Die Haltung stimmt: Martina Domke und Dorothee Frings, Foto: Manfred Wegener

»Ohne Haltung kann man nicht mit Flüchtlingen arbeiten«

Dorothee Frings und Martina Domke haben das erste Handbuch für die Asylarbeit geschrieben

 

 

Was ist in der Beratungsarbeit mit Flüchtlingen besonders wichtig?

 

Dorothee Frings: Zum Beispiel, nicht nur zu gucken, welche Rechte die Menschen haben. Sondern auch, welches Recht für welchen Menschen in welcher Situation wichtig oder richtig ist. 

 

 

Antworten auf Fragen wie diese findet man in Ihrem gemeinsamen Buch »Asylarbeit«. Warum haben Sie es geschrieben? Und für wen?

 

Dorothee Frings: Ich habe zusammen mit einer Kollegin bereits einen Band  zum Ausländerrecht für Nicht-Juristen geschrieben. Seit Anfang letzten Jahres häuften sich dann die Anfragen, ob ich nicht etwas Vergleichbares zum Asylrecht machen könnte. Mit dem Asylrecht schlagen sich auch immer mehr Sozialarbeiter und Unterstützer herum. Das heißt, so ein Buch geht nur zusammen mit einem erfahrenen Praktiker aus der sozialen Arbeit. Also habe ich Martina Domke gefragt, ob sie mitmacht.

 

Martina Domke: Ich fand es auch wichtig, beide Sichtweisen und Erfahrungen zu berücksichtigen. Für mich gab es ein Aha-Erlebnis, als wir beide als Referentinnen eingeladen waren. Und Dorothee Frings erklärt hat, was die rechtlichen Ansprüche von Menschen sind, und ich gesagt habe: Das klappt aber nicht. Oder: Das müsste man vielleicht anders angehen, weniger auf  einer rechtlichen als vielmehr auf  einer Verhandlungsebene.

 

 

Ist das Buch sozusagen ein Fahrplan durch den Dschungel des
Asylrechts?

 

 

Dorothee Frings: Ein Handbuch für Profis und Laien, die diese gigantische bürokratische Maschine verstehen wollen. 

 

Martina Domke: Es ist tatsächlich so etwas wie ein Nachschlagewerk, in dem man prüfen kann, was die Voraussetzungen sind, um Asyl zu bekommen. Also Verfolgungsgründe, Verfolgungsakteure, die unterschiedlichen Formen der Anerkennung, die ja im Alltag nicht so präsent sind. 

 

 

Ist dieses Buch auch Ausdruck Ihrer Haltung gegenüber Flüchtlingen? 

 

Martina Domke: Ich denke, ohne eine entsprechende Haltung kann man nicht gut mit Flüchtlingen arbeiten. Für mich ist der zentrale Begriff: Orientierung geben. Als Sozialarbeiterin in der Flüchtlingsberatung ist es eine meiner Hauptaufgaben, den Flüchtlingen zu erklären, wie die Strukturen funktionieren. Welche Abläufe ein Asylverfahren hat, wo sie Geld bekommen, ob sie umziehen dürfen, welchen Aufenthaltstitel sie in der Hand haben. All das müssen wir selbst verstehen, um es dann den Flüchtlingen verständlich machen zu können.

 

Dorothee Frings: Flüchtlinge geraten in einen Ablauf, in dem ihnen jegliche Handlungskompetenz genommen wird und man ihnen gleichzeitig wie Kleinkindern jeden Schritt vorschreibt. Gerade deshalb ist es besonders wichtig, das eigene Verhalten so auszurichten, dass ich den Menschen Würde und Handlungsfähigkeit wiedergebe. Dass ich bei aller gut gemeinten Unterstützung überprüfe, ob das, was ich gerade tue, diesem Prinzip eigentlich noch entspricht. Oder ob ich den Menschen Dinge aus der Hand nehme, die sie eigentlich selber in machen könnten. 

 

Was braucht es, um mit dieser Haltung arbeiten zu können? 

 

Martina Domke: Es ist manchmal nicht so einfach: Die Geschichten, die man ständig hört. Und im Moment fällt uns das sehr schwer, weil wir noch nie so häufig Menschen begegnet sind, von denen Angehörige im Mittelmeer ertrunken sind. Und da finde ich Supervision oder auch kollegialen Austausch unabdingbar. 

 

Dorothee Frings: Ich denke, das ist gerade bei Menschen, die ehrenamtlich tätig sind, ein ganz wichtiger Gesichtspunkt. Dass die einen Ort brauchen, wo sie Dinge abgeben können, wenn sie an ihre Grenzen stoßen. Das ist ganz entscheidend. Dann können die nämlich eine tolle Arbeit machen, die Menschen, ob geflohen oder nicht geflohen, in den Stadtteilen zusammenbringt. 

 

 

Dorothee Frings lehrt als Professorin für Verfassungs-, Allgemeines Verwaltungsrecht und Sozialrecht an der Hochschule Niederrhein. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt auf dem Recht
für Zuwanderer.

 


Martina Domke
ist in der Flüchtlingsberatung der Diakonie Köln tätig.

 

Asylarbeit. Ein Rechtsratgeber für die soziale Praxis. Fachhochschulverlag Frankfurt a.M, 472 S., 25 Euro