Müde, aber nur ein bisschen — Elvis Furtuna hat eine Odyssee hinter sich, Foto: Dörthe Boxberg

»Jede Nacht haben wir Angst«

Elvis Furtuna setzte sich in Albanien für Roma ein.

Nun soll er aus Deutschland abgeschoben werden

»Es gibt so vieles zu erzählen«, sagt Elvis Furtuna. Er sitzt an einem kalten Mittwochabend im Büro des Rom e.V. in Ehrenfeld vor einer dampfenden Kaffeetasse, seine Jacke hat er anbehalten, ein wenig schüchtern sucht er nach den richtigen Worten. »Meine Stimme ist nicht gut«, sagt er lachend, als das Aufnahmegerät auf dem Tisch steht. Dann beginnt er zu erzählen.

 

Sein Vater leitet in der albanischen Hauptstadt Tirana seit mehr als zwanzig Jahren die Hilfsorganisation »Rromani Baxt«. Dort setzt er sich für die Rechte von Roma ein, die als größte Minderheit Europas teils menschenunwürdig in Albanien lebt: in Slums, auf Müllhalden, an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Furtuna hat ihn bei dieser Arbeit mit Filmberichten über die rassistische Diskriminierung von Roma unterstützt. »Kurz vor unserer Flucht haben wir auf die Situation von Familien aufmerksam gemacht, deren Häuser von der Polizei in Brand gesteckt wurden«, sagt Furtuna. Dann hätten die Probleme für ihn und seine Familie angefangen. »Die Polizei hat uns mit Kalaschnikows bedroht. Sie haben gesagt, sie würden unsere Frauen und Kinder entführen und zur Prostitution zwingen.« Sein Vater habe darauf-hin Flugtickets nach Deutschland besorgt, für seine Frau, seinen Sohn und dessen Familie. Innerhalb einer Stunde habe die Familie ihr Haus in Tirana verlassen, der Vater blieb. Das war im Mai 2014.

 

Seitdem hat die Familie eine Odyssee durch mehrere deutsche Städte hinter sich. Mit dem Finger malt Elvis Furtuna die Stationen der vergangenen zwei Jahre in die Luft: Hannover, Braunschweig, Bielefeld, Schöppingen — und jetzt Köln. In zwei kleinen Zimmern in der Sammelunterkunft an der Boltensternstraße in Riehl lebt die Familie nun. Seine Töchter gehen in weiterführende Schulen, sein zweijähriger Sohn in den Kindergarten. Nur Furtunas Mutter wurde an einem Morgen im Dezember um fünf Uhr abgeschoben.

 

Wenige Wochen später veröffentlicht ein Bündnis, darunter der Rom e.V., der Kölner Flüchtlingsrat und der Runde Tisch für Integration, einen Offenen Brief an Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Die Initioativen fordern den sofortigen Abschiebestopp für Menschen, die seit mindestens fünf Jahren mit Duldungen in Deutschland leben. »Elvis Furtuna und seine Familie gehören nicht zu dieser Gruppe, für die diese laute Trommel gerührt wird«, sagt Hasiba Dzemajlji. Sie hat mit Furtuna und anderen Roma die Kölner Initiative »Dosta — Es reicht!« gegründet. Dzemajlji sagt: »Albanien ist heute ein sogenannter sicherer Herkunftsstaat. Aber für Roma ist die Situation dort weiterhin verheerend.«

 

Das zeigt auch die Geschichte von Furtunas Frau Silvana, deren Schwester als Kind aus der Schule entführt und ermordet wurde. »Silvana ist seit diesem Tag nicht mehr in den Unterricht gegangen. Hier in Köln lernt sie Lesen und Schreiben«, erzählt Furtuna stolz. Für seine Töchter hat er jahrelang eine Privatschule in Tirana bezahlt, irgendwann wurde es aber auch dort für sie zu gefährlich. All dies habe er bei seiner Anhörung auch erzählt — der Bleiberechtsantrag seiner Frau wurde dennoch im November 2015 abgelehnt. Mit einem Anwalt von Rom e.V. will Furtuna nun dafür kämpfen, dass sie aus humanitären Gründen in Deutschland bleiben können: »Jede Nacht haben wir Angst, dass die Polizei kommt, um uns abzuholen.« Vor einem Jahr hat Furtuna sich bei einem Sturz das Bein gebrochen, kurz darauf rutschte er auf der Treppe aus und brach sich einen Rückenwirbel. »Ich  bin müde«, sagt er und fügt dann schnell hinzu: »Aber nur ein bisschen.«

 

Seit einigen Wochen arbeitet Furtuna in einem Paketlager — gegen den Rat seines Arztes: Acht Stunden am Tag transportiert er Pakete durch die Regalreihen. Nebenbei engagiert sich Furtuna für soziale Projekte. In seinem Haus in Tirana hatte Furtuna sich als Toningenieur ein Musikstudio aufgebaut. In Köln komponierte er ein Stück für die Ausstellung des Flüchtlingsbootes im Kölner Dom — am Computer in der Unterkunft. Und an der der Filmschule in Mülheim produzierte er mit geflüchteten Kindern das Musikvideo »Respekt«. »Ich brauche nicht viel«, sagt Elvis Furtuna. »Nur eine kleine Starthilfe. Laufen kann ich alleine.«