Rasender Stillstand
Auf der Bühne sitzt ein gespenstischer Doppelgänger von Iwanow mit Strumpfmaske, das Grab seiner schwindsüchtigen Ehefrau Anna im neonweißen Modul-Wohnzimmer ist schon geschaufelt. Sie selbst (Sophia Burtscher) wandelt in weiß wie ein Geist die weitläufigen Gutswege der Depot-Halle, streichelt ein verdorrtes Wurzelungetüm, als sei es ein blühendes Blumenbukett und singt immer wieder den wundervoll düstere Nick-Cave-Song »Girl in Amber«. Verantwortlich für die ästhetisch aufs Feinste aufgedonnerte Trauer seiner Ehefrau ist Iwanow selbst, den sie bis zur Selbstopferung liebt, ohne dass man an diesem Abend so recht versteht, warum eigentlich.
Denn bei Marek Harloff ist Iwanow ein angeekelter Slacker mit roter Wollmütze und unförmigem Wollmantel, der meist mit hängenden Schultern stumm herumsitzt. Er bringt alles um sich herum zum lähmenden Schweigen — auch die aufgeregt trappelnde Sound-Collage, die den Abend einleitet, auch die hektischen Verbesserungsvorschläge, die Verwalter Borkin im Sportdress (Max Mayer) wie seine Tennisbälle an die Wand donnert.
Borgmann zeichnet an diesem Abend ein Krankheitsbild: das des verlorenen Melancholikers und Selbstmörders Iwanow, aber auch das einer überdreht aktionistischen Gesellschaft, die jedes Maß verloren hat. Die verlotterten Hohlköpfe werden von den reichen Lebedews nebenan repräsentiert, mit allerlei glitzerndem Sinnlostrash in Slow-Motion konterkarieren sie das in tiefschwarzen Gruselbuchstaben angemalte Wort »Komödie«. Genauso falsch und billig müssen sie dem Melancholiker Iwanow er-scheinen, dem die Frauen verfallen, weil sie seine düstere Seele ret-ten wollen. Borgmann hat eine von Bildender Kunst inspirierte, intelligente Regie-Installation der Entschleunigung geschaffen, die uns in Iwanows Kopf hineinzieht und zeigt, dass fahler Aktionismus die Welt auch nicht aus ihrer Grunddisposition der Traurigkeit retten kann.
Über die Zuschauersitze macht sich Iwanow schließlich aus dem Staub, während die rote Mütze im Raum baumelt. Der einzige, der noch krampfhaft steppend eine Utopie hochhält, ist der eifrige und verzweifelte Landarzt Lwow (Gerrit Jansen), er thematisiert Kunst, Wissenschaft, die eigene Schauspielperformance und die große Welt — bevor er auch vor der Vergeblichkeit kapituliert. -Selten erschien sie so schön zurechtgemacht.
»Iwanow«, A: Anton Tschechow, R: Robert Borgmann, 18.2., Depot 1, 19.30 Uhr