Rollenspiele im Rampenlicht
Zwei Anfänge zweier Filme. Zweimal ist gleich im ersten Bild die titelgebende Figur zu sehen, die sich auf den Weg macht, um sich der Öffentlichkeit zu stellen. Sie wird, jede für sich, den weiteren Verlauf des Films bestimmen. Die eine betritt ein Gebäude voller Menschen, Blitzlichter und Stimmengewirr, alle Augen auf sie gerichtet, sie hält den Blicken mühelos stand. Im anderen Film ist die Hauptfigur in Nahaufnahme zu sehen, wie sie um Fassung bemüht aus der völligen Stille an einem See zurück zu einem Anwesen geht, um dort einem Fernsehjournalisten Rede und Antwort zu stehen. Abrupt wird man beide Male hineingeworfen in das unmittelbare Ringen dieser Menschen um ihre Reputation. Der eine ist Pablo Neruda, der chilenische Dichter, Nobelpreisträger und kommunistische Senator, der 1948 in einer Rede im Kongress Präsident Videla und seine Regierung des Verrats bezichtigt und danach abtaucht, um seiner Verhaftung zu entgehen. Die andere ist Jacqueline Kennedy, die am 22. November 1963 miterleben muss, wie ihr Ehemann, US-Präsident John F. Kennedy, in Dallas auf offener Straße erschossen wird und nun darum kämpft, ihr Leben und ihr Image wieder auf die Reihe zu kriegen.
»Neruda« und »Jackie« widmen sich Protagonisten der politischen Umwälzungen des mittleren 20. Jahrhunderts. Und beide sind vom selben Regisseur. Der chilenische Filmemacher Pablo Larraín (»No«, »El Club«) hat zwei Ikonen der Zeitgeschichte seziert, die bei allen offensichtlichen Unterschieden erstaunlich viel gemeinsam haben.
Beide Filme sind keine Biopics im klassischen Sinne. Larraín geht es weniger darum, ein Leben nachzuerzählen, er konzentriert sich auf eine kurze, aber signifikante Episode, um die Auseinandersetzung mit einem Mythos und bis zu einem gewissen Grad auch das Bewusstsein und die Auseinandersetzung der Personen mit ihrem Mythos. Pablo Neruda und Jackie Kennedy stehen beide im Rampenlicht der Öffentlichkeit und beide sind, schon aus reinem Selbstschutz, Meister der Maskerade. Neruda (Luis Gnecco) scheint dabei bereits einen inneren Trieb zum Rollenspiel zu haben. Je nach dem, ob er Gedichte rezitiert oder als Politiker auftritt, ändert sich seine Stimme völlig. Er liebt Kostümfeste, auf denen er in immer neuen Verkleidungen auftritt. Er gibt den treusorgenden Ehemann und amüsiert sich nachts mit Verehrerinnen auf Nacktparties. So ist es ihm später auf der Flucht vor dem Regime ein Leichtes, sich als Priester unerkannt auf der Straße zu bewegen oder bei einer Razzia in einem Bordell als eine der Damen unerkannt zu bleiben. Er hat sichtlich Freude an dem Versteckspiel, hinterlässt seinem Verfolger, dem ebenso literatur- wie selbstverliebten Polizisten Oscar Peluchonneau (Gael García Bernal) sogar Exemplare seiner Bücher — mit persönlicher Widmung.
Jackie Kennedy muss ihre Rolle immer wieder neu erfinden. Eben noch genoss sie das glamouröse Leben als First Lady, führte ein Fernsehteam stolz durch das von ihr dekorierte Weiße Haus, verkehrte mit den wichtigsten Menschen der Welt, und muss nun mitansehen, wie sie nach dem Tod ihres Mannes an den Rand gedrängt wird. Auch deshalb empfängt sie bereits eine Woche nach dem traumatischen Ereignis einen Journalisten (Billy Cudrup), um ihre Version der Ereignisse zu erzählen und ihren Platz in der Geschichte zu sichern. Und immer wieder macht sie klar, dass sie jedes Wort redigieren wird. Eine Legende entsteht nicht von allein, sie wird gebildet.
Beide Porträts sind eher »Meta-Biopics«, die es mit den Fakten nicht so genau nehmen. Sie maskieren, verspiegeln und überhöhen und sind damit ihren Protagonisten erstaunlich ähnlich. Durch diese Vexierspiele entsteht allerdings eine Intimität zu den Figuren, die sie abseits aller historischen Genauigkeit wahrhaftig werden lässt. Die Rückblenden in dem vom Interview gerahmten »Jackie« erweisen sich als Erinnerungsstrom seiner Hauptfigur und eines kollektiven Gedächtnisses. Bei »Neruda« wächst gar der Verdacht, ob nicht der Polizist und die ganze Verfolgung bloß eine Erfindung des Dichters Pablo Neruda sind.
Larraín folgt in seinem Werk keinem zwingend eigenständigen Stil, sondern adaptiert das Visuelle an sein Sujet. Ob die VHS-Ästhetik im Politthriller »No« oder das schale Licht in seinem Priesterdrama »El Club«, immer wieder findet er adäquate Bilder. »Jackie« ist ganz nah an seiner Hauptfigur, grandios komplex gespielt von Natalie Portman, und erzeugt so eine klaustrophobische Atmosphäre, die ihre Traumatisierung, ihr Gefangensein und ihren Kontrollzwang widerspiegelt. »Neruda« ist weiter angelegt, mit surrealen Elementen wie der Eingangsszene, in der sich der Debattierraum, in dem Neruda von seinen Gegnern Verrat am Präsidenten vorgeworfen wird, in eine Herrentoilette verwandelt.
Und wie bei seinen Figuren ist auch bei Pablo Larraín nie so ganz klar, welche Rolle er selbst bei alldem eigentlich spielt. »Neruda« und »Jackie« changieren zwischen Melodram und Satire, sind melancholisch und emphatisch und zugleich immer mit einer ironischen Distanz. Auch das macht den 40-jährigen Chilenen zu einem der interessantesten Regisseure seiner Generation.
Jackie (dto) CHI/F/USA 2016, R: Pablo Larraín, D: Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Greta Gerwig, 100 Min. Start: 26.1.
Neruda (dto) CHI/ARG/F/E/USA, R: Pablo Larraín, D: Gael García Bernal, Luis Gnecco, Alfredo Castro, 107 Min. Start: 23.2.