktur-Investitionen. Paris habe bei der Durchführung letztlich sogar einen Gewinn von 76 Mio. Euro erwirtschaftet, sagt Stolz. Auch für Köln-Rhein-Ruhr erwarte man einen Gewinn, weil in der Region der Bewerberstädte bis zu 14 Millionen Tickets verkauft werden könnten. »Eine Zahl, die es bisher noch nie gab«, so Sven Stolz. Der Sportamtsleiter gibt aber auch zu, dass man derzeit keine Zahlen habe zu den Kosten für die nötige Infrastruktur. Er ist sich trotzdem sicher, dass es Mittel von Bund und Land geben werde, wenn die Bewerbung erfolgreich sei. Die Fußball-WM 2006 habe Köln etwa die Anschlussstelle Weiden-West gebracht und auch den Ausbau der A3 im Rechtsrheinischen. »Wenn man die Möglichkeit auf Bundes- und Landesmittel hat, wäre es doch fatal, diese Chance nicht zu nutzen«, so Sven Stolz
Viele Grüne tun sich generell schwer mit LeistungssportAndreas Wolter, Grüne
Kosten fallen aber derzeit auch schon für die Bewerbung und den Ratsbürgerentscheid an. Allein der Ratsbürgerentscheid in Köln soll knapp 2,5 Mio. Euro kosten, den Großteil trägt das Land NRW, das für sämtliche Bürgerentscheide in den Bewerberstädten rund 9,5 Mio. Euro bereitstellt. Aber auch die Kommunen müssen etwas dazugeben, die Stadt Köln 275.000 Euro. Zudem greift die Stadt Köln für »kommunikative Maßnahmen im Rahmen der Bewerbungskampagne« sowie PR-Veranstaltungen auf 300.000 Euro zurück, die im Haushalt allgemein für Öffentlichkeitsarbeit vorgesehen sind, was bei Gegnern der Bewerbung Kritik hervorruft. Unterstützung für die Bewerbung kommt aus der Wirtschaft. Die KölnBusiness-Wirtschaftsförderung und die Lanxess-Arena, wo unter anderem die Turnwettbewerbe geplant sind, sollen dem Vernehmen nach bei rund vierzig Firmen insgesamt 400.000 Euro zur Unterstützung der Kampagne gesammelt haben.
Andreas Wolter, sportpolitischer Sprecher der Grünen und ehemaliger Bürgermeister, muss nicht erst mit teuren Werbekampagnen überzeugt werden. Er sei, erzählt Wolter, geradezu schicksalhaft mit den Spielen verbunden: »Als Kind hatte ich einen schweren Unfall. Die Ärzte sagten meinen Eltern: Der Junge wird nie richtig laufen können«, so Wolter. Wenn die anderen Kinder im Dorf in der Eifel spielten, konnte er nur hinterherhumpeln, so schildert er es. Dann schaute er die Olympischen Spiele in München 1972 im Fernsehen — und war so entflammt, dass er sich trotz seines Handicaps im Leichtathletikverein anmeldete. »Am Ende bin ich höher gesprungen als Ulrike Meyfahrth«, sie gewann damals Gold. Bis heute macht Wolter Leichtathletik beim SC Janus, mehrfach nahm er an den Gay Games teil. »Olympia hat ganz viel damit zu tun, wie man die Jugend für Sport begeistert«, sagt Wolter.
Seine Parteifreunde von den Grünen konnte er mit seiner Begeisterung allerdings nicht anstecken. Für den Bürgerentscheid im April gab die Fraktion als einzige keine Empfehlung ab, stattdessen beschloss man, »eine kritische, sachliche und konstruktive Begleitung der Debatte um den Ratsbürger*innenentscheid«. Wenn die Bevölkerung sich dafür ausspreche, werde man den Prozess aber unterstützen, so Wolter. Er nennt das ein »neutrales Ja«. Aber warum ist die größte Fraktion im Rat bei dem Thema so zaghaft? »Es gibt da eine gewisse Distanz zu Großveranstaltungen und zum kommerziell ausgerichteten IOC«, sagt Wolter. »Viele Grüne tun sich auch generell schwer mit Leistungssport.«
Die Bedenken gegenüber dem IOC kann Wolter nachvollziehen, allerdings habe man sich beim Komitee — im Gegensatz etwa zur FIFA — bewegt und verfolge nun eine neue Agenda. »Seit den Spielen von Paris 2024 gibt man sich im Sinne der Nachhaltigkeit auch mit Bestandsbauten und temporären Anlagen zufrieden.« Wolter hat sich als Präsident des deutsch-französischen Ausschusses im Rat der Gemeinden und Regionen Europas mit dem Pariser Konzept genau auseinandergesetzt. »Eine Arena auf der Place de la Condorde diente für vier Wettbewerbe, und ein Teil der Tribünen war offen, damit die Pariser umsonst zugucken durften.«
Wolter glaubt, dass sich in Köln ähnlich viele Menschen für Olympia aussprechen werden wie in München, dort waren es 66,4 Prozent. Die Zahl der überzeugten Gegner sei jedenfalls überschaubar. Ein deutliches Ja der Bürger sei auch wichtig, »damit Köln Chancen hat.« Generell stünden die Chancen für Köln-Rhein-Ruhr aber gut, glaubt Wolter. »Wir können 14 Millionen Tickets anbieten, viel mehr als München.« Zudem müsse man nur ein Stadion neu bauen. Aber sind die Wege vom Olympischen Dorf zu den Wettkampf- und Trainingsstätten nicht zu weit, wie sein Parteifreund Roland Schüler sagt? »Das gilt es, mit dem IOC auszuhandeln«, sagt Wolter, und verweist darauf, dass auch bei den Pariser Spielen einige Wettkämpfe im 200 Kilometer entfernten Lille stattfanden.
Eigentlich sieht Wolter nur Chancen: für die Kölner Sportvereine, deren Anlagen saniert würden, für den ÖPNV, der ausgebaut würde, auch für die Verwaltung. »Wenn innerhalb weniger Jahre etwas fertig werden muss, entsteht der Zwang, Prozesse zu verschlanken und Entscheidungen auch mal schneller zu fällen.« Sicher gebe es aber auch Risiken, was die Kosten angehe, etwa für die Sicherheit.
Deshalb müsse Köln mit Land, Bund und IOC gute Verträge aushandeln und sich absichern. »Aber mit unserem OB sind wir da gut aufgestellt«, glaubt Wolter. »Es ist gut, wenn Köln sich mal was zutraut. Wenn wir was können, dann sind es Veranstaltungen.«
Bei den Debatten über das Für und Wider der Spiele ist viel von den Chancen für den Breitensport die Rede. Aber wie blickt man dort eigentlich auf die Olympia-Bewerbung? Jürgen Cremer sagt, für ihn gehe es beim Sport nicht nur um Gesundheit, sondern immer auch um Gemeinschaft. 2024 wurde Cremer, der Sportwart im Vorstand des TFG 1878 Nippes ist und die Leichtathletikabteilung des Vereins leitet, zur »Person des Kölner Sports« gekürt. Sein Engagement für den Breitensport ist kaum zu überblicken, unter anderem hat er auch mit Geflüchteten gearbeitet. Cremer ist aber auch in politischen Ämtern für den Sport tätig. So ist er sportpolitischer Sprecher des SPD-Unterbezirks Köln und beim Stadtsportbund für den Bezirk Nippes zuständig. Auch am Sportentwicklungsplan der Stadt Köln hat er mitgeschrieben. »Ich bin ja seit vielen Jahren mit vielen Vereinen im Austausch, da kann ich schon sagen, wo der Schuh drückt«, so Cremer. Von der Olympia-Bewerbung, da ist sich Cremer sicher, würde auch der Breitensport profitieren. »Aber klar, viele sind auch skeptisch. Die sagen: Wir können ja nicht mal eine Oper bauen, wie soll denn da Olympia klappen? Aber das ist doch ganz was anderes!« Wenn die Bewerbung erfolgreich sei, werde es aus verschiedenen Fördertöpfen Geld für Trainingsanlagen geben, die auch dem Breitensport zugute kommen, glaubt Cremer.
Viele sind auch skeptisch. Die sagen: Wir können ja nicht mal eine Oper bauen, wie soll da Olympia klappen? Aber das ist doch ganz was anderes!Jürgen Cremer, TFG 1878 Nippes
»Hinzu kommt, dass durch Olympia in Rhein-Ruhr die Bedeutung des Sports — und eben nicht nur des Spitzensports — wieder allgemein ins Bewusstsein kommt. Das könnte auch dem Schulsport neuen Schwung geben«, sagt Cremer. »Da liegt ja einiges im Argen, sei es, dass Turnhallen kaputt sind oder fehlen, sei es, dass Lehrer nur im Unterstand hocken und die Kinder einfach rumlaufen lassen.« Cremer hofft konkret auf Geld für neue Dreifachsporthallen und überhaupt auf Modernisierungen. »Es gab viel berechtigte Kritik an Olympia, aber man muss auch sehen, dass sich da vieles verbessert hat«, so Jürgen Cremer. »Es ist eben nicht nur Geschäftemacherei, Köln und der Breitensport können von Olympia profitieren.«
Solche Hoffnungen, sie sind bei vielen Befürwortern der Bewerbung groß — und umso größer, scheint es, je entmutigender sich die Lage in Köln anfühlt mit all den maroden Sporthallen, dem schlechtem Nahverkehr und dem gigantischen Haushaltsloch. Bei einer Forsa-Umfrage im vergangenen Herbst hat sich eine Mehrheit der Kölner für eine Olympia-Bewerbung ausgesprochen. Bei einem Groß-Event für gute Stimmung sorgen, das ist schließlich kölsche Kernkompetenz. Doch die NRW-Bewerbung hat ein erhebliches Problem: Die Entfernungen zwischen den Spielorten sind groß, der öffentliche Nahverkehr ist denkbar schlecht, die jahrelangen Planungen für das Stadtquartier Kreuzfeld müssten überarbeitet werden. Und »Köln-Rhein-Ruhr« klingt eher nach Castrop-Rauxel als nach logischer Fortführung von Paris und Los Angeles. Kein Wunder, dass diese Bewerbung außerhalb von NRW nicht sonderlich ernst genommen wird.
Die Städte der Köln-Rhein-Ruhr-Bewerbung
Aachen (Fußball, Reiten; Paralympics: Dressurreiten), Bochum (Fußball, Moderner Fünfkampf), Dortmund (Fußball, Handball), Duisburg (Kanu, Klettern, Rudern; Paralympics: Kanu, Rudern), Düsseldorf (3×3-Basketball, Badminton, Basketball, Beachvolleyball, Fechten, Handball, Judo, Ringen, Tischtennis, Triathlon, Volleyball; Paralympics: Badminton, Blindenfußball, Boccia, Goalball, Judo, Rollstuhlbasketball, Rollstuhlfechten, Taekwondo, Tischtennis, Triathlon), Essen (Boxen, BMX, Fußball, Gewichtheben, Schießen; Paralympics: Gewichtheben, Schießen, Sitzvolleyball), Gelsenkirchen (Schwimmen), Krefeld (Taekwondo; Paralympics: Rollstuhlrugby), Köln (7er-Rugby, Bahnradrennen, Bogenschießen, Fußball, Leichtathletik, Marathonschwimmen, Radsport Straße, Tennis, Turnen; Paralympics: Bogenschießen, Leichtathletik, Radsport Bahn & Straße, Rollstuhlbasketball, Rollstuhltennis, Rollstuhlrugby, Sitzvolleyball), Leverkusen (Fußball), Mönchengladbach (Hockey), Monheim (Skateboarding), Oberhausen (Volleyball),
Pulheim (Golf), Recklinghausen/ Herten (Mountainbike), Wuppertal (Fußball, Wasserball); außerdem die Austragungsorte Markkleeberg in Sachsen (Kanu-Slalom) und Kiel oder Warnemünde (Segeln)
Olympia-Bewerbung — worum geht’s da eigentlich?
KölnRheinRuhr — das ist der Name der gemeinsamen Bewerbung von 17 Städten in NRW um die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044. Neben Köln-Rhein-Ruhr bewerben sich in Deutschland noch München, Berlin und Hamburg als Austragungsorte. Die NRW-Landesregierung unter Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) hat die Bewerbung initiiert — aber ob Köln-Rhein-Ruhr wirklich ins Rennen geht, entscheiden am 19. April die Bewohner der NRW-Städte bei einem Ratsbürgerentscheid in ihren Städten. Er ist verbindlich, wenn mindestens zehn Prozent der Wahlberechtigten teilnehmen.
Stimmt eine Mehrheit für die Bewerbung, entscheidet der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) am 26. September, welcher Kandidat ins internationale Rennen geht. Konkurrenten könnten dann Istanbul, Nusantara in Indonesien und Ahmedabad in Indien sein. Eine hohe Zustimmung beim Bürgerentscheid gilt als wesentliche Voraussetzung, um den Zuschlag vom DOSB und später auch vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zu erhalten. Eine Zustimmung in den NRW-Städten gilt als wahrscheinlich, aber es geht auch darum, dass diese deutlich ausfällt, insbesondere in den Großstädten. München stimmte bereits im vergangenen Oktober ab, dort waren 66,4 Prozent dafür. In Hamburg findet das Referendum am 31. Mai statt. Die Berliner Landesverfassung sieht eine Bürgerbefragung nicht vor, dort könnte ein vom Bündnis »NOlympia« angestrebtes Volksbegehren jedoch die Bewerbung des Senats noch stoppen.
Ursprünglich trug die NRW-Bewerbung nur den Titel »Rhein-Ruhr«, bis man im Dezember Köln zur »Leading City« erklärte, weil man sich von Köln mehr Bekanntheit und Strahlkraft versprach. Im Januar startete das Land seine Kampagne. Beworben werden die Spiele als kompakt und nachhaltig — mit wenigen Ausnahmen wie dem Leichtathletik-Stadion in Köln müssten keine Hallen und Stadien neu gebaut werden. So sollen die Schwimmwettbewerbe in der Arena auf Schalke stattfinden, Fußball im Dortmunder Stadion und Turnen in der Kölner Lanxess-Arena. Zudem verspricht man sich mit 14 Millionen Tickets deutlich mehr Zuschauer als die deutschen Mitbewerber.
Vielen gilt aber München als klarer Favorit, zumal nach dem Ergebnis des Bürgerentscheids. »KölnRheinRuhr« erscheint dagegen als Außenseiter: so gilt der öffentliche Nahverkehr in NRW als der unzuverlässigste — und wie die Spiele gemäß Kampagne »die kompaktesten« werden sollen, obwohl sie über eine so große Region verteilt sind, bleibt unklar.