»Rose« von Markus Schleinzer
Falls Außerirdische eines Tages wissen wollen, was das ist, »der Mensch«, sollten sie sich Filme mit Sandra Hüller ansehen. Der Mensch, lernen sie da etwa, kann nur hinter Masken ganz er selbst sein, wenn Krieg und soziale Regeln es so verlangen.
Diese universelle Geschichte erzählt Markus Schleinzer nach »Michael« (2011) und »Angelo« (2018) in »Rose«: Da tritt Sandra Hüller (die dafür den Silbernen Bären gewann) für Sekunden sogar als Bär auf. Es ist aber nur ein traumartiger Vorgriff auf jene Tat, mit der die Titelfigur die Achtung einer Dorfgemeinschaft gewonnen haben wird — als Mann.
Felder rauchen, Gebeine türmen sich zu barocken Reliefs. Schnitter Tod, das ist der Mensch
In statischen Bildern in Schwarz-Weiß und ohne museale Glätte spielt »Rose« während des Dreißigjährigen Kriegs auf deutschem Gebiet. Die abgeleerten Felder rauchen, Gebeine türmen sich zu barocken Reliefs. Schnitter Tod, das ist der Mensch.
Rose hat als Soldat gekämpft. Als vernarbter Veteran und mit sparsamen, breiten Bewegungen betritt sie das Dorf. Die Unbekannte gibt sich als männlicher Erbe eines verlassenen Guts aus. Die Leute sprechen keinen pseudoauthentischen Dialekt, sondern intonieren wie Heutige, nur der Satzbau erinnert an altes Märchen- und Amtsdeutsch. Es ist eines der vielen Distanz schaffenden Stilmittel, die Schleinzer bei allem Realismus konsequent aufwendet. Denn darum geht es: um das Erschaffensein von Realität.
Der Soldat kann die misstrauischen Dörfler überzeugen, denn er legt nicht nur gültige Papiere vor, sondern pinkelt auch nach Vertragsunterzeichnung im Stehen. »Ein erstes Ankommen war vollzogen«, spricht dazu süffisant die Erzählerin aus dem Off (Marisa Growaldt).
Von Gott ist ebenso halbironisch die Rede. Er erscheint schon bald in Form einer günstigen Gelegenheit: Eine Bärin greift einen jungen Dorfbewohner an, Rose erschießt das Tier. Dem Helden zu Ehren fertigt man ihm einen Umhang aus Bärenfell. Den Jungen kostet der Angriff den rechten Unterarm, ihm näht man eine Bärentatze an die Jacke. Körperteil-Anmaßung als Abwehrzauber und Triumphzeichen. Dass Rose ein Kuhhorn in der Hose trägt, weiß noch keiner.
Natürlich ist »Rose« ein Crossdressing-Film, aber keiner, der unter dem Vorwand der Toleranzförderung voyeuristische Gelüste befriedigt. Hüllers Rose taugt kaum für erotische Fantasien. Wird sie »gierig«, wie die Erzählerin raunt, dann ist diese Gier nicht sexueller, sondern unternehmerischer Natur. Ihr auf Vordermann gebrachtes Gehöft will sie erweitern, doch dazu muss sie Suzanna, die älteste Tochter des Grundstückbesitzers, heiraten. Und einen Erben zeugen.
Suzanna, von Caro Braun erst scheu, dann immer aufrechter verkörpert, ahnt in dieser anfangs distanzierten Beziehung noch nichts von der Lüge. Die dann von Rose erledigte Penetration mittels Dildo (eine fürs eigene Überleben notwendige Kriegswaffe, wie wir später erfahren) ist das, was von Gesellschaft und Ehefrau erwartet wird. Nur kurz und schemenhaft zeigt der Film die Szene. Das Konzept der Unverfügbarkeit gilt hier nicht nur für den weiblichen Körper, den Schleinzer niemals als ausgebeuteten oder missbrauchten zeigt. Nie täuschen geschmeidige Kamerafahrten vor, ganz in diese fremd vertraute Welt eindringen zu können.
Überraschenderweise ist es auch Suzannas Autonomie, die durch Roses Maskerade eine Chance bekommt. Weil sie ebenfalls ein im Verborgenen bleibendes Vorleben hat, wird ein Kindlein geboren — ein weiterer scheinbarer Beweis für Roses männliche Identität.
Das Drehbuch verfassten Schleinzer und Co-Autor Alexander Brom nach intensiver Recherche historischer Fälle Hunderter von Frauen, die als Soldaten, Ärzte oder Piraten lebten. Spielfilme tun sich oft schwer, die Bandbreite der Gründe queerer Praktiken und Identitäten zu erfassen. »In der Hose war mehr Freiheit«, wird die wortkarge Rose es für den grimmig interessierten Richter (Sven-Eric Bechtolt) zusammenfassen.
Kameramann Gerald Kerkletz erschafft Bilder, von denen man wegen ihres spannungsgeladenen Aufbaus und wegen Schleinzers bestürzend guter Personenregie die Augen nicht abwenden mag. Bis in die Nebenrollen hinein sind es Blicke und Gesten, die den Raum erweitern oder verengen. Zur ergreifenden Nüchternheit des Films trägt auch Tara Nome Doyles abstrakte Vokalmusik bei, mehr ein Tönen denn ein Singen, etwas Körperloses, das seine Form erst noch finden will.
A/D 2026, R: Markus Schleinzer
D: Sandra Hüller, Caro Braun, Marisa Growaldt
94 Min. Start: 30.4.