Jugendliches Alterswerk

Wim Wenders adaptiert in Die schönen Tage von Aranjuez Handkes Theaterstück in 3-D

Morgen ist es, und die Welt strahlt herrlich und leer. Paris schläft, und wer weiß, wann es wieder erwacht — wenn überhaupt. Auf den Hügeln über der Stadt, im weit ausreichenden Garten eines Hauses, auf dessen Terrasse mit Blick über die Ebenen, Wälder und Wiesen, sitzen eine Frau und ein Mann. Man könnte vermuten, dass sie dort schon seit längerem verweilen, und auch, dass ihr Gespräch nicht erst jetzt beginnt, selbst wenn es zu den Anfängen des Lebens, Liebens der Frau zurückkehrt. Ein Mann kommt hinzu, aber ihnen nicht nahe: Er sitzt im Haus, an einem Tisch, schaut auf die Terrasse hinaus und schreibt. Ist die Terrasse mit dem Paar seine Projektion, Schöpfung, oder dokumentiert er, was dort vorsichgeht? Ist er der Autor der Geschichte oder allein ein Schreiber? Der Tag verläuft ruhig, doch zum späten Nachmittag hin ziehen Sturmwolken auf. Geht die Welt unter?

 

Keine Umschweife, keine falsche Diskretion: »Die schönen Tage von Aranjuez« ist Wim Wenders‘ großartigster Film seit viereinhalb Dekaden — auch wenn das die internationale Kritik bei den Filmfestspielen von Venedig anders sah. Ein Gutteil des Genies ist Peter Handkes gleichnamiger Vorlage von 2012 geschuldet beziehungsweise Wenders’ Willen zur Werktreue — weshalb der Film auch in Französisch gedreht wurde, der Sprache von Handkes Bühnenstück. Das Paar wird wie auf einer Bühne gezeigt; der Film respektiert die Theatralik der Sprache — was heißt: deren geradezu haptische Qualität, deren Angreifbarkeit (im doppelten Sinne). Ein kleines Zwei-Personen-Welttheater in Form eines Kammerspiels darf sich entfalten.

 

Der Mann im Haus sorgt für eine selbstreflexive Distanz: Es ist die Perspektive, um die Wenders Handkes Vorlage erweitert — ganz (an)greifbar. Eine zusätzliche Dimension wird eröffnet, und Wenders trägt dem durch die Verwendung von 3-D Rechnung. Was tapsig klingt, aber in seiner Gestaltung sinnvoll, weil sinnlich richtig ist. 3-D beflügelt Wenders anscheinend wie nichts seit seinen frühen Versuchen auf 16-mm, der Arbeit mit Eastman Colors Farbpalette: Hier gibt es einen Materialwiderstand, ein Gestaltungsmittel, das es zu erforschen, zu verstehen gilt — der Avantgardefilm-Fanatiker Wenders ist noch einmal zum Vorschein gekommen. Was »Die schönen Tage von Aranjuez« zu etwas nur scheinbar Paradoxem macht: Einem wunderbar harmonischen Alterswerk mit all den Sehnsüchten, all dem Enthusiasmus eines Jugendwerks.

 

 

Die schönen Tage von Aranjuez (Les beaux jours d’Aranjuez) F/D/P 2016,
R: Wim Wenders, D: Reda Kateb, Sophie Semin, Nick Cave, 97 Min. Start: 26.1.