Aviad »Finkelstein« Albert

Netzmusik

finkelbert.com

Multitasking gehört für einen Musiker in der heutigen Zeit zum guten Ton. Kaum ein Musiker, der sich nur auf ein Projekt oder eine Band konzentriert und nicht mindestens noch einem Nebenprojekt seine geteilte Aufmerksamkeit schenkt. Manch eine/r verzettelt sich dabei ins uferlose. Manch eine/r hat aber auch einfach einen so ungeheuren Output, dass es da mit einem Projekt einfach nicht getan ist. 

 

Aviad Albert gehört zur letzteren Sorte. Er kommt ursprünglich aus Jerusalem, verbrachte die letzten Jahre in Tel Aviv und lebt seit einiger Zeit in Köln, um hier an der Uni zu promovieren. Sein Thema ist die Messbarkeit der Klangfülle von Sprachlauten. Doch das nur am Rande, denn hier sind vor allem seine vielen musikalischen Projekte von Interesse, die man grob im Sektor Post-Industrial einsortieren kann. 

 

Er selbst versteht sich als moderner Dub Produzent — nur mit upgrade. Er manipuliert mit Hilfe seiner digitalen Geräte die ihm zugespielten Spuren und nutzt dabei sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Mittel, nicht nur Echo oder Delay. Das kann so weit gehen, dass er Sounds ganz ohne Input erzeugt, nur mit Hilfe intern geschalteter digitaler Feedbackschleifen.

 

Besucht man seine Webseite, so erschlägt einen zunächst die schiere Masse an Veröffentlichungen — alle übrigens aus Überzeugung unter Creative Commons Lizenz. Doch keine Angst, hier ein paar Vorschläge zur Sortierung.

 

TaaPet ist eines seiner Hauptprojekte, ein Duo mit seinem Freund Binya Reches. Es ist im Finkelbert-Universum das zugänglichste und vor allem auch tanzbarste Projekt, bewegt es sich doch an der Grenze zwischen Techno und Industrial. Die Stücke entstehen grundsätzlich Live aus den Loops, die Binya Reches »on the fly« produziert und die anschließend von Aviad Albert manipuliert werden.

 

Lietterschpich ist hingegen eine richtige Band, mit Drummer, Gitarrist, Sänger, Tonband-Spielerin  (sic) und einem No-Input-Mixer-Player. Stilistisch addiert sich einiges an Finsternis: graulender Death Metal Gesang, ein schleppendes Doom-Schlagzeug, ultrascharfe Industrial-Gitarren, Elektro-Noise-Attacken und tiefste Synthesizer-Bässe. Nicht unbedingt für jedermann hörbar, in dieser Konsequenz aber beeindruckend. 

 

Als wäre das noch nicht genug, tritt Aviad mit jeweils einem der Lietterschpich-Musiker noch als Duo unter jeweils eigenem Namen in Erscheinung. Exemplarisch seien hier zwei genannt. Mit dem Drummer macht er als Balata politischen Hardcore, mit diversen Sprachsamples, sehr langsamen Beats und viel, viel Krach. Hier ist nichts mehr auch nur ansatzweise zugänglich. Ganz anders hingegen Boney FM, das Projekt mit seiner Frau, die das Tonband bedient. Das geht in die Richtung Klangkunst, durchaus fordernd aber an den richtigen Stellen dann auch mal etwas ruhiger, so dass noch genug Luft zum Durchatmen bleibt.

 

Alle weiteren Projekte warten auf Aviads Webseite auf euch. Reinhören lohnt immer.

 

von Frank-Christian Stoffel und Marco Trovatello (Twitter @fcstoffel @marco_t)